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Folge 1: Wasser : Tierische Wohnkultur

25.11.2012 00:14 UhrVon Philipp Stute
Der Putzerlippfisch bei der ArbeitBild vergrößern
Der Putzerlippfisch bei der Arbeit - Foto: pa/Okapia

Sie machen es sich in Riffspalten bequem, basteln Luftblasen und nutzen Kokosnüsse als Behausung. Fünf architektonische Beispiele.

Das Arbeitstier: Putzerlippfisch
Der im Indopazifik verbreitete Gemeine Putzerlippfisch oder Labroides dimidiatus schätzt die enge Verzahnung von Wohnung und Gewerbe. Der längs gestreifte, bis zu zehn Zentimeter große Fisch hält sich in kleinen Gruppen immer an einer bestimmten Stelle eines Riffs auf. Nachts schläft er in den schützenden Riffspalten. Wenn die Sonne aufgeht, öffnet er seine sogenannte Putzerstation. Hier bietet Labroides anderen Fischen einen gefragten Service: Er knabbert lästige Parasiten aus ihren Schuppen und Körperöffnungen. Selbst gefräßige Raubfische warten friedlich vor der Putzerstation, bis sie an der Reihe sind.


Wie wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt haben, ist das Geschäftsgebaren des Fisches dem manch menschlicher Ladenbesitzer nicht unähnlich: Er arbeitet korrekter, wenn potenzielle Kunden vor seiner Station im Riff warten und ihm beim Putzen zuschauen. Sind keine anderen Fische in der Nähe, genehmigt sich der Putzerlippfisch hin und wieder einen Bissen von der schmackhaften obersten Hautschicht unter den Schuppen seines Kunden.

Der Mietnomade: Eingeweidefisch
Die Familie der Eingeweidefische (Carapidae) braucht nicht die eigenen vier Wände, um sich heimisch zu fühlen. Der Enddarm einer Seegurke reicht. Wie ihr Name andeutet, leben die Fische zeitweise in den Körperhöhlen wirbelloser Tiere. Besonders häufig wählen sie die Seegurke oder Seewalze als Unterschlupf: Das schlauchförmige, bis zu einem Meter lange Tier bietet den Eingeweidefischen in seinem Innern reichlich Lebensraum.
Die in tropischen Gewässern lebenden Fische wechseln häufig den Vermieter. Suchen sie Schutz, steuern sie die nächstgelegene Seegurke an. Viele Arten dringen in die Lungen der Tiere ein, manche nähern sich aber auch von hinten: Sie umrunden die Seegurke mehrfach, um deren Anus zu erschnuppern. Wenn der Eingang gefunden ist, klopft der Fisch kurz mit seinem Maul an und schiebt dann seinen pfeilförmigen Körper langsam in den Seegurken-Po. Das geschieht in der Regel rückwärts, einige Arten dringen aber auch mit dem Kopf zuerst ein. Mitunter leben zwei oder mehr Fische gleichzeitig in so einer Seegurke.
Es ist wenig darüber bekannt, was die Eingeweidefische in der Gurke treiben. Ob sie sich dort rücksichtsvoll verhalten, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Gelegentlich werden die Fische verdächtigt, die Innereien ihrer Wirte zu fressen. Sicher ist: Das ständige Rein und Raus der Untermieter ist für die Seegurken eher ungesund. Bewohnte Gurken leiden deutlich häufiger unter Entzündungen der inneren Organe als unbewohnte.

