Zeitung Heute : Flucht nach Berlin

Hochschulgebührengegner sehen sich durch sinkende Studienanfängerzahlen bestätigt

Sebastian Bräuer

Die Nachricht des Statistischen Bundesamtes kam der nordrhein-westfälischen Landesregierung nicht gerade gelegen. Im vergangenen Jahr schrieben sich laut der Behörde zehn Prozent weniger Studenten an den Unis des Bundeslandes ein als 2005. Ein dramatischer Einbruch – und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem die schwarz-gelbe Koalition trotz heftiger Proteste Studiengebühren einführte und bei Studienanfängern auch gleich kassieren ließ. Die Studenten in NRW müssen nun bis zu 500 Euro pro Semester an ihre Uni zahlen.

Die Regierung unter Jürgen Rüttgers hatte sich durch Demonstrationen und Rektoratsbesetzungen nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen, das Studium teurer zu machen. Nun bestreitet sie nicht, dass es einen unerwünschten Zusammenhang zwischen den Gebühren und dem Bewerbungsmangel an den Unis gibt. „Die Gebühren können die Studienentscheidung beeinflussen, das wird überhaupt nicht in Frage gestellt“, sagt Ralf-Michael Weimar, Sprecher des Wissenschaftsministeriums. „Aber wir sind sehr optimistisch, dass die Studienanfängerzahlen wieder steigen werden.“

Das Ziel, den Anteil der Studierenden in Deutschland zu erhöhen, gilt als politischer Konsens. Dieses Ziel steht sogar im Koalitionsvertrag der Bundesregierung. Doch 2006 ist die Zahl der Erstimmatrikulationen in ganz Deutschland um 3,5 Prozent gesunken. Die Gebührengegner sehen sich nun in ihrer Kritik bestätigt. „Die Einschreibezahlen widerlegen die Behauptung, dass ein Studium durch Studiengebühren attraktiver wird“, sagt Mike Niederstraßer, Geschäftsführer des „Aktionsbündnisses gegen Studiengebühren“.

Am 15. Januar endet die Bewerbungsfrist der zentralen Vergabe von Studienplätzen (ZVS) für das kommende Sommersemester. Mehrere Bundesländer ziehen dann bei den Gebühren nach. Dann wird sich zeigen, ob der momentane Trend anhält. Die ZVS möchte noch keinen Zwischenstand bekannt geben, was die Zahl der Bewerbungen angeht. Noch können Studienanfänger die Gebühren allerdings ziemlich einfach vermeiden: Sie müssen sich nur eine Uni im richtigen Bundesland aussuchen (siehe Tabelle).

In Berlin und Brandenburg bleibt das Studium gebührenfrei, vorerst. Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) fürchtet einen „Studentensturm auf Berlin“, wenn in der Hauptstadt ab 2008 nicht ebenfalls Gebühren eingeführt werden. Der Koalitionspartner PDS sieht die Lage zwar weniger dramatisch, stellt sich aber nicht mehr kategorisch gegen die Maßnahme. Im rot-roten Koalitionsvertrag heißt es: „Die Koalitionsparteien halten an einem diskriminierungsfreien Hochschulzugang fest. Für den Zugang darf es keine finanziellen Hürden geben.“ Ein klares Nein zu Studiengebühren ist das nicht. In Brandenburg ist die Lage ähnlich offen. „Die beiden Parteien der großen Koalition haben zu dem Thema unterschiedliche Beschlusslagen“, sagt Holger Drews, Sprecher des Potsdamer Wissenschaftsministeriums. Es gelte nun, die Auswirkungen der Gebühren in anderen Bundesländern zu beobachten.

Genau wie in Berlin stieg 2006 auch in Brandenburg die Zahl der Studierenden entgegen dem Bundestrend. Das Wissenschaftsministerium rechnet damit, dass dies bis 2009 so bleibt. „Wir haben seit Jahren aus unterschiedlichen Gründen steigende Studentenzahlen“, bestätigt Sabina Bieber aus dem Dezernat für Studienangelegenheiten der Uni Potsdam. Eine Zunahme von Bewerbungen aus anderen Bundesländern habe sie bisher noch nicht festgestellt. „Ich kann mir aber vorstellen, dass die 500 Euro pro Semester nur ein erster Schritt sind“, sagt sie. „Wenn die Gebühren in anderen Ländern erhöht werden, wollen bestimmt noch mehr zu uns.“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben