Finanzkrise : Wellen der Angst

Begonnen hatte die Woche mit einem Knall, nach und nach war sie zu einem Wirtschaftskrimi geworden. Erst war die Hypo Real Estate gerettet, dann nicht mehr - und nun? Die Banker und die Finanzkrise: Innenansichten eines erschütterten Systems.

Marc Neller

Frankfurt am MainHaben sie die Scherben zusammengekehrt? Es ist an diesem Montagmorgen das wichtigste Thema des Landes: Wie wacht Deutschland auf? Als ein Staat, dem die Kernschmelze des Finanzsystems droht? Ein Land, das an der Katastrophe noch einmal vorbeigeschrammt ist? Was ist in der Nacht beschlossen worden?

Man muss sich das so vorstellen: Krisengipfel im Bundesfinanzministerium an der Wilhelmstraße. Übernächtigte Banker und Politiker beraten und streiten gegen die Finsternis vor ihren Fenstern an. Sie stehen unter Druck. Um zwei Uhr früh eröffnen Asiens Börsen, und wenn die Händler dort mitbekommen, dass die deutsche Hypo Real Estate nun doch nicht gerettet ist, wie Freitag noch verkündet, dann könnte nicht nur diese Aktie, dann könnten auch viele weitere deutsche Banken- und Versicherungspapiere spektakulär abstürzen.

Experten zerbrechen sich die Köpfe

Es sind die Höchsten der Republik, die hier sitzen. Mehr Verantwortung an einem Tisch geht nicht. Bundesbankpräsident Axel Weber ist dabei, Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, auch Klaus-Peter Müller, Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken. Und drüben, im Kanzleramt, zerbrechen sich noch mehr Experten den Kopf über das Problem.

Diese Nacht war nicht vorherzusehen. Man hatte geglaubt, sie schon vermieden zu haben, nach einer irren Woche, einer Woche wie ein Wirtschaftskrimi.

Frankfurt, Mitte der Woche. Christian Lange ist gewappnet für seinen Auftritt. Er kann ja die große Welt nicht anhalten, aber er wird seinen Job erledigen und zwar so wie immer.

Christian Lange ist Schweizer, und der Schweizer, sagt er, kennt sich in Gelddingen traditionell gut aus. Er ist mit einer Deutschen verheiratet, mit den Deutschen kennt er sich also auch aus. Zudem hat er etwas zu bieten, eine Dienstleitung, die die Leute doch glücklich machen muss, denn er will ihr Geld mehren. Und das Ambiente stimmt auch. Saal 15 im Erdgeschoss des Steigenberger Hotels Frankfurt, holzvertäfelte Wände, geschliffene Spiegel, Kronleuchter, gnädiges Licht. Wenn nur die Finanzkrise nicht wäre.

Die Krise schien abgewendet

"Es ist heute Abend ein etwas intimerer Kreis als sonst", sagt Lange, der groß ist, schlaksig, Anfang dreißig, mit einer Bankerfrisur wie aus den 50er Jahren und dazu passender Brille. Er steht vor einer Leinwand, auf der gleich seine Powerpointpräsentation erscheinen wird. Es ist Mittwoch. Seit Sonntag ist bekannt, dass dem Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate wegen massiver Liquiditätsprobleme ein Zusammenbruch droht. In der Nacht zum Montag hatten Bundesregierung und Finanzbranche sich über die Rettung der HRE geeinigt. Es ging darum, die Kredite in Höhe von 35 Milliarden Euro, die die Hypo zu ihrer Rettung braucht, durch Bürgschaften abzusichern, von denen der Bund mit rund 26,6 Milliarden die Hauptlast trägt. Ein Konsortium aus Banken und Versicherungen sollte den Rest übernehmen. Eine Pleite schien verhindert, die eine Kettenreaktion mit verheerenden Folgen ausgelöst hätte, aber das ist nicht Christian Langes Thema.

Vor ihm sitzen elf Paare wie in der Schule in zwei Tischreihen, rechts und links, mögliche Kunden. Lange ist im Auftrag des Vermögenszentrums hier, der deutschen Tochterfirma eines Schweizer Konzerns für Finanzdienstleistung. Er führt durch eine Art Anlage-Tupperabend für Wohlhabende, die es sich leisten können, 400 000 Euro in ein glückliches Alter zu investieren. "Das ist so ein Durchschnittswert", sagt Lange.

Nervosität greift um sich

Er fragt sich, ob es nun schlecht ist, dass nur elf Paare den Weg in den Frankfurter Hof gefunden haben, wo es doch sonst doppelt so viele sind. Oder gut, weil immerhin elf gekommen sind. Trotz allem. Der Anleger, der deutsche besonders, ist für ihn ja ohnehin ein volatiles Wesen, emotional und in Gelddingen nicht so offen. Aber die Finanzkrise hat ein scheues Reh aus ihm gemacht.

Lange kann das verstehen, die Nervosität hat ja noch ganz andere erfasst. Sie hat sich in den vergangenen Tagen Zutritt zu den Chefetagen der europäischen Banken verschafft. Einer der großen Schauplätze, der von dieser Nervosität jetzt infiziert ist, ist die Stadt, in die Christian Lange gekommen ist, um Geschäfte zu machen.

