Zeitung Heute : Flugsicherheit

Kaschmirmäntel und Dauerlächeln: Das war die exklusive Welt der Stewardessen. Damit ist es vorbei. Trotzdem ist der Beruf heute wieder angesagt, auffallend viele junge Akademikerinnen bewerben sich. Aber es geht ihnen nicht mehr um Freiheit und Abenteuer, sondern um ein planbares Leben

Verena Friederike Hasel[Frankfurt Am Main]

Der Trainer hebt den Daumen, „der Käse kann gehen“, sagt er, und der Käse geht, geschoben von einer jungen Frau in blauer Uniform. „Gehen Sie vorsichtig“, sagt der Trainer, „schon die normale Schrittfestigkeit ist störend für den Passagier“, und die Frau setzt ihre Füße sachte auf, Leisetreten auf schwarzen Pumps. „Darf es vielleicht?“, „Möchten Sie?“, murmelt sie, bis alle an Bord der Flugzeugattrappe einen Käseteller haben.

Später sitzt die Frau in der Attrappe und schwärmt von Wolken. Von der in Herzform mit Strahlenkranz ringsum etwa oder von der, die unten am Rand so rot, blau, grün schimmert. „Eine Cirruswolke“, sagt die Frau. Gerade sucht sie nach einer Wohnung in Frankfurt am Main, dort wird sie sich diese beiden Wolken an die Wand hängen. An die 500 Wolkenbilder hat sie, alle selbst fotografiert. Vor einem halben Jahr hat Catherine Thauer, 26 Jahre alt, ihren Abschluss in Meteorologie gemacht. Dem Himmel wird sie auch in Zukunft nah sein, oberhalb der Wolkengrenze, als Stewardess.

Die Zeiten, in denen Kaschmirmäntel zur Grundausstattung der Stewardessen gehörten und sie drei Tage Aufenthalt an ihren Zielorten hatten, sind vorbei. Die Exklusivität des Berufs ist es spätestens seit den Billigfliegern auch. Doch der Beruf ist wieder am Kommen, zumindest bei Lufthansa. Der Konzern expandiert, dieses Jahr will er 2000 Flugbegleiter einstellen, und auch auf der anderen Seite gibt es Bedarf. Im vergangenen Jahr erhielt Lufthansa 27 000 Bewerbungen von möglichen Flugbegleitern, eine davon kam von Catherine Thauer, der studierten Meteorologin. Eine Ausnahme ist sie nicht: Sechs der insgesamt 18 Teilnehmer in Thauers Lehrgang zum Flugbegleiter haben studiert, auf rund ein Viertel schätzt die Gewerkschaft der Flugbegleiter den Akademikeranteil unter dem Bordpersonal von Lufthansa.

Wie eine Studie des Hochschulinformationsdienstes ergeben hat, sind die Hälfte aller Uniabsolventen ein Jahr nach der Uni noch nicht in „regulärer Erwerbstätigkeit“. Sie suchen noch ihren Weg. Lufthansa bietet – anders als die meisten Fluggesellschaften – selbst Anfängern unbefristete Verträge. Es scheint, als sei dieser Beruf, früher Symbol für Freiheit, zum Sicherheitsversprechen für eine Generation geworden, die viel kann und wenig Richtung hat. Es scheint, als habe sich der Traum vom Fliegen gewandelt.

Das Lufthansa Flight Training Center am Frankfurter Flughafen, ein Klassenzimmer im zweiten Stock. Neben der Tür ein Ganzkörperspiegel mit der Aufschrift: „Our style, your smile“, um die Ecke ein Automat, an dem man Strumpfhosen ziehen kann, drinnen zieht Catherine Thauer den Fuß aus ihrem Schuh. Der hohe Hacken ist noch ungewohnt, ebenso der Dutt mit der Perlenhalterung, in dem die blonden Haare stecken, und die blassrosa lackierten Nägel. Es ist die letzte Woche ihrer Flugbegleiter-Ausbildung; vor zwei Monaten ist Catherine Thauer noch in Jeans und mit Turnschuhen herumgelaufen, geschminkt hat sie sich nie. Bei Lufthansa bekam sie Schminkkurs und Typberatung, und abends lief sie mit den anderen zur Drogerie und deckte sich ein, mit Mascara, Lippenstift und Nagellack, und wie Catherine Thauer das erzählt, klingt es nach ausgelassener Verkleidungsparty. Anders war das Gefühl, als sie das erste Mal mit Hochsteckfrisur und Farbe im Gesicht vor ihrer Mutter stand, und diese loslachte und rief: „Du bist ja ein richtiges Mädchen geworden!“ Das habe sie verunsichert, sagt Catherine Thauer. „Ich musste doch selbst erst reinwachsen in mein neues Selbst.“

