Zeitung Heute : Fluch und Segen der Jahrhundertflut

FRANK JANSEN

Die "Jahrhundertflut" lenkt den Blick von Politikern und Bevölkerung auf die strukturell schwache Oderregion aber auch die Schwachstellen im Alltag der deutsch-polnischen Beziehungen werden drastisch offengelegt.VON FRANK JANSENDie Dämme brechen, der Flut sind offenbar kaum noch Grenzen gesetzt.Über Ostbrandenburg ist eine Katastrophe hereingebrochen, die bereits mit dem Etikett "Jahrhundertflut" versehen wird, obwohl sie ihren Zenit wohl noch nicht erreicht hat.Immer mehr Menschen in der Oderregion bangen um ihre Existenz.Sie wissen nicht, was noch kommt und wie die enormen Schäden zu bewältigen sind.Doch jenseits von Deichbruch und Evakuierung lenkt dieses "Jahrhundert"-Ereignis den Blick auf größere, strukturelle Defizite.Das betrifft vor allem die Schwachstellen im Alltag der deutsch-polnischen Beziehungen, die recht drastisch offengelegt wurden.Gleichzeitig zeichnen sich, so makaber es klingt, Chancen ab, welche die Wassermassen mit sich bringen. Die Oderregion dümpelt normalerweise im Windschatten der Geschichte.Nun wird ihr durch das Hochwasser jene Aufmerksamkeit zuteil, die sie bisher vermißte.Wen kümmerte schon, daß die deutsch-polnischen Grenzübergänge mehr als sieben Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs immer noch nicht auf eine andere, alltägliche Flut eingerichtet sind: Die unablässig anschwellenden Warenströme stauen sich wie eh und je, vor allem am Autobahn-Übergang Frankfurt (Oder).Kaum jemand in Bonn oder Warschau fühlt sich berufen, energisch gegen Nadelöhre und für weitere Übergänge zu streiten.Die Hilferufe von der Oder verhallen meist ungehört. Vor allem der Warschauer Zentralismus erweist sich als hohe Hürde.Die Probleme im weit entfernten Westpolen interessieren wenig.Das Hochwasser hat diese Misere über die Region hinaus in die Schlagzeilen gespült.Brandenburgs Katastrophenhelfer vergeudeten wertvolle Zeit bis zum Einsatz in Breslau, weil Warschau das offizielle Hilfeersuchen hinauszögerte.In letzter Minute schoben ein Abteilungsleiter der Potsdamer Landesregierung und ein polnischer General die bürokratischen Hürden beiseite.Der erst kürzlich geschlossene Vertrag über gegenseitige Hilfe im Katastrophenfall war Makulatur. Ähnliches gilt für viele Absichtserklärungen zur deutsch-polnischen Zusammenarbeit.Die Euroregionen an Oder und Neiße kommen nicht voran, von Ausnahmeprojekten abgesehen.Warschau hält die westpolnischen Woiwodschaften kurz.Doch auch die deutsche Seite der Oder ist nicht gerade verwöhnt.Das Grenzland liegt weitab vom boomenden Speckgürtel ringsum Berlin.Von den Großbetrieben der DDR-Zeit, die sich wie auf einer Perlenschnur aneinanderreihten, haben nur die PCK-Raffinerie in Schwedt und Eko-Stahl in Eisenhüttenstadt den Sprung in die Marktwirtschaft geschafft.Das Brandenburger Konzept der dezentralen Konzentration, die Peripherie des Landes mit besonderer Förderung zu bedenken, hat nicht allzuviel bewirkt.Nun zwingt das Hochwasser Bonn, Potsdam und Warschau schon wegen der immensen Folgeschäden noch intensiver über die Zukunft der Oderregion nachzudenken.Der Bundeskanzler scheint das begriffen zu haben.Am vergangenen Dienstag verknüpfte Kohl seinen Besuch bei Eko-Stahl mit einer Visite der Katastrophengebiete.Der Kanzler hat sich für die Rettung von Eko stark gemacht.Das nährt die Hoffnung, er werde sich stärker um die weiterhin drängenden Probleme kümmern. Dringlich ist auf beiden Seiten der Oder ein Ausbau der Infrastruktur.Ein Beispiel: Die geplante Nord-Süd-Verbindung in Ostbrandenburg, Planungstitel "Oder-Lausitz-Trasse", müßte längst fertig sein.Aber damit ist erst im kommenden Jahrtausend zu rechnen.Die Flut und die von ihr erzwungenen, enormen Transportbewegungen auf oft verschlissenen oder überlasteten Straßen machen indes stärker als tausende Protestbriefe klar, wie sehr die Modernisierung der Verkehrswege notwendig ist.Nicht nur, um künftiges Hochwasser besser zu bewältigen.Abgesehen davon ist diese Flut "erst" die zweite in diesem Jahrhundert, die solche Ausmaße annimmt - weil die Oder nicht so stark wie beispielsweise der Rhein kommerzieller Bewirtschaftung mit den üblichen Folgen, wie höherer Fließgeschwindigkeit, unterworfen wurde.Nein, bessere Straßen sind vielmehr ein kaum zu überschätzender Impuls für die wirtschaftliche Belebung.Würde dies in Bonn und Warschau erkannt, wäre das Hochwasser nicht nur Fluch, sondern auch Segen für die Region an der Oder.

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