Zeitung Heute : Flucht in die Zukunft: Ein Schiff wird kommen

Gerd Höhler

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit verabschiedet sich Ferhad von den Freunden. "Auf Wiedersehen in Deutschland", ruft er lachend. Dann geht er mit seinem Rucksack hinunter zum Hafen. Aber nach drei Stunden ist er schon wieder zurück. "Hat nicht geklappt", sagt er kleinlaut.

Unten am Hafen war der junge Kurde auf die Ladefläche eines Fernlasters geklettert. Versteckt zwischen Kisten und Kartons hoffte Ferhad, unbemerkt an Bord der Autofähre "Ikarus" zu kommen, die am Abend Kurs aufs italienische Ancona nehmen würde. Doch schon an der Einfahrt zum Hafen, bei der ersten Kontrolle, spürten die Männer der Hafenpolizei den blinden Passagier auf und beförderten ihn unsanft auf die Straße.

Aber Ferhad lässt sich nicht entmutigen. Er will es bald wieder probieren. Manche hier haben es schon vier oder fünf Mal versucht. "Irgendwann schafft man es", glaubt Ferhad. Hunderte Armutsflüchtlinge, überwiegend Kurden aus Nordirak, aber zunehmend auch Asiaten und Afrikaner, warten im griechischen Hafen Patras auf ihre Chance. Hier legen die Fährschiffe nach Italien ab. "Da drüben ist unsere Zukunft", sagt Ferhad und zeigt über das Meer nach Westen, in den Sonnenuntergang.

Sie hausen in abbruchreifen Ruinen, selbstgezimmerten Verschlägen oder nächtigen in Schlafsäcken unter freiem Himmel. Ihr Treffpunkt ist ein kleiner Park oberhalb des Hafens. Von dort beobachten sie die ein- und auslaufenden Fähren. Wer es bis nach Patras geschafft hat, glaubt sich fast am Ziel.

Die meisten haben eine lange, gefährliche Reise hinter sich. Aus dem Irak über die Berge in die Türkei, quer durch Anatolien, dann von der kleinasiatischen Küste entweder zu einer der griechischen Inseln oder über den Grenzfluss Evros.

Allein schafft das niemand. Schleuser bringen die Flüchtlinge bei Nacht über die Ägäis oder durch die Minenfelder am Evros, dem griechisch-türkischen Grenzfluss. Über Geld wird in Patras nicht offen geredet, aber wer es bis hierher geschafft hat, muss im Schnitt zwei- bis dreitausend Dollar gezahlt haben. Diese Tarife garantieren allerdings keineswegs eine sichere Passage. Immer wieder sinken Flüchtlingsboote im Sturm. Oder die Schleuser werfen ihre Passagiere vor der griechischen Küste einfach über Bord, um nicht selbst geschnappt zu werden. Auch in den Minenfeldern am Evros gibt es häufig Todesfälle.

Ferhad ist vor drei Monaten aus seinem Heimatdorf beim nordirakischen Bamarni aufgebrochen. Der Rest der Reise sei ein Klacks, glaubt er. Nur "eine Frage der Zeit" sei es, bis er unentdeckt an Bord einer der Fähren nach Ancona komme. Ferhad will, wie die meisten hier, nach Deutschland. In Köln wird er von Verwandten erwartet, die ihm einen Job versprechen. Über die Segnungen des Schengener Abkommens, dank dessen man ohne Ausweiskontrolle von Sizilien bis nach Flensburg fahren kann, ist Ferhad gut informiert. "Wenn du erst mal in Italien bist, bist du praktisch schon in Deutschland", sagt er.

Seit Griechenland im vergangenen Frühjahr dem Schengen-Vertrag beigetreten ist, sind auch die Ausweiskontrollen im Schiffsverkehr mit Italien weggefallen. Die Reedereien sind aber angehalten, sich der Nationalität ihrer Passagiere zu vergewissern. Einem Kurden, der keine gültigen Reisedokumente hat, wird deshalb niemand in Patras ein Fahrkarte verkaufen.

