Zeitung Heute : Fischers Vergangenheit: Keine Mollis, keine Waffen, kein Carlos

Robert von Rimscha

Am Dienstag, beim Klein-Prozess in Frankfurt, war alles klar. Da ging es formal um den Überfall auf die Opec- Konferenz und die Erkenntnisse des Zeugen Joschka Fischer. Eigentlich aber ging es um die Vergangenheit des Außenministers. Am Mittwoch, im Bundestags-Plenum, war weniger klar. Da handelten die Fragen der Opposition formell von Fischers Verhältnis zur Gewalt. Eigentlich aber ging es um das Geschichtsbild der Bundesrepublik. Das war spätestens klar, als Rezzo Schlauch, der grüne Fraktionschef, am Rednerpult stand. Er gestikulierte wild, ruderte mit den Armen, stellte sich auf die Zehenspitzen und sagte dann jenen Satz, der zum lautesten Protest im bürgerlichen Lager führte. "Wir waren damals mitnichten ein liberales, weltoffenes, tolerantes Land."

Mit dem Wörtchen "damals" meinte Schlauch jene Phase ideologisch motivierten Protests und theoretisch begründeter Gewalt gegen den Staat, die in vielen Schattierungen 1968 begann, sich über Fischers Spontibewegung der 70er Jahre fortsetzte und ihren Schlusspunkt im radikaleren Teil der Hausbesetzer- und Anti-Akw-Bewegung fand. Der Bundestag stritt über die Frage, ob Deutschland durch all diese Bewegungen besser wurde, ob sie rückblickend ein Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft wurden oder als Irrweg in den Fußnotenteil der Geschichtsbücher gehören.

Ach ja, Fischer. Der Mann, der diesen Historikerstreit ausgelöst hat, verpackte sein Grundsatzurteil in einem Nebensatz. Damals habe er Teil gehabt an einer "Revolution gegen die entstehende Demokratie", sagte Fischer. Die "entstehende" - die erst durch den Marsch durch die Institutionen, den die Ex-Revolutionäre bald aufnahmen, komplett wurde.

Es geht um die Reste des Unwohlseins, die das bürgerliche Lager bei der Gegenüberstellung mit jenen empfindet, die 1968 als wahre Geburtsstunde der Demokratie betrachten und heute auf der Regierungsbank sitzen. Sie hatten Fischer zu diesem Auftritt genötigt, aber es wurde an diesem Tag nichts Neues bekannt. Fischer blieb auch bei der zwanzigsten Nachfrage dabei: Brandflaschen hat er weder gebaut noch geworfen noch empfohlen; Terroristen hat er nicht beherbergt; Waffen hat er nicht versteckt; Carlos kennt er nicht.

"Um eine Enttäuschung reicher"

Ansonsten betonte er wieder einmal, wie schwierig es ist, Verhalten zu erklären, ohne es zu rechtfertigen. Er wehrte sich gegen aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, deren gefährlichstes wohl seine angebliche Äußerung ist, er habe "keine rechte Trauer um die hohen Herren" Buback, Ponto und Schleyer empfinden können, die prominentesten RAF-Opfer. Und er verteidigte Erinnerungslücken mit dem Hinweis an die Union: "Sie erleben doch mit Frau Baumeister und Herrn Schäuble, was Gedächtnis bedeutet!"

Der Beitrag des Außenministers schwankte zwischen zornig-hitzigen und eher getragenen Passagen. "Politisch erbärmlich" finde er die Art und Weise, wie seine ehemalige Fraktionskollegin Vera Lengsfeld, die im Dezember 1996 zur Union gewechselt war, ihre Insider-Kenntnisse aus Grünen-Zeiten nutze, rief der Außenminister. Der Abgeordneten fehle wohl der Mut, ihr Wissen wenigstens selbst für eine Frage zu nutzen. "Ich bin heute um eine menschliche Enttäuschung reicher geworden."

Der Kanzler, der wie Fischer bei den Fragen der Opposition bemüht lächelte und kopfschüttelnd grinste, sprang seinem Außenminister zur Seite: "Sie wollen seine politische Existenz vernichten - nur: Sie werden es nicht erreichen." Gegenüber politischen Irrtümern dürfe man nicht erbarmungslos sein, man solle einen Werdegang respektieren.

Fischer selbst ordnete Studentenunruhen, Spontis und Häuserkampf mit einem schlichten Satz ein: "68 hat zu mehr Freiheit in diesem Land geführt!" Die meisten Deutschen sehen es unter dem Strich ebenso. Und eben dies ist das Problem der Union - zunächst konnte sie ihr plötzliches Glück, dass Fischers Biografie noch einmal zur Munition wurde, gar nicht fassen, und nun weiß sie nicht mehr so recht, wie sie die Salven verschießen soll.

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