Zeitung Heute : Flüchtlinge: Menschen-Fracht für die Insel

Thomas Roser

Er riecht es sofort, wenn sich im Wagen Menschen verstecken. "Die Leute sind oft schon eine Woche unterwegs, bevor sie hier ankommen", erzählt Peter Vanparys und leuchtet den Laderaum hinter den Paletten mit seinem Handscheinwerfer aus. "Wenn du die Plane öffnest, verschlägt dir der Gestank ihrer Exkremente fast den Atem." Aber diesmal riecht es nicht, und es ist auch kein Wimmern eines Neugeborenen zu hören. Also verplombt Peter Vanparys die Stahlleinen der Plane wieder.

Offiziell ist Peter Vanparys als Parkplatz-Aufseher angestellt. In Wirklichkeit ist er eine Art privater Fahnder. Im Hafen der belgischen Stadt Ostende durchsucht er die Lastwagen, die auf den Frachter "Gabriele Wehr" nach Ipswich in England verladen werden, nach blinden Passagieren. Eine Aufgabe, der die Polizei alleine offenbar nicht gewachsen ist.

Bis März war Peter Vanparys als Langzeitarbeitsloser registriert, die Umschulung dauerte gerade mal einen Tag. Inzwischen ist er Fachmann für Menschenschmuggel und kennt die Tricks der Schlepper. Er weiß, dass eine Zollplombe unbeschädigt sein kann und der Laderaum trotzdem voller Menschen. Dann haben die Schleuser einfach das Metallkabel durchgesägt, mit dem die Plane befestigt ist, und die Flüchtlinge sind unter der Plane durchgeschlüpft. Anschließend haben die Schleuser die Enden des Kabels mit Sekundenleim wieder verklebt. Neulich haben Vanparys und ein Kollege auf den Achsen eines Sattelschleppers zwei Männer entdeckt. "Seitdem schauen wir auch unter die Autos", sagt Vanparys und kniet sich wie zum Beweis neben einen Laster, der gleich verladen wird. Mit seiner Lampe leuchtet er das Fahrgestell ab. Wenn er einen Flüchtling findet, übergibt er ihn der Polizei, festnehmen darf er ihn nicht.

Warten in den Dünen

Die meisten Flüchtlinge, erzählt Peter Vanparys, kommen aus China oder aus Ex-Jugoslawien. Sie wollen nach Großbritannien, denn dort ist es für Einwanderer einfacher als im übrigen Europa, sich durchzuschlagen. Es gibt keine Ausweispflicht und kaum Abschiebungen, und in der blühenden englischen Schattenwirtschaft finden Illegale in der Regel einen Job. Im April hat die britische Regierung allerdings Bußgelder eingeführt, um die ungewollte Einwanderung zu unterbinden: LKW-Fahrer müssen jetzt für jeden Illegalen, der in ihrem Wagen entdeckt wird, 2000 Pfund bezahlen.

Jacques Dewilde, Direktor der Reederei Ferryways, ist der Chef von Peter Vanparys. Zehn Parkplatz-Aufseher hat er im Frühjahr eingestellt; ein Service für seine Kunden, denn wenn die Flüchtlinge noch in Belgien gefunden werden, zahlen die Spediteure keine Strafe. 900 Menschen haben die privaten Aufpasser und die Polizei dieses Jahr in Ostende schon aufgespürt. Jacques Dewilde hängt tief in seinem Bürostuhl und schimpft: Durch die Strafe werde das Flüchtlingsproblem auf das Transportgewerbe abgewälzt. Mit seinen privat organisierten Kontrollen hat Dewilde den Spediteuren schon mehrere Millionen Mark Bußgeld erspart. Zufrieden wirkt er trotzdem nicht. Die östlichen EU-Grenzen in Deutschland und Italien seien "löchrig wie ein Sieb". "Wir leben hier an der Front der Festung Europa", klagt er, "und kämpfen mit Amateur-Methoden gegen das organisierte Verbrechen."

Auch die Polizei fühlt sich machtlos. Den Flüchtlingen können die Polizisten nur ein Schreiben in die Hand drücken, das sie auffordert, innerhalb von fünf Tagen das Land zu verlassen. Aber die meisten schlagen in den Dünen hinter dem Industriegebiet von Ostende ihr Lager auf und versuchen es im Schutz der Dunkelheit noch einmal.

Zum Teil entern die Illegalen auf eigene Faust einen LKW, etwa auf den Parkplätzen rund um den Hafen. Aber die meisten vertrauen sich Schleusern an, und die haben ein ausgefeiltes System aufgebaut. Oft arbeiten die Lastwagen-Fahrer mit ihnen zusammen. Immer häufiger finden sich die Illegalen selbst in den versiegelten Frachtautos renommierter Unternehmen. In diesen Fällen, weiß Dewilde, haben die Banden schon die Fabrikarbeiter bestochen, damit die Flüchtlinge gleich mit den Paletten verladen werden. Kinder werden mit Medikamenten ruhig gestellt, denn es ist eine harte Reise: Im Winter ist es in den Lastwagen eiskalt, im Sommer stickend heiß.

Spätestens seit Juni ist klar, wohin das führen kann. In Dover entdeckten britische Zollbeamte die Leichen von 58 Chinesen, die sich in einem Kühlwagen versteckt hatten. Ihre letzte Station vor der Überfahrt war das belgische Zeebrügge; sie waren zwischen einer Fracht Tomaten erstickt. Der Vater eines Opfers, ein Bauer aus der Nähe von Fuqing, hat in einem Interview erzählt, dass sein Sohn auf seiner Reise in den Tod neun Monate unterwegs war. Über Hongkong, Bulgarien, Jugoslawien und die Niederlande sollte es nach England gehen. Einen Kredit von 32 000 Mark hatte der Vater aufgenommen, um die Schleuser zu bezahlen. Gegen den niederländischen Teil der Bande ist bereits der Prozess eröffnet worden. Doch der Kopf der Schlepper ist noch nicht gefasst.

Der Reeder Dewilde hält es für möglich, dass sich die Katastophe von Dover wiederholt. Es gebe einfach keine zuverlässige Methode, um die blinden Passagiere aufzuspüren. Mit Röntgenstrahlen komme man zum Beispiel gar nicht weiter, wenn ein Laster Stahl geladen habe. Suchhunde kämen nicht in Frage: "Wenn wir hier Chappi verladen, bellen die sofort los." Auch seine Parkplatz-Aufseher sind nicht mehr als eine Notlösung, schon weil sie bei ihrer Arbeit gegen geltendes Recht verstoßen. Wenn ein Lastwagen nämlich einmal vom Zoll verplombt ist, darf er während des Transports nicht mehr geöffnet werden.

Bei vier Millionen Gütertransporten, die jährlich auf den Ärmelkanalfähren gezählt werden, können die Kontrollen nicht mehr als eine Abschreckung sein. Selbst wenn Dewildes Männer die Sache in Ostende in den Griff bekommen, verlagert sich das Problem bloß: Die Flüchtlinge versuchen ihr Glück in einem anderen Hafen. "In Calais", sagt Dewilde, "lungern schon Hunderte vor den Terminals der Reedereien herum."

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