Zeitung Heute : Fliegen wie wir

CHRISTIAN SCHRÖDER

Howard Hughes trägt Doppelripp: "Void" vom KOOP-TheaterCHRISTIAN SCHRÖDERBevor wir zugucken dürfen, müssen wir erst einmal mitmachen.Der Weg in den Zuschauerraum führt durch die Eingeweide der Hinterbühne.Durch einen schlauchengen Gang, vorbei an einem Aquarium, in dem frisch ausgeschlüpfte Fliegen metallisch surrend um ihr bißchen Leben kämpfen.Dann über die schwarz ausgepinselte Bühne.Ein Mann in Doppelrippunterhose sitzt auf einem Friseurstuhl und brabbelt immergleiche Sätze.Sätze wie: "Die Masse der Fliegen, das ist nichts", "Außerhalb der Fliegen ist Dunkelheit", "Da ist nichts, ist nur Schwarz".Vorne tanzen zwei Girls in braunen Stewardesskostümen eine asynchrone Choreographie.Ein Monitor überträgt das Schlüpfen der Fliegen in Echtzeit.Wir setzen uns und warten, daß etwas passiert.Aber es passiert nicht viel.Und das Stück hat ja auch schon längst angefangen.Und wir spielen mit.Wir Fliegen. Das KOOP-Theater hat sich viel vorgenommen."Void", von Thilo Reuther (Regie, Bühne, Kostüm) und Johannes Grebert (Text) entwickelt, soll von den ganz großen Themen handeln: Normalität und Wahnsinn, Kontrolle und Ohnmacht, Leben und Tod.Handeln ist zuviel gesagt, denn "void" heißt schließlich leer, und entsprechend karg geht es dann auch neunzig Minuten lang im Theater am Halleschen Ufer zu.Ausgangspunkt des Stückes ist die Biographie von Howard Hughes.Hughes (1905 bis 1976) war irgendwie ein Genie, neigte aber zum Schlendrian.Er wurde als Sohn eines texanischen Ölbohrmagnaten geboren, baute ein Flugzeugimperium auf, kaufte sich in Hollywood ein, produzierte Filme, flog Rekorde und erfand (unter anderem) den freitragenden Büstenhalter.In den Nachkriegsjahren war er ein Liebling der Boulevardpresse, die Artikel über ihn unter Titeln wie "Flugzeuge, Filme, Frauen" in Serie gehen ließ.Ende der fünfziger Jahre zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, schloß sich in Hotelzimmer ein und ließ sich Haare und Fingernägel nicht mehr schneiden, bevor er schließlich völlig abgemagert starb. Was für ein Leben.Und was für ein Theaterstoff.Doch leider interessieren sich Reuther und Grebert nicht wirklich für Hughes.Ihr Stück benutzt die Vita des Exzentrikers, diese seltsame Reise in die Selbstabkapselung, nur als Material, an dem sie tiefschürfende Betrachtungen über das Verhältnis des Einzelnen zur Masse, über Körperkult und Krankheit als Weg aufhängen.Armin Dallapiccola gibt den Hughes abwechselnd in Doppelripphose und Fliegerhemd, wobei die Doppelripphose vermutlich für den Wahnsinn und das Fliegerhemd für die Erotik des Erfolgs stehen soll.Er scheucht seine Mitspielerinnen Sonja Baeger und Christin Choo über die Bühne (Macht!), tanzt mit ihnen zu zackigem Minimalpop (Sex!) und spricht bedeutungsschwangere Sätze (Philosophie!).Erfreulich immerhin: die Musik von Robert Lippok, halb Easy Listening, halb Drum & Bass.Höhepunkt von "Void" ist eine Masturbationsszene, bei der Kleenextücher - auch eine Erfindung von Hughes - eine nicht unwesentliche Rolle spielen.Der Orgasmus dabei wird allerdings nur vorgetäuscht. Theater am Halleschen Ufer, 9.-11., 13.-15.Januar, 21 Uhr. 

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben