Zeitung Heute : Fließender Übergang

Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat die Deutschen dazu aufgerufen, privat auf Ökostrom umzusteigen. Können Kunden bei einem Wechsel wirklich sicher sein, dass sie atomfreien Strom beziehen?

Fabian Leber

Das Stromnetz funktioniert wie ein großer See. In ihn wird Strom aus Atomreaktoren und Kohlekraftwerken eingeleitet, aber auch von Windanlagen und Sonnenkollektoren. Dieser See muss immer den gleichen Wasserstand haben. Wenn ein Stromkunde an der einen Stelle Strom verbraucht, muss sein Stromversorger an einer anderen Stelle dieselbe Menge wieder ins Netz einspeisen. Auch wer Ökostrom bezieht, hat also keine Garantie, dass bei ihm in der Wohnung nicht auch Atomstrom ankommt. Einfluss hat er nur darauf, welcher Strom in den See eingeleitet wird. Um in der Sprache von Umweltschützern zu bleiben: Der See wird ein kleines Stück sauberer.

„Es geht nicht darum, was aus der Steckdose kommt“, sagt Thorben Becker vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Entscheidend sei, wohin das Geld der Stromkunden fließe. Nach Angaben des BUND beziehen in Hamburg inzwischen fünf Prozent der Haushalte Ökostrom, in Berlin sind es etwa zwei Prozent. Im vergangenen September startete der BUND zusammen mit anderen Umweltorganisationen die Kampagne „Atomausstieg selber machen“. Darin werden vier Ökostromanbieter empfohlen, darunter auch der Marktführer „Lichtblick“. Dessen Strom stammt nach eigenen Angaben zu 76 Prozent aus Wasserkraft, zu zehn Prozent aus anderen erneuerbaren Energien und zu 14 Prozent aus Biomasse, die auf dem Weg der Kraft-Wärme-Kopplung zu Energie umgewandelt wird.

Wie andere Ökostromanbieter lässt auch „Lichtblick“ seinen Strommix jedes Jahr von unabhängigen Gutachtern prüfen. Eines der bekanntesten Ökozertifikate ist die Auszeichnung „OK Power“, die unter anderem vom Freiburger Öko-Institut vergeben wird. „Wir schauen uns die Netzfahrpläne an und prüfen zum Beispiel, ob die Kraftwerke, die angegeben werden, tatsächlich existieren“, sagt der Energieexperte Veit Bürger vom Öko-Institut. Um das Natur-Prädikat zu bekommen, reiche es nicht aus, bestehende Stromquellen – zum Beispiel Wasserkraftwerke – einfach den Ökostromkunden zuzuordnen. Ein Anbieter muss auch aktiv in den Ausbau umweltfreundlicher Energien investieren“, sagt Bürger.

Auch der wegen seiner Reaktorpannen in der Kritik stehende Vattenfall-Konzern ist mit dem „OK Power“-Gütesiegel ausgezeichnet worden – für sein Ökostromangebot „Berlin Natur Privatstrom“. Es setzt sich nach Konzernangaben zu 84 Prozent aus Wasserkraft vom Schweizer Alpenkraftwerk Campocologno zusammen, zu einem Prozent aus Sonnenenergie und zu zwei Prozent aus Biomasse. Weitere 13 Prozent stammen aus anderen erneuerbaren Energieformen.

„Wir sehen diese Angebote sehr kritisch“, sagt Thorben Becker. Zwar gebe der Konzern an, woher der Strom komme. Aber es gebe keine klare betriebswirtschaftliche Abgrenzung von der Atomsparte, zum Beispiel durch ein Tochterunternehmen. Kunden würden damit kein klares Signal gegen Atomstrom setzen. „Wir zertifizieren Produkte, keine Unternehmen“, verteidigt sich Veit Bürger vom Öko-Institut. Vattenfall müsse für das Label genauso wie die anderen Anbieter nachweisen, dass in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert werde.

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