Anleger verlieren viel Geld

Frankfurt, ausgerechnet. Die Banker hier haben immer darunter gelitten, dass es in anderen Finanzmetropolen stets Kollegen gab, die in den Paradedisziplinen besser waren. In Zürich die Vermögensverwalter, in London die Investmentbanker und in New York praktisch alle. Sie haben versucht, aufzuholen, doch viele Versuche schlugen fehl. Die deutschen Kreditinstitute sollten fusionieren, um international konkurrenzfähige Großbanken zu schaffen. Das misslang über Jahre hinweg. Und jetzt sind die Banker am Main in einer eigenartigen Lage. Sie haben erste Erfolge in ihrem Bestreben, es den Großen nachzumachen - die Commerzbank hat die Dresdner Bank gekauft, die Deutsche Bank ist bei der Postbank eingestiegen -, und dann kommt die Krise und führt ihnen vor Augen, dass ihr vergleichsweise bescheidenes, nicht ganz so risikoreiches deutsches Modell eigentlich gar nicht so schlecht war, dass ihnen das aber nun auch nichts mehr nutzt.

Die Lage hat sich dramatisch zugespitzt, übers Wochenende noch einmal, und sie stecken mittendrin. Banken haben sich mit Kreditpapieren verzockt, Unternehmen müssen um ihre Liquidität bangen, Anleger verlieren viel Geld.

Noch vor acht Tagen konnten die Manager von Frankfurt aus über den Atlantik zeigen, jaja Krise, unschön, folgenreich, aber irgendwie doch das Beben der anderen. Dann kam der Sonntag vergangener Woche. Die Bundesregierung musste sehr schnell handeln, um den Münchener Dax-Konzern Hypo Real Estate noch zu retten, denn an der Hypo hängt ein großer Teil des deutschen Pfandbriefmarktes, und der galt - mit einem Volumen von 900 Milliarden Euro! - bisher vielen Menschen weltweit als krisensichere Anlage.

Eines ist klar: Die Krise trifft Europa

Möglicherweise, so sagte hinterher Bundesbankpräsident Weber wäre "der gesamte Zahlungsverkehr in Europa zusammengebrochen". Und Finanzminister Steinbrück meinte schaudernd, er habe in einen Abgrund geblickt.

Schon ein paar Tage später wird die Frage im Raum stehen, ob er tief genug hineingeblickt hat. Denn eines ist nun allen klar. Die Krise trifft Europa - während in Deutschland hektisch an einem Plan für die Hypo Real Estate gewerkelt wird, retten die Niederlande, Belgien und Luxemburg den Finanzkonzern Fortis, indem sie ihn praktisch verstaatlichen -, sie trifft Deutschland, trifft Banken, die bis eben noch als krisenfest galten, und verschlingt Steuergelder, obwohl Politiker in vielen Statements bis vor kurzem erklärt haben, dass genau das nicht passieren werde.

Es kracht, und der, der es als Erster ausspricht, ist der Mächtigste unter ihnen.

Ackermann unterstützt ein eurpäisches Rettungspaket

"Schön", sagt Josef Ackermann, "mal eine kurze Auszeit von der Finanzkrise zu haben." Es ist Mittwoch vergangener Woche, in der Nacht wird eine weitere Sitzung bevorstehen, in der die Finanzbranche darum feilschen wird, wie sie ihren Teil der Hypo-Rettungsbürgschaft intern verteilen will. Ackermann hat schon schwache dunkle Ränder unter den Augen. Sonst sieht in diesem Moment alles noch nach einem angenehmen Termin aus. Er darf als Mäzen auftreten. Seine Deutsche Bank vermacht dem Frankfurter Städel eine Sammlung mit 600 bedeutenden Kunstwerken, Gemälde und Zeichnungen von Baselitz, Kippenberger, Immendorf, Richter und Beuys. "20 Millionen Euro Wert, konservativ geschätzt", sagt Ackermann, als er gefragt wird, was dieses Geschenk denn wohl wert sei. "Konservativ geschätzt" gefällt ihm gut, er wiederholt es. Der Saal ist voller Journalisten, und am Rande streut Ackermanns Stab, der Chef werde an diesem Tag nur über Kunst sprechen. Das kommt anders.

Ackermann hat es noch bis in den Raum geschafft, in dem die geschenkten Werke ausgestellt sind, dann sagt er einen Satz, der nur als das wahrgenommen werden kann, was er ist: ein Notruf aus Frankfurt, Systemalarm.

"Wenn die USA ein solches Paket verabschieden, sollte Europa bereit sein, vergleichbare Lösungen zu finden", sagt Ackermann. 50 Journalisten umringen ihn in diesem Moment, in dem der oberste Verfechter des Kapitalismus ein staatliches Rettungspaket für Banken erbittet. Ein Paket nach amerikanischem Vorbild, auch wenn dieses in jenem Moment noch nicht sicher ist, denn Anfang der Woche war Bush mit seinem Plänen, den Banken fragwürdige Kredite abzukaufen, um das gesamte Geldsystem zu stabilisieren, gerade erst am Widerstand des Repräsentantenhauses gescheitert. Hat Ackermann da schon eine Ahnung? Weiß er schon, was drei Tage später passieren wird? Schließlich sind es die Fachleute seiner Bank, die die Daten der Hypo Real Estate prüfen.

