Zeitung Heute : Flugwesen

KLAUS HAMMER

Ausstellung Doris Leue und Kerstin Grimm in der Galerie parterreKLAUS HAMMERFeder-, Bleistift-, Kohlezeichnungen aus fast einem Jahrzehnt zeigt Doris Leue: Berlin-Impressionen, Reisebilder aus deutschen Landschaften und europäischen Städten; hier ein Hinterhof, dort ein Gartenstück, hier die Berliner Museumsinsel, dort die Oranienburger, Figürliches, Tierskelette, die die Mitarbeiterin im Berliner Museum für Naturkunde zu magischem Leben erweckt.Man steht entzückt und betroffen zugleich vor den zarten Geschöpfen einer Zeichnerin, die Genauigkeit und Poesie zu vereinigen weiß.Ihre auf Wanderungen durch Berlin festgehaltenen Beobachtungen hat sie auf unterschiedlichen Papieren niedergeschrieben, die nichts von der Frische ihres Entstehens verloren haben.Aus dem flächigen Weiß des Blattes entsteht andeutungsweise die Körperlichkeit der Figur, so in den Blättern "Anne schlafend", "Anne sitzend".Ein fragmentarischer, linearer Stil, eine Minimalgeste oft nur. In spielerischer Leichtigkeit scheinen ihre "Bildstenogramme" entworfen zu sein, mit einem untrüglichen Blick für das Wesenhafte ihrer Gestalten, das Atmosphärische des Ambientes.Dann wieder arbeitet die Künstlerin in dichten Schraffuren, einem ganzen Gewebe von Strichen und Linien, die existentielle Hintergründigkeit und innere Dichte erzeugen.Die Blätter kaum mehr als die Vibrationen einer Menschenhand machen uns sehend für die Schönheit des Alltäglichen, empfindsam für Beglückendes wie Schmerzvolles. Dagegen kommt bei Kerstin Grimm Mythisches auf: Die bizarren Figurationen ihrer "Großen Flußfahrt" (1990-93), Menschen wie Tierwesen in merkwürdiger Kopulation, Schatten ihrer selbst, fahren auf zerbrechlichen Nachen ins Unbekannte.Assoziationen zum Fährmann Charon stellen sich ein, der in der Unterwelt die Toten mit seinem Kahn übersetzt.Aber es können ebensogut auch Fabelwesen sein, die sich von Geheimnissen umhüllt in unsere Gegenwart hineinbewegen. In einem ganzen Zyklus widmet Kerstin Grimm sich der "Historie des Flugwesens", begleitet den Flug über die "Weltebenen" hinweg vom Mythos (schwebende Engel) über das Tier- (Vogel und Fledermaus) und Menschenreich (Ballonflug, Im Doppeldecker) und gedenkt des tragischen Absturzes von Otto Lilienthal als "Tödlein".Sie beherrscht meisterlich Aquarelltechniken, die sie in Schichten auf das Papier oder die Leinwand wie auf alte Mauern bringt.Auf ihre Weise erzählen sie die Geschichte von Jahrhunderten.Erosionslandschaften, Ausbleichungen, Spuren, Zeichen, Risse, Sprünge, Zerfall.Kerstin Grimm bedient sich einer renaissancehaft anmutenden Figurengestaltung, die kühnen Pioniergeist feiert, aber auch menschlichen Hochmut und seine Opfer beklagt. Galerie parterre, Danziger Str.101, bis 6.März; täglich 14-20 Uhr.

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