Flüchtlinge in Berlin : Helfen braucht Hilfe

Ohne die vielen Ehrenamtlichen, die sich um die Neuankömmlinge kümmern, geht es nicht. Der Staat darf sie aber nicht überfordern. Ein Kommentar.

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Ein Helfer steht am 30.11.2015 am frühen Morgen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin zusammen mit wartenden Flüchtlingen.
Ein Helfer steht am 30.11.2015 am frühen Morgen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin zusammen mit...Foto: dpa

Ohne Dank geht es nicht. Niemand kann immerzu helfen, ohne dass einem selbst geholfen wird – mit der Anerkennung durch die Gesellschaft. Deswegen ist dieser Tag wichtig, an dem das Land Berlin den Helfern Danke sagt. Es ist ein Eingeständnis, dass es ohne Ehrenamtliche um Versorgung und Integration der Flüchtlinge schlimmer stünde. Lange hat den SPD-CDU-Senat mehr die gegenseitige Schuldzuweisung bewegt, als die Flüchtlinge als Gesamtverantwortung des Senats zu begreifen. Es stimmt aber dennoch, dass auch die Kraft eines entwickelten Sozialstaats überdehnt wird von dieser ungeheuren Herausforderung. Ohne mitfühlende Mithilfe vieler Menschen ist diese Aufgabe nicht zu lösen.

Dieses Deutschland, das ist das Wunder dieser Monate, hat mit einer ungeahnten Welle der Hilfsbereitschaft reagiert. Sehr viele Menschen haben bei den ersten Bildern der Flüchtlingskarawane sofort begriffen, dass es auf sie ankommt. Wir erleben eine beeindruckend gereifte Ehrenamtskultur. Überall investieren Helfer ihre Lebenszeit und ihre Kraft, um Menschen eine bessere Zukunft zu ermöglichen – mit Sprachunterricht, mit medizinischer Versorgung oder Praktikumsplätzen, mit Wohnungen oder Sachspenden. Vereine, die auf ihre Trainingshallen verzichten müssen, beteiligen sich dennoch mit Sportangeboten.

Die Helfer lassen sich nicht beirren

Diese riesige Einsatzbereitschaft, die täglich zu erleben ist, ist ungebrochen. Die Helfer lassen sich nicht beirren, dass die Euphorie der blumenschwenkenden Begrüßung im Land vielfach dem Zweifel gewichen ist, ob wir das schaffen. Es verletzt sie aber, dass sie als naive Gutmenschen abqualifiziert, sogar angefeindet werden, als seien sie für die brutalen Kriminellen am Kölner Hauptbahnhof verantwortlich. Auch die falsche Nachricht vom toten Syrer am Lageso wird genutzt, um alle Helfer zu diskreditieren.

Anfangs ahnten die wenigsten Helfer, dass sie nicht nur für Tage, sondern über lange Zeit gebraucht werden. Ihr Einsatz bringt sie an den Rand ihrer eigenen Erschöpfung, manchmal auch darüber hinaus. Doch für viele ist es schwer, auch an sich zu denken, wenn sie glauben, dass ohne ihre Hilfe die Hilfsbedürftigen allein bleiben. Es ist ein beschämendes Kapitel, das der Berliner Senat am Lageso diese Hilfe, die er selber organisieren müsste, den Helfern aufgebürdet hat.

Wenn sich die Zahl der Flüchtlinge nicht verringert, werden auch die Helfer resignieren

Damit die Flüchtlinge ankommen und sich hier integrieren können zum Wohle unserer Gesellschaft, sind die ehrenamtlichen Helfer aus Kirchen, Unternehmen und Verbänden unerlässlich. Sie sind die Andockstationen in die Gesellschaft. Scheitern durch Untätigkeit ist leicht, das hat Berlin etwa bei libanesischen Kriegsflüchtlingen erfahren, aus denen kriminelle Großfamilien mit eigenem Rechtskosmos hervorgingen. Gelingen dagegen braucht einen Kraftakt. Auch 2016 werden wieder hunderttausende Geflüchtete kommen. Um so wichtiger ist es, dass die Helfer nicht entmutigt werden durch die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen.

Die Politik muss den Rahmen schaffen, damit Integration erfolgreich sein kann. Wenn die Mittel fehlen oder die Zahl der Flüchtlinge sich nicht verringert, werden die Helfer aufgeben und resignieren. Es wäre eine fatale und nachwirkende Kapitulation. Die erst in den letzten Jahren mühsam gewachsene Kultur des bürgerschaftlichen Engagements ist dann gefährdet. Helfer lassen sich fordern, aber der Staat darf sie nicht überfordern. Dann reicht auch ein Danke nicht mehr.

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