Fördergelder : Nicht allein Marktreife zählt

„Energeia“ war für den Philosophen Aristoteles nicht das schlummernde Potential, das in einer Sache steckt, sondern das Wirklichwerden dieser Möglichkeit. Energie zeigte sich für ihn in Tätigkeit oder Bewegung.

Bettina Mittelstraß

Bewegt sind im Moment vor allem die Gemüter, wenn es um den Energiemix geht, mit dem sich Deutschland in Zukunft versorgen will.

Trotz der kürzlich erzielten Einigung über die Verlängerung der Akw-Laufzeiten: Im Energiekonzept der Bundesregierung sollen die Weichen auch weiterhin in Richtung erneuerbare Energien gestellt werden. Damit der Zug auch rollt, gibt es allerdings noch viel zu tun. „Das geht nicht ohne weitere Forschung“, sagt Karl Eugen Huthmacher, Leiter der Abteilung Zukunftsvorsorge – Forschung für Grundlagen und Nachhaltigkeit im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). „Die zentralen Themen sind Speichertechnologien und der Auf- und Ausbau des Versorgungsnetzes.“

Windenergie etwa muss ihren Weg aus den Offshoreparks auf dem Meer nach Süden finden. Aber wie? Auch kann Strom noch nicht im großen Stil gespeichert werden, um Versorgungsengpässe auszugleichen, wenn kein Wind weht oder keine Sonne scheint. „Das sind keine trivialen Aufgaben“, betont Huthmacher. „Diese Infrastrukturleistungen sind notwendig, um den erneuerbaren Energien zum Durchbruch zu verhelfen.“

Aus dem Forschungsministerium werden mehr als 50 Prozent der Gelder verteilt, die die Bundesregierung jährlich für Energieforschung ausgibt; für 2010 rund 500 von 820 Millionen Euro. Vorsorge für die Zukunft bedeutet dabei auch die Förderung wissenschaftlicher Forschung, die keine kurzfristigen und für den Markt absehbar verwertbaren Ergebnisse verspricht – wie etwa zu organischer Photovoltaik. Dahinter verbirgt sich die Idee, Solarzellen in großen Photovoltaik-Anlagen irgendwann nicht mehr aus Silizium, sondern aus Molekülen herzustellen, wie sie etwa in Plastiktüten vorkommen. Organische Solarzellen wären nicht nur aus erneuerbarem Material, sondern auch dünner, billiger und irgendwann vielleicht auch energieeffizienter.

„Das ist eine sehr gute Idee, aber im Augenblick noch so weit weg von der Marktreife, dass andere Förderinstitutionen abwinken“, sagt Oliver Diehl vom Referat für Grundlagenforschung Energie im BMBF. Während die Förderung aus dem Wirtschaftsministerium stärker auf anwendungsnahe Innovationen konzentriert ist, setzt das Forschungsministerium auf Ausdauer, um technologische Durchbrüche in der Energieforschung vorzubereiten.

Um gute Ideen zur Entfaltung zu bringen, werden vom BMBF nicht nur Großforschungseinrichtungen, sondern auch Universitäten und Unternehmen gefördert, die ihre Expertise immer besser vernetzen und sich für die nationalen und globalen Herausforderungen mit ausgereiften Konzepten rüsten. Teamwork ist gefragt. Denn niemand weiß derzeit genau, wie die Weltbevölkerung der Zukunft sicher mit Energie versorgt werden kann – Energie, die sich nicht erschöpft, das Klima nicht beeinträchtigt und außerdem speicherbar, transportierbar und bezahlbar ist. „Wir sind in der Welt die ersten, die versuchen, eine herkömmliche Energiestruktur mit einer erneuerbaren zu verknüpfen“, sagt Huthmacher, „Es gibt kein Modell, an dem wir uns orientieren könnten.“ Auf bessere Zusammenarbeit bei der Energieforschungsförderung haben sich deshalb auch alle Bundesministerien verständigt, die Geld bereitstellen.

Aristoteles stellte sich hinter aller Energie einen letzten Beweger vor, der selbst unbewegt ist. Unbeirrt zumindest ist im BMBF der Wille, den Umbau des Energiesystems nicht nur in Bewegung zu versetzen, sondern auch mit einem langen Atem zu versehen.Bettina Mittelstraß

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