Zeitung Heute : Fluchtpunkt Holocaust

Markante Daten deutscher Geschichte sind 1914, 1918, 1933, 1945, 1989 – Nur 1941 wurde erst relativ spät als Schlüsseldatum anerkannt

Helmut W. Smith

Eine grundlegende Entdeckung des 15. Jahrhunderts war, dass die Linien eines dreidimensionalen Bildes, vom Auge des Betrachters aus gesehen, auf einer Ebene auf einen Punkt zulaufen, den Leon Battista Alberti damals den „zentralen Punkt“ nannte. Im Lauf des 18. Jahrhunderts wurde dieses „Zeichen“, wie Alberti es auch nannte, unter der Bezeichnung „Fluchtpunkt“ bekannt: Auf präzise Weise bestimmte er die relative Größe und Position aller anderen Objekte auf der Leinwand.

Für Historiker ist der Fluchtpunkt ein gutes Hilfsmittel; er zeigt, wie Perspektive Wissen sowohl erzeugt als auch begrenzt; er hilft uns abzuwägen, welcher Punkt auf der Leinwand entscheidend für die Struktur des Ganzen ist; und er legt nahe, dass dieser Punkt das Ganze stark strukturiert.

Das moderne Deutschland, reich an Katastrophen von weltgeschichtlicher Bedeutung, illustriert, wie Fluchtpunkte ein Feld strukturieren. Ob 1914, 1918, 1933, 1945 oder 1989, die Fluchtpunkte der modernen deutschen Geschichte liegen im 20. Jahrhundert. In der Ära nach dem Zweiten Weltkrieg übte ein Fluchtpunkt, 1933, eine enorme Wirkung aus. Jetzt, nach einer sehr langen Periode, die etwa das halbe Jahrhundert zwischen 1949 und 1989 umspannt, weicht seine komplette Vereinnahmung des Zentrums einem anderen Fluchtpunkt: dem Sommer 1941, in dem die Operation Barbarossa und der Massenmord des Holocaust begannen.

Es war nicht sofort selbstverständlich, dass der Fluchtpunkt der historischen Forschung 1933 sein würde. In „Die deutsche Katastrophe“ (1946) stellte Friedrich Meinecke den verlorenen Krieg in den Mittelpunkt und betrachtete die Katastrophe nicht als deutsche, sondern als europäische Tragödie. Die deutschen Historiker im Exil vertraten den entgegengesetzten Standpunkt. Ihr Blickpunkt, der stark von ihren liberal-demokratischen Ansichten geprägt war, stellte den Kampf zwischen Rechten und Linken in den Vordergrund, der auf den Ebenen von Ideen und Politik ausgetragen wurde und mit dem Desaster des 30. Januar 1933 endete. Die Weimarer Republik, so Hans Rosenberg, war ein Opfer der konservativen „Allianz mit den Kapitänen der Großindustrie, die auf die 1870er zurückging“.

Diese unheilige Allianz war auch der Dreh- und Angelpunkt eines deutschen Werks, mit dem die radikale Neuorientierung deutscher Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik begann: Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“ (1961). Man kann die Sensation, die dieses Werk auslöste, kaum überbewerten. Indem er kühne Parallelen zwischen dem Dritten Reich und dem Zweiten zog, argumentierte Fischer, dass es die zivile Führungselite Deutschlands 1914 wie 1939 auf Krieg abgesehen hatte; dass der Krieg 1914 wie 1939 um ein bis dahin ungeahntes Maß an kontinentaler Hegemonie und Weltmacht gekämpft wurde, und dass eine mächtige Allianz aus zivilen, agrarischen und industriellen Eliten diese Ziele unterstützten, um einen repressiven Status Quo zu untermauern.

Damit, dass er Eliten ins Zentrum einer weit ausholenden Erklärung von 1933 stellte, bestärkte Fischer die Illusion, dass eine konservative Verschwörung der Fluchtpunkt sei. Obwohl sie (besonders in Anbetracht von Fischers Nazivergangenheit) bequem war, passte diese These doch schlecht zum wichtigsten der frühen Werke, die den Verfall von Deutschlands erster Demokratie untersuchten: Karl Dietrich Brachers „Die Auflösung der Weimarer Republik“. In diesem monumentalen Werk beschrieb Bracher die letzten Monate der Weimarer Republik als „Machtvakuum“ – theoretisch das Gegenteil einer Verschwörung der Eliten. Trotz ihrer Bewunderung für Brachers Gelehrsamkeit folgten die meisten Historiker, besonders die Linken, seiner Argumentation nur zögerlich – eben weil sie implizierte, dass im entscheidenden Moment keine „strukturelle“ Allianz von Eliten stattgefunden habe.