In Illinois in den USA, wo Catherine Thauer ihren Abschluss als Meteorologin machte, gibt es im Jahr durchschnittlich 41 Tornados, dort hat jemand, der im Himmel lesen kann, viel zu tun. Catherine Thauer war nicht nur private Wolkensammlerin, sondern auch offizieller „Storm Spotter“: Entdeckte sie am Himmel etwas, das nach Unwetter aussah, erstattete sie Meldung, darauf war sie trainiert. Während ihres Studiums wurde Catherine Thauer eingeladen, Mitglied von Phi Kappa Phi zu werden, einer akademischen Vereinigung zur Talenteförderung, zu der auch Jimmy Carter und Hillary Clinton gehörten. Ihren Abschluss machte Catherine Thauer mit Eins. „You ’re kidding“, sagte ein früherer Kommilitone, als sie erzählte, dass sie Flugbegleiterin werde. Doch sie sagt: „Der Job ist genau das, was ich jetzt brauche.“

Es ist eine merkwürdige Arbeit, die sie da machen wird – bedienen, aber hoch in der Luft, die Notausstiege zeigen und dabei dauerlächeln. In diesem Feld zwischen Harmlosigkeit und Gefahr bewegt sich schon die Ausbildung. Zum einen hat Catherine Thauer in Flugzeugattrappen Servieren gelernt, sie weiß, dass Vitello Tonnato Kalb in Thunfischsauce ist und dass der Bürgermeister Bremens mit „Herr Bürgermeister“, der von Hamburg dagegen mit „Herr Erster Bürgermeister“ angeredet wird. Sie hat aber auch gelernt, mit Unruly Passengers umzugehen – so der Flieger-Jargon für alle Gäste von angetrunken bis kriminell –, und hat im Lufthansa-eigenen Schwimmbad mit Rettungsfloß den Ernstfall geübt.

Im Monat wird Catherine Thauer durchschnittlich vier bis fünf Langstreckenflüge machen, vor allem nach Südamerika, das wollte sie so. Sie wird zehn Tage im Monat frei haben, manchmal sind es auch mehr. Ihr Gehalt: 1433 Euro brutto, dazu Sonderzulagen wie das Abwesenheitsgeld, für einen Tag in Buenos Aires sind das 44 Euro. „Ich reise unheimlich gern“, sagt Catherine Thauer erwartungsgemäß. Die Beschwerlichkeiten – Zeitsprünge, Schlafmangel, Rückenschmerzen – nehme sie gerne in Kauf für das, was nach Freiheit und Abenteuer klingt. Und trotzdem kann es um Freiheit allein nicht gehen, denn als Argumente für ihre Wahl nennt Catherine Thauer Begriffe wie Geborgenheit, Ruhe und Klarheit. „Nun ist das Durcheinander der letzten Jahre erst einmal vorbei“, sagt sie.

Es war in Catherine Thauers erster Woche an der Technischen Uni in Berlin, da veranstalteten die älteren Studenten in einem riesengroßen Hörsaal ein Spiel mit den Neuen, der Name: „Das ganze Leben ist ein Quiz.“ Das Gefühl, dass das mehr als ein Scherz gewesen sei, habe sie nicht mehr verlassen, sagt Catherine Thauer. Angefangen hatte die Ratlosigkeit mit dem Abi. Das Geld für ein Studium war da, dafür hatte ihr Vater schon bei ihrer Geburt gesorgt. Was fehlte, war die Berührung mit möglichen Berufen. „Auf das Danach hat uns die Schule nicht vorbereitet“, sagt Catherine Thauer. „Mach einfach etwas, was dir Freude macht“, sagten Thauers Eltern, und so setzte sich die Abiturientin hin und überlegte, was das sein könnte, und es war viel, denn sie hatte viele Interessen: Hebamme werden, Fotografie oder Biologie studieren. Dass sie sich dann für Luft- und Raumfahrttechnik in Berlin einschrieb, war auch deshalb, um wenigstens mal etwas anzufangen, sagt sie. Nach zwei Semestern hörte sie auf, „es war nicht das Richtige“, sagt sie. Schließlich ging sie nach Amerika und studierte Meteorologie.

Gleich im Foyer des Lufthansa Training Centers, in der aseptischen Halle mit der weißen Lilie auf dem Empfangstresen, steht der Slogan von Lufthansa auf einem Plakat. „Es kann so einfach sein“, lautet er, und vielleicht ist es das hier wirklich, zumindest, so scheint es, kann man alles lernen. Den ganzen Tag lang gibt es Kurse, drei Bildschirme zeigen sie an, so wie sonst Flüge angekündigt werden. Catherine Thauer ist gerade in „How does it feel“. Dort sollen die angehenden Flugbegleiter berichten, wie es am Abend zuvor war, als sie das erste Mal auf dem Weg nach Hause ihre Uniform anbehielten. „Die Menschen haben nicht mich, sondern Frau Lufthansa gesehen“, sagt eine, die auch jetzt das blaue Hütchen trägt, das zur Uniform gehört. „Das ist gut für mein Selbstbewusstsein, dass so eine große Firma hinter mir steht.“ Eine andere sagt, sie habe diese Macke, kaue immer auf der Innenseite ihrer Wange herum, das mache sie jetzt nicht mehr, wegen der Uniform.

