Zeitung Heute : Flirten bei Frost

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

Sonja Niemann

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Seit Tagen komme ich morgens kaum aus dem Bett. Ich müsste mal was tun, was den Kreislauf anregt, gute Laune macht und Licht in den Tag bringt. Frauenzeitschriften empfehlen für solche Fälle immer, „einfach mal wieder zu flirten“.

Einer der heißesten „Flirtspots“ ist Frauenzeitschriften zufolge der Supermarkt (dicht gefolgt vom Naturkundemuseum). Wenn ich das richtig verstanden habe, soll man sich besonders am frühen Samstagnachmittag der gut aussehenden jungen erfolgreichen flirtwilligen Männer kaum erwehren können. Sie warten angeblich nur darauf, einen anzulächeln und Komplimente zu machen, während wir beide gleichzeitig zur selben Tiefkühlpizza greifen…

Ich glaube, ich mache was falsch. Wenn ich jedenfalls samstags , manchmal leicht verkatert, mit ungewaschenen Haaren zu meinem nächst gelegenen Neuköllner Supermarkt schlurfe, weil das Toilettenpapier wieder alle ist, lerne ich nie jemanden kennen. Anstatt von jungen flirtwilligen Männern bin ich dort zumeist von korpulenten Herren gehobenen Alters in legerer Freizeitkleidung umgeben. Und die kaufen auch keine Rucola-Tiefkühlpizza, sondern nur Sechserpacks Schultheiß und Billigsalami in Scheiben.

Doch vor kurzem bekam ich von Kollege F. den ultimativen Geheimtipp: „Der Kaiser’s bei uns an der Ecke, das ist der größte Abschleppsupermarkt von ganz Berlin. Kurz vor Ladenschluss wimmelt es da vor lauter gut aussehenden erfolgreichen jungen Männern und Frauen.“ Er meinte den Supermarkt in der Nähe unseres Büros, in Prenzlauer Berg. Ich habe da bislang eher selten eingekauft. Aber das änderte ich natürlich sofort.

Als kürzlich eine kleine Büroparty bei uns anstand, erklärte ich mich zum Erstaunen meiner Kollegen blitzschnell bereit, das Bier und die Knabbereien zu besorgen. Da ich allein nicht so viele Bierkästen tragen kann, kam noch mein guter Freund und Kollege Tilmann mit. Wir warteten extra bis zwanzig vor acht (also beste Flirtzeit), ehe wir den legendären Supermarkt betraten.

Erst gingen wir zu den Getränken. Aber da stand gerade mal ein Mann, der genauso aussah wie seine Neuköllner Pendants. Dann zum Käsestand – nur junge gut aussehende Pärchen. Enttäuschend. Doch da, vor dem Chipsregal – jung, gut aussehend, männlich, ein potentieller Flirtpartner! Ich musste nur noch seine Aufmerksamkeit erregen. „Welche Chips kaufen wir denn?“, fragte ich Tilmann laut und gut gelaunt. „Ich weiß nicht. Ich esse nie Chips“, sagte Tilmann. „Ich esse auch nie Chips, denn ich will ja schlank bleiben, das musst du doch wissen, auch wenn wir kein Paar sind, sondern jetzt nur zusammen hier sind, um für unsere Büroparty Chips zu kaufen“, sagte ich sehr langsam und deutlich. „Meinst du, ,Sour Cream‘ ist gut? Oder ,Hot Barbecue‘“?

Und dann geschah es! Mein potentieller Flirtpartner drehte sich um. Er lächelte mich an. Er sagte: „Also, meine Lieblingssorte ist ,Roasted Chicken‘.“ „Danke“, hauchte ich. Dann ging der gut aussehende junge Mann zur Kasse und ließ uns stehen.

Romantisch, diese Liaison. Und ein bisschen kurz. Ich kauf da jetzt immer ein.

Bei dem Flirtsupermarkt handelt es sich um Kaiser’s in der Winsstraße Ecke Marienburger Straße.

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