Der Dauercamper: Kokosnuss-Oktopus
Die skurrilste Spezies mit mobiler Lebensweise trifft man nicht etwa auf deutschen Campingplätzen, sondern im Meer vor der indonesischen Küste. Der Krake Amphioctopus marginatus schützt dort seinen weichen Körper mit einer ungewöhnlichen Strategie: Er sammelt in Küstennähe weggeworfene Kokosnussschalen vom Meeresgrund auf und baut daraus bei Bedarf blitzschnell eine sichere Behausung. Filmaufnahmen australischer Meeresbiologen zeigen, wie das achtarmige Tier die leeren Kokosnussschalen sorgfältig ineinanderstapelt.
Da er mit seinen zehn Zentimetern Körperlänge kaum größer ist als eine Kokosnuss, muss der Krake zum Transport seinen gesamten Körper über die Schale stülpen. Er bewegt sich dann fort, indem er mit den Tentakeln recht unelegant über den Meeresboden stöckelt. Mit diesem „Stelzengang“ kommt er bis zu 20 Meter weit. Fühlt sich das Tier bedroht, schlüpft es schnell in eine der Schalen und nutzt eine andere als Dach. Das ist praktisch, sieht aber für Menschen so urkomisch aus, dass die australischen Forscher unter Wasser Lachanfälle bekamen.
Amphioctopus kann den Spott gelassen über sich ergehen lassen. Schließlich hat er mit seiner Baukunst den inoffiziellen Titel „intelligentestes wirbelloses Tier“ erworben. Nie zuvor nämlich wurde bei den Wirbellosen ein ähnlich vorausschauendes Verhalten beobachtet. Überall dort, wo keine Kokosnussschalen verfügbar sind, baut Amphioctopus seine mobilen Behausungen übrigens aus Muschelhälften.

Der Plünderer: Phronima
Der Flohkrebs Phronima sedentaria nistet sich als Untermieter in andere Tiere ein, setzt allerdings auf das Prinzip der feindlichen Übernahme. Das durchsichtige, höchstens vier Zentimeter große Krebstier gehört zum Plankton und ist in allen Weltmeeren zu Hause. Mit seinem länglichen Kopfsegment und den scherenartigen Beinchen sieht Phronima aus wie eine Miniaturversion der „Aliens“ aus der gleichnamigen Kinoserie.
Auch der Nestbau der Weibchen erinnert an die Filmmonster. Die kleinen Krebse jagen dafür Salpen – durchsichtige, quallenartige Manteltiere. Phronima heftet sich von außen an sie an, schneidet eine kleine Öffnung in dessen Körperhülle und dringt dadurch ein. Dann höhlt der Flohkrebs das Opfer aus, frisst dessen Gehirn und innere Organe. Die verbleibende Hülle schneidet Phronima zu einer passenden, tonnenförmigen Behausung zurecht. Darin bringt es den Nachwuchs unter, der zuvor im Brutsack des Tieres herangereift ist. Die jungen Flohkrebse können sich in der Hülle entwickeln. Das Muttertier füttert den Nachwuchs, indem es das Nest mit propellerartigen Beinbewegungen durchs Wasser steuert und Nahrung sammelt.

Die Individualistin: Wasserspinne

Spinnen gehören zu den großen tierischen Baumeistern – nicht nur an Land. Die in ganz Eurasien verbreitete Wasserspinne Argyroneta aquatica ist die weltweit einzige Spinnenart, die unter Wasser wohnt. Das rund einen Zentimeter große Tier webt ein dichtes, kugelförmiges Netz, das sie unter der Wasseroberfläche zwischen Pflanzen befestigt und wie eine Taucherglocke funktioniert: Es bindet eine Luftblase unter Wasser. Dafür schwimmt Argyroneta an die Oberfläche und taucht ruckartig wieder ab. Dabei verfangen sich winzige Luftbläschen in den Härchen des Tieres, die sie mit in ihr Netz nimmt.

Die Wasserspinne verbringt in der einsamen Kammer fast ihr ganzes Leben. Sie taucht nur auf, um frische Luft zu holen – einmal am Tag genügt. Die meiste Zeit lauert Argyroneta in ihrer Blase still auf Beute. Das Netz ist durch Signalfäden mit Wasserpflanzen verbunden. Wenn eine Insektenlarve oder Wasserassel die Fäden berührt, greift die Wasserspinne zu, zerrt die Beute in die Luftblase und verspeist sie. Besuch erhalten die Spinnen nur zur Fortpflanzung: Ein Männchen schaut dafür in der Luftblase eines Weibchens vorbei, begattet es und verschwindet. Das Weibchen webt danach ein besonders großes Nest und hängt einen Kokon mit Eiern im oberen Teil auf. Wenn der Nachwuchs geschlüpft ist, bleibt er bis zur Häutung in der Luftblase der Mutter. Vorher fehlen ihnen die Härchen für den lebenswichtigen Lufttransport.

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