Zeitung Heute : Flachware

PETER HERBSTREUTH

Müdes Nachdenken über Kunst und Architektur beim art forum BerlinPETER HERBSTREUTHDas Begleitprogramm des Art Forums, mit öffentlichem Nachdenken über die Verbindung von Kunst und Architektur einen Schwerpunkt zu setzen, ist gescheitert.Offenbar sind nicht nur Galeristen mit der neuen Aufgabe überfordert, sondern auch Vermittler, die Podiumsteilnehmer zusammentelefonieren.Auch in den sonst aufschlußreichen Gesprächsrunden der Privatintiative Kunst (PIK) im ICC ging es vor allem um Informationsdefizite.Thomas Krüger, der sich als Politiker für die Belange der Kunst im Kunstbeirat der Bundesbauten einsetzt, und Manfred Schneckenburger, der ebenso dem Kunstbeirat angehört, mußten wiederholen, daß es sich um "integrierte Kunst" handelt, nicht um vagabundierende Werke. Ansonsten hatte das Symposium zu den Sachfragen, für deren Bewältigung allein in den Berliner Bundesbauten 30 Millionen Mark für Kunst ausgegeben werden, weder angemessene Vorschläge präsentiert noch eine Vision entzündet.Deutlich vernehmbar war aus den Messehallen nur, daß Galeristen beteiligt werden wollen.Sie fühlen sich ausgegrenzt. Auch das Symposion "Art of Change" im Hamburger Bahnhof hatte dem Thema zwei Runden gewidmet.Dort lautete der Tenor: Bessere Kunst für Flure, und Foyers als Perspektive auf eine künftige Museumssammlung.Flurkunst gibt es seit jeher und ist das neuformulierte Pendant zu "Kunst am Bau", die fast überall vor Finanzämtern, Bürobauten und in Fußgängerzonen die Sicht verhunzen.Neu ist aber, daß jetzt kilometerweit Büroflure zur Verfügung stehen.Und selbstverständlich scheint, daß für diese Wände die randvollen Lager der Händler "Flachware" liefern können. Mit der Verbindung von "Kunst und Architektur" in funktionalen Räumen, gar mit baubezogener Kunst hat das nichts zu tun. Obgleich ein Kunstvereinsleiter wie Stephan Schmidt-Wulffen aus Hamburg, der nebenbei ein Unternehmen für dessen Kunstankäufe berät, und ein Art Consultant, der maßstabssetzende baubezogene Kunst etabliert hat, Erfahrungen und Visionen haben, hörte man davon kaum.Es ging darum, wie Akzeptanz zu erreichen sei.Der Moderator Paul Maenz zielte zu Anfang ins Zentrum baubezogener Kunst: "Man redet nicht von Sammeln, sondern von Plazieren." Das wurde vom Bankberater sofort mißverstanden, mußte erklärt werden, und schon war alles durcheinander."Wem nützt diese Kunst am Arbeitsplatz? Die Verpflichtungen eines Unternehmens sind andere, als die eines Museums", versuchte es Maenz nochmals.Und man hörte die Argumente, die vor dreißig Jahren die Verfechter von "Kunst für alle" propagierten.Erst am Ende kam der Satz, mit dem alles hätte beginnen müssen: "Künstler, Architekten, Bauherren sollten von vorn herein in Dialog treten." Die Redner waren in schlechter Tagesform, ihre Interessensphären sind verheddert. Es gab Lichtblicke - allerings zu schwach, um zu leuchten.Der Architekt Eike Becker entwarf auf Vermittlung von Helge Achenbach mit dem Künstler James Turrell eine farbflexible Fassade in Leipzig, die deutlich machte, wohin die Reise gehen könnte.In den Fluren des Gebäudes hängt jedoch "scheußliches Zeug", so der Vermittler.Also kein Maßstab, sondern eine halbe Sache.Diese halbe Sache einen Lichtblick zu nennen, zeigt das Niveau.

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