Zeitung Heute : Flucht ins Leben

Der Tagesspiegel

Von Amory Burchard

Als der ersehnte Sohn 1923 endlich geboren wird, nennen seine Eltern ihn Isaak, auf Hebräisch Yitzhak: „Er wird lachen“. Es folgen 19 wunderbare Jahre – verglichen, mit dem was dann kam. Als Isaak Behar 1945 wieder ohne Angst, verhaftet und deportiert zu werden, durch die Straßen Berlins gehen kann, ist ihm bewusst: Seine Rolle, als erstgeborener Sohn am Grab der Eltern das Kaddisch zu sprechen, wird er nie erfüllen können. Lange weiß er nicht einmal, in welchem Getto oder KZ sie erschlagen wurden.

Bis ins Alter erzählt der tief traumatisierte Behar kaum jemandem von seiner Geschichte als „U-Boot“, als untergetauchter Jude in der von den Nazis regierten Reichshauptstadt Berlin. Dann beginnt er zu sprechen: Als Zeitzeuge, vor Schulklassen, vor Wehrdienstleistenden. Jetzt hat er seine Geschichte aufgeschrieben. Es ist die berührende und geradlinige Story einer unmöglichen Jugend in Berlin. Ein Jugend-Buch im doppelten Sinn: Nicht nur, aber auch eine ideale Lektüre für Leser, die beginnen, sich für die Geschichte des „Dritten Reiches“ und des Judentums zu interessieren. Behar erklärt vieles aus seiner überschaubaren, abgründigen Berliner Welt heraus. Er bietet Identifikation auch für Nichtjuden.

Isaak Behars Eltern waren 1916 als Gastarbeiter aus der Türkei gekommen: Sephardische Juden aus Konstantinopel, die den ärmlichen Verhältnissen und der Verfolgung von Minderheiten in ihrer Heimat entgehen wollten. Erst nach sechs Jahren, der Geburt zweier Töchter und des Sohnes findet Nissim Behar endlich Arbeit. Vom Teppichstopfer am Hausvogteiplatz steigt er zum Inhaber eines Orientteppich-Ladens in der Kantstraße auf. 1933 bietet sich für Nissim Behar die einzige Gelegenheit, seine Familie vor den Nationalsozialisten zu retten. Ein Neffe in Barcelona verspricht Wohnung und Arbeit. Doch nach sechs Wochen kehren sie zurück nach Berlin. Noch einmal ein Leben aus dem Nichts aufzubauen, dazu haben die Eltern keine Kraft.

Fünf Jahre später werden sie von den Nazis ins Nichts zurückgeworfen. Nissim Behar muss seinen Teppichladen aufgeben und Zwangsarbeit in einer Militärfärberei in Moabit leisten. Die letzte Schule, auf die Isaak noch gehen durfte, wird geschlossen und auch er zur Sklavenarbeit verpflichtet. Nach einem Knochenjob als Schwellenstopfer bei der Reichsbahn kann er in die Färberei wechseln. Der Meister dort ist ein sadistischer Antisemit, aber der Chef trotz Goldenen Parteiabzeichens ein Mensch geblieben. Er ist „nicht so“ heißt es bei den Behars über Menschen wie Behrens.

Dank jener Berliner, die „nicht so“ sind, wird der 19-jährige Isaak nach der Deportation seiner Eltern und Schwestern Verstecke finden. Und der junge Mann ist auf die Hilfe von Rettern, Freunden und Freundinnen angewiesen. Nachdem er durch Behrens endlich ein Versteck bei einem Kommunisten in Wedding gefunden hat, wartet er in dessen Wohnung nicht etwa geduldig das Ende des Krieges ab. Er geht als „Illegaler“ ohne gelben Stern durch die Straßen der Stadt, freundet sich mit Menschen im Café am Kurfürstendamm an, verliebt sich am Kottbusser Damm in eine nichtjüdische Berlinerin, zieht schließlich bei ihr ein. Eine Razzia im Café, der Verrat eines falschen Freundes: Zwei Mal steht Isaak Behar kurz vor der Deportation, zwei Mal kann er mit Mut und Glück entkommen.

Isaak – „Er wird lachen“ leidet darunter, als Einziger seiner Familie überlebt zu haben. Niemand, auch nicht sein spätes, zweites Familienglück kann ihn von diesem Trauma befreien. Seine Leser werden Behars bravourös erzählte Geschichte dankbar entgegennehmen.

Isaak Behar, „Versprich mir, dass du am Leben bleibst“. Ein jüdisches Schicksal. Ullstein-Verlag, Berlin 2002, 223 Seiten, 20 Euro.

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