Zeitung Heute : Flyer verteilen

Wie eine Partygängerin Berlin erleben kann

Christine Lang

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eine Freundin von mir ist hauptberuflich DJ. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und weil DJ-Jobs längst nicht mehr so gut dotiert sind wie noch vor einigen Jahren, muss sie zwei bis drei Mal in der Woche in verschiedenen Clubs oder Bars auflegen. Einmal im Monat veranstaltet sie eine eigene große Party. Viele DJs veranstalten in eigener Sache, das heißt, sie buchen sich quasi selber. Eine Menge Vorarbeit gehört dazu, in erster Linie muss man die Werbetrommel rühren. Also: Faxe und Mails versenden, Radiostationen anrufen, Karten verlosen, Plakate kleben… und Flyer verteilen. Das Verteilen übernehmen zum Teil Agenturen, trotzdem ist es wichtig, selber loszuziehen. Man kann sich die Leute angucken und ihnen direkt einen Flyer in die Hand drücken. Das ist echte Basisarbeit. Meine unermüdliche Freundin ist davon überzeugt, dass diese Arbeit sich lohnt. Ich kenne andere, die meinen, dass die Quote bei eins zu einhundert liegt, das heißt: hundert Flyer verteilen gleich ein Gast mehr im Club…

Am letzten Wochenende erklärte ich mich bereit, meiner Freundin bei dieser mühseligen Arbeit zu helfen und mit ihr durch Kreuzberg 36 zu ziehen. Ich fand es einen guten Anlass für eine Kneipen- und Clubtour, eine gelungene Kombination von Konsum und Arbeit. (Man sollte nur nicht in jeder Bar einen Drink zu sich nehmen.) Wir begannen im Möbel Olfe, gingen einmal durch die Bars der Oranienstraße, zur Ankerklause und zum Kinski, dann rüber in die Wiener Straße, zur Dönerlounge, ins San Remo und dann ins Watergate. Dort trafen wir Freunde und blieben hängen.

Immer noch finde ich, dass dieser Club für das Kreuzberger Nachtleben ein echter Zugewinn ist. Er hat eine wirklich gute Soundanlage, was in Berlin nicht selbstverständlich ist, und die Panoramafenster mit Ausblick auf die Oberbaumbrücke sind einfach nicht zu übertreffen. Auch das in seiner Feistigkeit hereinstrahlende Logo von Universal verbreitet gewissen Stadt-Charme. Im Eingangsbereich des Watergate steht ein großer Tisch, auf dem man alle aktuellen Partyinfos der Stadt finden kann. Demnach ist eine Menge los in Berlin, denn es gab kaum Platz für unsere kleinen rosafarbenen Flyer. Beim Durchgucken entspann sich ein Gespräch über Flyerästhetik: Vor mehreren Jahren gab es mal eine Ausstellung, über die Kreativität der Partymacher. Inzwischen scheinen witzige Einfälle ebenso rar wie die DinA4-Hochglanzflyer der New Economy. Dafür findet man einige Geschmacklosigkeiten: zum Beispiel ein Flyer, auf dem im Airbrush-Look eine nackte Frau auf einem Dinosaurier abgebildet ist. Ein schöner war dabei: quadratisch, schwarz mit einer abstrakten perspektivischen Grafik in silber und rot. Klar, eine von einer großen Jeansmarke gesponserte Party, anders ließe sich ein so luxuriöser Flyer gar nicht finanzieren. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, wie die Party werden wird, aber ohne den Flyer hätte ich gar nicht gewusst, dass Marc Almond heute Abend auftritt.

Freitag, Watergate ab 23Uhr: DJ Storm, Kabuki, Metro u.a., Falckensteinstraße 49.

Kino International ab 24 Uhr: Marc Almond, Ellen Alien, Isolee u.v.a., Karl-Marx-Allee 33.

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