Es ist interessant zu untersuchen, welche Perspektiven dadurch verstellt wurden. Hier bietet sich die Macht populistischer Politik an, auch der destabilisierende Einfluss nationalistischer Ideologie und die brutalisierenden Folgen von Kolonialismus und Krieg. Vielleicht ist es zu einfach, es eine Illusion der Linken zu nennen. Denn das Problem lag in einem übermäßig schematischen Links-Rechts- Verständnis von Elitenpolitik, das bereits tief in die deutsche Geschichtsschreibung eingedrungen war.

Weder die emigrierten Historiker noch die deutschen Unterstützer von Fischers These begriffen das Ausmaß, in dem radikaler Nationalismus mehr im liberalen als im konservativen Lager entstand, mehr unter modernen Gelehrten als unter vormodernen Eliten. Diese Blindheit führte zu einer Unterschätzung der rassistischen, um nicht zu sagen auf Vernichtung zielenden Ideen, die dem liberalen Imperialismus innewohnten.

In gewissem Sinne war die Auseinandersetzung schon lange auf dem Tisch. Als Hannah Arendt 1951 „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ veröffentlichte, konzentrierte sie sich auf Antisemitismus und Imperialismus als wesentliche Vorläufer des modernen Totalitarismus. Das Buch traf weit gehend auf Schweigen, weil Arendt von einem anderen Fluchtpunkt ausging – dem Universum der Konzentrationslager. Zum Teil rührte es von Arendts Unfähigkeit her, den Fluchtpunkt als Resultat des von konservativer Lähmung befallenen deutschen Liberalismus zu sehen. Sie skizzierte das Dritte Reich als die Apotheose der Massengesellschaft und das Versagen der Mittelschicht, ja die Vernichtung der Klassen, in deren Angesicht.

Es ist nicht neu, dass deutsche Historiker bis vor kurzem den Holocaust nicht ins Zentrum ihrer wissenschaftlichen Aufmerksamkeit stellten. Auch die Geschichte der Beziehung bundesrepublikanischer Historiker zur Shoah ist wenig schmeichelhaft. Das Dritte Reich wurde dort vorwiegend als deutsche und nicht als jüdische Tragödie dargestellt; man weigerte sich, historische Werke von Überlebenden des Holocaust als „objektiv“ zu betrachten; der Vernichtungsprozess wurde beschrieben, als hätten einzelne Deutsche, ob gewöhnlich oder nicht, keinen Anteil daran gehabt; in den „kritischen“ Siebzigern ließ man das Thema fast ganz fallen. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht Martin Broszat, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München von 1972 bis zu seinem Tod 1987 – umso mehr, seit der Historiker Nicolas Berg darauf hinwies, dass Broszats Abneigung gegen die Betrachtung von Beweismaterial jüdischer Zeugenaussagen sowie sein Hang zu „Prozessen“ und „Strukturen“ ein Resultat seiner eigenen Komplizenschaft mit dem Dritten Reich waren. Broszat hatte 1944 um Aufnahme in die NSDAP nachgesucht, eine Tatsache, die er sein weiteres Leben lang verbarg.

Wie bei Fritz Fischer muss man auch bei Martin Broszat nicht das Biografische in den Brennpunkt stellen, um das perspektivische Problem zu sehen. Saul Friedländer hatte es schon 1987 in seinem Austausch mit dem Münchner Historiker angesprochen. Durch seine tiefe Verstrickung in den Kontext verlor Broszat naturgemäß den kriminellen Charakter des Regimes aus den Augen, behauptete Friedländer. Während man dies für die Zeit zwischen 1933 und 1939 verteidigen konnte, war es für das Jahr 1941, in dem der Holocaust begann, unentschuldbar. Auch wenn Friedländer es nicht in diesen Worten ausdrückte, warf der Fluchtpunkt 1941, dargestellt durch die Massenmorde, die mobile Tötungskommandos durchführten, ein Leichentuch über die Möglichkeit, das Dritte Reich mit normalen Maßstäben historischer Kenntnis zu messen.

Die Perspektive war die Crux. Broszat bestand darauf, dass Geschichte, „aus der Perspektive der Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten verständlich“ war, jedoch: „absolut formuliert, würde sie kaum den Ansprüchen historischer Gerechtigkeit genügen.“ Dem rationalen Verständnis des Dritten Reiches stellte er ein moralistisches, „mystisches“ Erinnern gegenüber, das, wie er andeutete, den Opfern und deren Nachkommen gehöre. Saul Friedländer entgegnete, dass uns dies zwei unversöhnliche Perspektiven beschere: die eine deutsch, komplex, auf Nuancen bestehend, die andere jüdisch, vermeintlich moralistisch, schwarz-weiß.

