Zeitung Heute : Fischfrauen sind was Wunderbares

KERSTIN DECKER

Außenstehende machen sich ja keinen Begriff von dem Unglück, das ein allererster erfolgreicher Film bedeutet.Man sitzt darin sicher wie im Gefängnis.Rausgehen wäre leichtfertig, drinbleiben ist auch tödlich.Menschen mit vielen erfolgreichen Filmen haben es schon besser.Sie können die Gefängnisse wechseln, Rundgänge machen, die einstigen Zellen besichtigen.Das ist schon sowas wie Freiheit.Aber der zweite Film ist der schwerste."Little Voice" ist Mark Hermans zweiter Film.Der erste hieß "Brassed off"."Little Voice" ist nicht "Brassed off".Manche werden das für eine schlechte Nachricht halten, vielleicht sogar für Verrat, aber es ist eine wunderbare Nachricht.Keine Kopie.Wieder ein Original! Ein mißverständliches, ein anstößiges sogar.

Denn darf man Mütter so porträtieren wie Mark Herman es hier macht? Darf man über die Tatsache, daß Frauen älter werden und sehr herb, und manchmal noch älter und noch herber und außerdem schwere Berufe haben (Fischfrau!), aber trotzdem immer noch Lust (Brenda Blethyn) - darf man all das zeigen, und wenn ja, dann wirklich so? Natürlich darf man! Dieser Film nimmt keine Rücksichten, auf niemanden, schon gar nicht auf den guten Geschmack und man spürt, das wird was, von der ersten Minute an.Da hat Mutter Mari gerade Schwierigkeiten mit der Elektrik.Die beiden sind ja zusammen alt geworden, Fischfrau Mari und der Stromkreislauf ihres Hauses.Beiden fällt es immer schwerer, überhaupt noch Kontakt zu bekommen und ihre Sicherungen halten nichts mehr.Mari und ihre Hauselektrik haben sich spezialisiert auf energetische Höchstleistungen, die Außenstehende als Kurzschlüsse mißdeuten.

Mari hat eine Tochter.Aber das merkt Mari normalerweise gar nicht, denn das Mädchen spricht nicht.Irgendwann hat es damit aufgehört, vielleicht, weil Sprechen etwas ist, was schon ihre Mutter macht.Und wer will schon wie die eigene Mutter werden? Aber es gibt etwas, da kommen Mutter Mari und ihre Küstenvorortfischfrauenstimme nicht hin: Judy Garland, Shirley Bassey, Marlene Dietrich ...Wenn das Mädchen die Platten ihres toten Vaters hört, mag Mari da unten toben vor Wut oder Lust (hört sich beides gleich an), die Tochter bemerkt es nicht.Sie ist glücklich.Schade nur, daß der Plattenspieler doch mit Maris Haus verbunden ist.Eben durch den Stromkreislauf.Judy, Shirley und Marlene sind nichts ohne ihn.Bis irgendwann das Mädchen allein weitersingt.Mitten in die grauenhafte Kurzschluß-Stille hinein.Mit den Stimmen von Judy Garland, Shirley Bassey, Marlene Dietrich...Die junge, bei uns noch nahezu unbekannte Jane Horrocks gibt ihnen alle Färbungen des Originals.Millimetergenau.Für dieses seltsam-gespenstige Talent schrieb Jim Cartwright das Stück, das jetzt zur Vorlage dieses Films wurde.Wird "Little Voice" singen, auf einer richtigen Bühne?

"Little Voice" ist die Geschichte der Entdeckung eines Provinz-Stars.Könnte man denken.Aber in Wirklichkeit ist es die Geschichte eines Erwachsenwerdens.Es gibt wenige Dinge, die so hermetisch sind und so plötzlich, so endgültig passieren wie das Erwachsenwerden.Genau das zeigen Mark Herman und seine Ausnahme-Darstellerin Jane Horrocks.Man muß es nur ernst nehmen.Dann versteht man auch den furchtbaren Realismus dieses Films.Mutter Mari, ihr Liebhaber, der erfolglose Provinz-Produzent (wunderbar schmierig-verkommen: Michael Caine), all diese grotesken Spottgeburten in diesem Film sind nicht kühl berechneter Effekt.Sie sind bestürzend "echt".Denn das Kind nimmt sie so wahr.All die Geilheit, Verlebtheit, das wuchernde Fleisch und die lächerlich-widerliche Lust dieser schon viel zu lange Lebenden.Der böse und doch unschuldige Blick der Jugend.Ja, dieser Film ist gemein, aber anders als der erste Eindruck es will.

Nur einer erscheint uns fast wie immer: Ewan McGregor.Er spielt hier den, der einfach nur da ist, wenn man ihn braucht.Mitunter gehört so einem sogar die letzte Szene.Und eine ganz große Geste.Große Gesten muß man ganz klein machen.Nur wenige können das.Mark Herman gehört dazu.

Heute 19 Uhr (Royal-Palast), morgen 13 Uhr (Atelier am Zoo), 21.Februar 17 Uhr (International)

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