Ackermanns Worte sind ein Versuch, den Druck auf die Politik zu erhöhen. Auf die deutsche, die europäische. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten.

Trichet: Die Banken überschätzen die Risiken

Es ist Donnerstag, halb drei, als in einem Konferenzsaal der Europäischen Zentralbank EZB im Zentrum Frankfurts ein schmaler Mann Mitte 60, mit grauem Gesicht und sauber gezogenem Scheitel auftritt, um öffentlich zu erklären, was die europäische Notenbank zu tun gedenke. Denn Ackermanns Forderung nach einem europäischen Fonds setzt auch die EZB und deren Präsident unter Zugzwang.

Jean-Claude Trichet hat ein viereinhalbseitiges Statement vorbereitet. Er liest vom Blatt ab. Als er an der entscheidenden Stelle ankommt, ist die Antwort: nichts. Die EZB, sagt Trichet, habe sich entschieden, die Zinsen nicht zu senken. Die Banken neigten dazu, die Risiken zu überschätzen. Sie mögen doch bitte Fassung bewahren.

In Deutschland scheint es erst mal zu wirken. Fassung bewahrt, Rettung erreicht. In der Nacht zum Freitag einigt sich das Konsortium aus Banken und Versicherungen endlich, wer welchen Teil ihrer Bürgschaftslasten trägt. Die Rettung der HRE gilt allgemein als gesichert. Die Aktie schießt um 41,43 Prozent hoch.

Ein ausgewachsener Bankenskandal

Einen Tag später sitzen in Paris die europäischen Regierungschefs zusammen, um darüber zu verhandeln, wie man die Probleme lösen will. Den gemeinsamen Hilfsfonds, den Frankreichs Staatspräsident Sarkozy wollte, wird es nicht geben. Keine Einigung, das steht am frühen Abend fest. Jedes Land soll mit seinen Bankenskandalen alleine fertigwerden. Angela Merkel hat das so mitbestimmt. Angela Merkel, die noch am selben Abend mit genau diesem Problem dasitzen wird: einem ausgewachsenen Bankenskandal.

Denn da tut sich der Abgrund wieder auf, in den Steinbrück gesehen hat. Er ist tiefer denn je.

Die Hypo Real Estate verschickt die Meldung, dass die am milliardenschweren Hilfsplan beteiligten Banken ihre Zusage zurückgezogen haben. Es droht das, was die Banker in Frankfurt im vertraulichen Gespräch vergangene Woche als "worst case" bezeichnet haben. Das Ausmaß der Krise zeigt sich an der Art, wie die Beteiligten reagieren. Die Sprecher der Hypo flehen, der Finanzminister flucht, und die Kanzlerin tritt am Sonntag vor die Mikrofone, wie noch vor ein paar Tagen Präsident Bush, nachdem sein 700-Milliarden-Rettungsplan für die Banken gescheitert war. Es ist sowieso fast gespenstisch, wie die Situation in Deutschland, wo man sich so lange fern der Krise gewähnt hat, plötzlich der in den USA ähnelt, wo alles begonnen hatte.

Die zweite Woche der deutschen Finanzkrise hat begonnen

Bemüht, eine Panik zu verhindern, sagt Angela Merkel: Dies war noch nicht das Ende aller Verhandlungen! Sie droht auch. Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen. Sie muss das auch, denn es gibt da noch eine, eine gefährliche Parallele zu Amerika.

Nachdem Präsident Bush dort seinen 700-Milliarden-Plan angekündigt hatte, waren die Wähler, ja, man kann sagen, ausgeflippt. Zehntausende riefen bei ihren Abgeordneten an, um die Idee zu kippen. Belohnt nicht die krummen Geschäfte der miesen Wall-Street-Bosse, so in etwa lautete der Tenor. Zum Ende derselben Woche ist diese Empörung auch in Deutschland zu spüren. Nach einer Emnid-Umfrage sind am Wochenende 49 Prozent der Deutschen dagegen, Banken durch Steuergelder vor der Pleite zu retten.

Was tun diese Menschen, wenn die Regierung, wie von der Hypo erbeten, die Bürgschaft erhöht? Die zweite Woche der deutschen Finanzkrise hat erst begonnen.

Von all dem weiß Christian Lange noch nichts, als er Mittwoch im Saal 15 des Frankfurter Steigenberger seine Zuhörer in den stürmischen Abend entlässt. "Die Anlagen möglichst breit streuen, Risiken verteilen, das sind die Lehren aus der Finanzkrise", sagt er noch. Er wird mit einer Überraschung zurückfliegen. Zehn von elf Paaren sind interessiert, sensationelle Quote. Normalerweise ist es schon gut, wenn die Hälfte der Zuhörer einen Beratungstermin will. Verkehrte Finanzwelt. Er versteht es selber kaum, aber was soll's.

Mitarbeit: Christine-Felice Röhrs

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben