FILMKUNST„Auto-Kino!“ : Schleudertrauma

Jens Hinrichsen

Ein Museum, in das man direkt hineinfährt, würde wohl am Einspruch der Restauratoren scheitern. Abgase! Unfallgefährdete Originale! Mit „Auto-Kino!“ verwirklicht der britische Künstler Phil Collins nun sein Konzept einer Drive-in-Ausstellung in der Temporären Kunsthalle. Nur stehen die Motoren der 15 hier geparkten Gebrauchtwagen still, wie das im echten Autokino vorwiegend auch der Fall ist.

Collins’ Hommage an die Freilichtspieltheater, die insbesondere in den USA der Fünfziger beliebt waren und von besorgten Sittenwächtern beäugt wurden, gilt einem Auslaufmodell, das soziokulturell immer noch fasziniert: als Verschränkung zwischen öffentlichem und privatem Raum, in dem der Film selbst manchmal weniger interessant war als die Beschäftigung mit dem Sitznachbarn. Das „Auto- Kino!“-Programm mit über 100 Filmen ignoriert die ohnehin oft fließenden Grenzen zwischen Experimental- und Dokumentarfilmen, Thrillern, Melodramen und Kunstvideos. Teils hat Collins Künstlerfilme von Kollegen wie Harun Farocki, Christian Jankowski, Sharon Lockhart oder Hito Steyerl ausgesucht, andere (von Ilona Baltrusch oder Telémacos Alexiou) laufen im Rahmen einer Kooperation mit der Berlinale-Sektion „Forum Expanded“.

Der Beitrag der Amerikanerin Kerry Tribe zeigt, höchst passend, eine Schleuderfahrt aus der Windschutzscheibenperspektive (Foto). Neben Spielfilmen von Fritz Lang bis Rosa von Praunheim steht auch die gruselige Landstraßenfahrt aus Hitchcocks „Psycho“ auf dem Programm – allerdings in der extremen Zeitlupenversion „24 Hour Psycho“ von Douglas Gordon, die in voller Länge nur für Extrem-Sitzsportler geeignet ist. Jens Hinrichsen

Temporäre Kunsthalle, Fr 5.2. bis So 14.3.,

tgl. 14-21 Uhr, Eintritt frei

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