Ferhad und seine Freunde können also nur versuchen, als blinde Passagiere an Bord einer der Fähren zu gelangen. Manche probieren es auf eigene Faust, aber die meisten vertrauen sich Schleusern an. Das sind die jungen Männer unten am Hafen, die Rolex-Uhren am Handgelenk tragen, immerzu das Handy am Ohr haben und meist türkisch sprechen. Regulär kostet eine Fahrkarte von Patras nach Brindisi rund 50 Mark. Die Schleuser verlangen für die Überfahrt in einem der präparierten Lastwagen 700 bis 1000 Dollar - ohne Gewähr.

"Wir kriegen fast alle, egal, wie gut sie sich verstecken", glaubt Ioannis Adam, der Vizechef der Hafenpolizei von Patras. Kürzlich stoppten seine Zivilfahnder einen hoch mit Brennholz beladenen Laster, der auf eine der Fähren rollte. Griechisches Feuerholz für italienische Kamine? Das kam den Beamten doch etwas merkwürdig vor. Nach zwei Stunden entdeckten sie unter der Ladefläche eine Klappe. Der Laster hatte einen doppelten Boden. In dem kaum meterhohen Versteck fanden sie 48 Flüchtlinge, eingepfercht wie Sardinen.

Mit Sonden, die selbst geringste Spuren des von Menschen ausgeatmeten Kohlendioxids registrieren, können die Fahnder blinde Passagiere in den Lastzügen aufspüren. Das Hafengelände wird fast lückenlos mit Infrarotkameras überwacht. An manchen Tagen stellen die Männer der Hafenpolizei bis zu 50 Flüchtlinge. Auch die italienischen Fahnder machen in Ancona, Brindisi, Bari und Venedig Stichproben, wo die Fähren aus Griechenland einlaufen. Sie stellen im Monat rund 100 Einwanderer. Durchschnittlich 700 Laster rollen allein in Patras jeden Tag an Bord der Fährschiffe, die hier ablegen. "Wenn wir jeden Lkw eingehend durchsuchen würden, bräche der Verkehr zusammen", sagt Ioannis Adam von der Hafenpolizei.

Der Druck wächst. Rund 4100 illegal eingereiste Flüchtlinge wurden in diesem Jahr in Griechenland gestellt, fast vier Mal so viele wie im Vorjahr. Die Dunkelziffer derer, die unbemerkt ins Land kommen, kennt keiner. Sie liegt, nach Erfahrungen deutscher Fahnder, beim Vier- bis Sechsfachen. "Was soll ich denn tun?", fragt Vassilis Tassiopoulos, der Polizeipräsident von Patras. Rund 1000 Flüchtlinge halten sich ständig in seiner Stadt auf. Die meisten haben politisches Asyl beantragt und können nicht abgeschoben werden - wohin denn auch? Die Polizei hat keine Handhabe, so lange sich die Einwanderer nichts zuschulden kommen lassen. "Die meisten von ihnen sind ganz friedliche Leute", sagt Polizeipräsident Tassiopoulos.

Und die Schleuser? Der Polizeichef hebt hilflos die Hände. Denen das Handwerk zu legen geht über seine Kräfte. "Das sind weit verzweigte Mafia-Organisationen", glaubt Tassiopoulos. Die Schleuserorganisationen "betreuen" ihre Kunden von den Heimatländern durchgehend bis zu den Bestimmungsorten in Nordeuropa. "Die Reise von Nordirak nach Deutschland kostet mindestens 4000 Dollar", sagt ein verdeckter Fahnder der Athener Kriminalpolizei. Aufgebracht wird das Geld oft von Angehörigen, die sich bereits in Europa befinden.

175 Schleuser wurden vergangenes Jahr in Griechenland festgenommen. Die Strafen, die sie erwarten, sind hart - auf dem Papier zumindest. Aber manchmal lässt die Justiz merkwürdige Nachsicht walten. So wie im Fall eines 31-jährigen Deutschen aus Überlingen am Bodensee. Ihn erwischten die Fahnder in Patras, als er versuchte, in seinem Wohnmobil 22 Kurden an Bord eines Fährschiffes zu schmuggeln. Ein Schnellrichter verurteilte ihn zu sieben Jahren und vier Monaten Haft. Der Deutsche legte Einspruch ein, wurde auf freien Fuß gesetzt - und verschwand.

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