Fragt man Anne Marie Duwe, eine der Leiterinnen der Flugbegleiterschulung, ist diese Emotionalisierung der entscheidende Teil der Ausbildung. Neue Reiseziele auf der Welt können die Fluglinien nicht erfinden, und so ist ihr Image der entscheidende Faktor im Wettbewerb. Lufthansa als Marke setzt auf Seriosität und Klasse, das sollen die Flugbegleiter vermitteln, das ist auch der Grund, warum die Fluglinie ihnen an den Zielorten stets Hotels der gehobenen Kategorie bucht. „Alles andere wäre nicht Lufthansa“, sagt Anne Marie Duwe. Das ist also die Formel: Hier werden nicht Flugbegleiter, sondern Lufthanseaten gemacht, und vielleicht ist es das, was Catherine Thauer als Geborgenheit empfindet.

Die Einschätzung, dass Flugzeuge Heimathäfen in einer unwirtlichen Welt sind, taucht im Gespräch mit den Flugbegleitern häufig auf. „Hier wird man an die Hand genommen wie in der Schule“, sagt Catherine Thauers Sitznachbarin, die Sportwissenschaften studiert hat, bevor sie hierher kam. Auf der Erde müsste sie ihren Berufsanfang wohl mit Trial und Error bewältigen, die Luft hält ein festes Gerüst an Regeln bereit. Ein bisschen herrscht in Flugzeugen die alte Ständegesellschaft fort – Willkommensgetränk, Tischdecke und Porzellan gibt es in der Business Class, nicht aber in der Economy. „Der Klassenunterschied muss stets spürbar sein“, sagt der Trainer. Er zählt Catherine Thauer und den anderen zum wiederholten Mal auf, was sie dabei haben müssen auf einem Flug, und sie schreiben mit: Reisepass, Impfpass, Crewcard und den Lufthansa-Ausweis, „die Eintrittskarte zum Glück“, sagt der Trainer.

Am Frankfurter Flughafen gibt es einen separaten Bereich für die Lufthansa-Flugbegleiter. Dort liegen Broschüren bereit, mit Angaben über alle Reiseziele – welches Museum sollte man sehen, wo kauft man Schmuck und Taschen, welche Geschäfte gewähren Lufthansa-Mitarbeitern einen Rabatt. Sind die Flugbegleiter gelandet, bringt ein Bus sie in das von Lufthansa gebuchte Hotel und holt sie auch wieder ab. „Eigentlich“, sagt Anne Marie Duwe, „müssen sie nur noch überlegen, wo sie essen gehen wollen.“ Alles sei perfekt organisiert, vielleicht sogar zu perfekt. „Es ist als Flugbegleiter bei Lufthansa leicht, nicht viel Verantwortung zu übernehmen“, sagt Duwe. Zu spüren bekommt sie das, wenn sie Purser sucht. So heißen die leitenden Flugbegleiter, in ihrer Auswahl werden nicht nur Servicebereitschaft, sondern auch Führungsverhalten und Eigeninitiative abgefragt, und obwohl sie besser bezahlt werden, wollen diesen Job nur wenige machen.

Catherine Thauer, Stormspotter und Phi-Kappa-Phi-Mitglied, hat in ihrem Leben viel Eigeninitiative gezeigt. Trotzdem – wohin ihr Leben gehe, das wisse sie noch nicht, sagt sie. Und so ähnlich sagen das auch ihre Kollegen. Sie gehören nicht zur Generation Praktikum, die dem einen dringlich gewünschten Job unbedingt näher kommen wollen, sie wollen einen Job mit Anfang und Ende, ein Flug von A nach B, nichts, was man danach mit nach Hause nimmt. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass sich die Menschen in Zeiten von Burnout ihr Leben von der Arbeit zurückerobern. Catherine Thauer jedenfalls wirkt, als falle ihr noch anderes als Arbeit ein, Kinder zum Beispiel, am besten mehrere. In dem Fall wäre ihr Arbeitsanspruch, der hinter ihrem Können zurückbleibt, ein Protest gegen die Leistungsgesellschaft. Vielleicht ist es aber auch so, dass wenig zu wollen übrig geblieben ist für eine Generation, deren Eltern den sozialen Aufstieg schon besorgt haben.

Lufthansa Flight Training Center, Frankfurter Flughafen. Es ist die letzte Serviceübung in der Attrappe vor dem ersten Flug. Der Wagen mit dem Vitello Tonnato, der mit dem Käse stehen bereit, die angehenden Stewardessen auch. „Wie laufen wir?“, fragt die eine. „Wie immer“, sagt die andere. „Catwalk!“ Sie beginnen zu laufen. Damit es ein bisschen nach Himmel aussieht, sind Fenster mit Wolken auf die Attrappe gemalt.

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