Das erkannte Problem kann kaum gelöst werden, solange die Historiker bei den Fluchtpunkten anfangen, welche die deutsche Geschichte in der Nachkriegszeit strukturiert haben. Wir sind hier weit von der Verschwörung der Eliten entfernt, die Fischers These mit argumentativem Schwung versah. Wir sind auch weit von den Problemen der liberalen Demokratie entfernt, welche die Emigranten beschäftigten und die kritische Vorstellungskraft der Generation von 1945 in Anspruch nahm. Auch das Problem des Unbeteiligten lässt sich nicht einfach mittels Systemkritik aus der Welt schaffen. „Unglücklich das Land, das Helden braucht“, lässt Brecht Galileo sagen. Doch der literarische Kontext macht klar, warum die Analogie zu Unbeteiligten trügt. Galileo will anders denken und handeln. Ob dies auch für den Unbeteiligten gilt, ist unklar. Und doch ist der Unbeteiligte ein Objekt historischer Gewalten, und um wie Historiker zu verstehen, muss auch dessen Verständnis des Totalitarismus erklärt werden. In diesem Moment beginnt der Fluchtpunkt zusammenzubrechen, denn wie Broszat andeutete und Friedländer verstand, gibt es hier zwei Historien. Sie können nie denselben Fluchtpunkt haben, und doch können sie nicht isoliert wie in Kokons eingesponnene Realitäten verstanden werden.

Das Schreiben über Täter gibt dem Problem noch schärfere Konturen. Eine Generation von deutschen Historikern, meine Generation der um 1960 Geborenen, hat mittlerweile eine Reihe detaillierter lokaler und regionaler Untersuchungen veröffentlicht, die zeigen, wie das Morden konkret verlief. Kombiniert mit Untersuchungen von Historikern wie Christopher Browning, Omer Bartov und Peter Longerich, schaffen diese Arbeiten einen neuen Fluchtpunkt, und wie frühere Fluchtpunkte hat dieser Auswirkungen auf die gesamte Leinwand.

Ein auffälliges Resultat der Verschiebung des Fluchtpunktes ist, dass er den Ersten Weltkrieg in den Vordergrund rückt – in seiner Brutalisierung der Männer, in seinem extremen Nationalismus und mit dem virulenteren antisemitischen Zug, den er zum Vorschein brachte. Umgekehrt gehen weniger Historiker zurück ins 19. Jahrhundert, um eine Erklärung mit Tiefenschärfe zu erreichen.

Wie sollte diese Tiefenschärfe aussehen? Ich möchte behaupten, dass dies eine wichtige Frage ist. Denn wenn meine Metapher vom Fluchtpunkt überzeugt, bedeutet das, dass wir ohne Kenntnis des Problems nicht über die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts schreiben können. Manches Thema, zum Beispiel das des Antisemitismus, rückt in den Vordergrund. Doch das Bild, das sich ergibt, kann nicht nur Antisemitismus beinhalten, wie Goldhagen glaubte, oder nur die spezifisch deutsche Vorgeschichte der Katastrophe des 20. Jahrhunderts, wie die Emigranten, die Generation von 1945 und Goldhagen allesamt glaubten. Der neue Fluchtpunkt stellt weiter gefasste Themen in den Vordergrund: Wie die Menschheit dazu kam, sich als gespalten zu betrachten und manche Teile als weniger menschlich als andere; wie die Institution der Sklaverei und Rassenvorurteile diesen menschlichen Veranlagungen einen langen Stammbaum gaben; wie sich Rasse und Nation im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts zu permanenten Kennzeichen entwickelten und als Symbole unveränderlicher Unterschiede angesehen wurden.

Dies sind Geschehnisse des 19. und vorhergegangene Jahrhunderte. Sie sind deutsche Geschehnisse – aber nicht nur, und sie beziehen sich weniger auf die Zerstörung der Vernunft als auf den Zusammenbruch des Gespürs für den anderen. Die Geschichte vorangegangener Jahrhunderte nicht in die des 20. Jahrhunderts und in das längere Leben der Vergangenheit in den kürzeren Moment der Katastrophe zu integrieren, würde, wie frühere Generationen deutscher Historiker wussten, ein Versagen der Vorstellungskraft bedeuten. Es würde den Verlust unserer Souveränität bedeuten.

Der Autor ist Professor für Geschichte an der Universität Vanderbilt

Aus dem Amerikanischen von

Susanna Nieder

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar