Zeitung Heute : Fischer zu Gast bei Gauck: Staatsfeinde unter sich

Harald Martenstein

Joachim Gauck, der neue Talkmaster der ARD, stellt bemerkenswert lange Fragen. Manchmal macht er auch lange Pausen.- Einmal, zu Beginn seiner ersten Sendung, schien ihm sekundenlang der Beruf seines Gegenübers entfallen zu sein. Joachim Gauck ist kein Fernsehprofi. Aber nervöser als er schien sein Gesprächspartner zu sein, der Außenminister und Fernsehprofi Joschka Fischer. Je länger Gaucks erste Sendung dauerte, desto deutlicher wurde, dass sich hier die Richtigen gefunden hatten, einerseits der pastorale Gauck, ein Mann von moralischer Autorität, andererseits der frühere Sponti und einstige Polizistenverprügler, einer, dessen moralische Autorität zurzeit von seinen Gegnern in Frage gestellt wird. Beide waren sie mal Staatsfeinde, der eine Anti-DDR, der andere Anti-BRD.

Von Gauck musste sich Fischer Fragen gefallen lassen, bei denen er sonst vielleicht aus der Haut gefahren wäre. Zum Beispiel: Ob das "Bullenklatschen" der einstigen West-Linken nicht im Grunde das Gleiche gewesen sei wie das "Zeckenklatschen", das heute die jungen Rechten betreiben? Gauck redete von "Sündenstolz" und ließ das Wort "Schreibtischtäter" einfließen. Bei einer bestimmten Formulierung ging ein Ruck durch Joschka Fischer, ein Zittern. Eine Sekunde lang sah es so aus, als wolle er aufspringen und das Studio verlassen. Das war, als Gauck, im gleichen freundlichen Pastorenton wie immer, von einem "Defizit an humaner Gesinnung" sprach.

Was sagte Fischer? Die Linke sei damals, zur "Zeit des Anti-Vietnam-Protestes", ein Stück weit "der totalitären Versuchung erlegen". Was er selber getan habe, die paramilitärischen Übungen im Wald etwa, hänge auch zusammen mit "der Gewalt, die man erfahren hat": "Wie wehrt man sich dagegen, dass man immer wieder verdroschen wird?" Die Rechtfertigung eigener Gewalt mit der potenziellen Gewalt anderer - das ist eine Argumentation, die Joschka Fischer den Vergleich mit dem Historiker Nolte eingetragen hat. Er erlebe nicht zum ersten Mal "Hass", sagte Fischer, und erinnerte daran, dass in Terroristenkreisen einst darüber diskutiert worden sei, ihn zu "eliminieren".

Der Gesinnung von damals abschwören, die Taten von damals rechtfertigen, aber gleichzeitig betonen, dass man "nichts rechtfertigen" wolle, einerseits zerknirscht sein, andererseits sich selbst als das eigentliche Opfer darstellen - das ist die Mischung. Joschka Fischer hat sie nicht erfunden. Sie wird fast immer angewendet, wenn ein Mächtiger wegen seiner Vergangenheit in Schwierigkeiten gerät.

Es gibt in dieser Diskussion ein Missverständnis, nämlich, dass es in der Angelegenheit Fischer grundsätzlich um die 68er gehe. Diese Idee hat überall in den Medien verschiedene politische Lager auf die Barrikaden gerufen, erstens die Revisionisten, die "68" gern ungeschehen machen würden, zweitens die Renegaten, die mit Joschka Fischer ihre eigene linke Vergangenheit erledigen wollen, die dummen, lästigen Träume von damals, drittens die Nostalgiker, die so tun, als sei heute noch fast alles richtig, was man damals gedacht hat. Aber eine Bewegung oder ein historisches Ereignis lassen sich nie auf eine Person oder eine persönliche Verfehlung reduzieren, sonst könnte man ja mit Helmut Kohl die gesamte CDU abhaken oder mit der Affäre "Neue Heimat" die Gewerkschaftsbewegung. Vor allem - Joschka Fischer ist, genau genommen, gar kein 68er. Im Gegenteil. Die Spontis, sein politischer Ursprung, sind eher die erste Anti-68er-Bewegung gewesen.

Anfang der 70er Jahre war ein großer Teil der 68er Bewegung in neomarxistischen Sekten erstarrt, man träumte von der proletarischen Revolution, las Marx, Reich oder Trotzki wie eine Bibel, viele orientierten sich nach China oder Albanien, sogar die DKP hatte einigen Zulauf. Die Spontis waren meist jünger. Sie hielten wenig von Marx, von Theorie und Arbeiterklasse. Sie sagten: Wir müssen vom Subjekt und seinen Bedürfnissen ausgehen, nicht vom Klasseninteresse. Die Spontis waren Neo-Anarchisten, geistige Vorfahren der Autonomen, verspielt, knallhart und machtbewusst. In den linken Bündnissen galten sie als notorisch unzuverlässige Genossen, sie wollten Spaß und schlugen bei Demos meistens als erste zu, sie predigten, erst einmal müsse die Macht erobert werden - danach würde man schon sehen, was man mit der Macht anfängt. Es waren weniger die Nazi-Eltern, gegen die sie sich wendeten, sondern die ideologisch fixierten 68er, diese Prinzipienreiter. Im Bild der Spontis leuchtete bereits die Fun-Generation auf.

Diese Details sind wichtig, um zu verstehen, dass Joschka Fischer bei Joachim Gauck nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Er hat stattdessen das getan, was in Deutschland immer wieder gerne getan wird: Er hat über sich selber wortreich geschwiegen und die Verantwortung für die eigenen Taten der nächstälteren Generation zugeschoben. Über seine eigenen Träume von damals hat er nicht gesprochen. "Der Versuchung des Totalitarismus erlegen" - nein, totalitär haben die Spontis nie gedacht, falls "totalitär" Allmacht des Staates bedeutet. Die Spontis hatten von der staatlichen Ordnung, die sie im Falle eines Sieges errichten würden, keine genaue Vorstellung, sie waren auf jeden Fall gegen die autoritäre Sowjetunion und die langweilige DDR. Der "Vietnamkrieg", von dem Joschka Fischer spricht, war im Frühjahr 1975 vorbei. Mit den Zielen der Spontis und dem Frankfurter Häuserkampf hatte der Vietnamkrieg nicht viel zu tun.

In der "FAZ" ist zuletzt die Frage gestellt worden, worin der Sinn von Joschka Fischers ungewöhnlicher Karriere wohl liegt. Für wen oder für was sie sich gelohnt hat, welches Ziel, welche Idee. In diese Richtung zielte auch Gaucks letzte Frage: "Worin sind Sie sich treu geblieben?" Fischer sagte: "Darin, dass ich für eine humane Welt streite." Humane Gesinnung. So viel. So wenig.

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