FOLKPOPThe Hidden Cameras : Schrill im Stadion

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Keine Sorge: So gesittet, wie es die strenge Inszenierung unseres Fotos vermuten lässt, geht es bei Konzerten der Hidden Cameras nie und nimmer zu. Wer das vielköpfige Ensemble schon mal erleben durfte, weiß, dass kein Veranstaltungsort zwischen Theaterbühne und Fußballstadion vor der tolldreisten Vereinnahmung zum Pop-Rummelplatz sicher ist, auf dem sich handfeste Tanztumulte zutragen. Die Kirchenschiff-Assoziation dürfte gewollt sein, nennt die Band um den aus Toronto stammenden und seit ein paar Jahren in Berlin residierenden Joel Gibb ihren Sound doch selbst „Gay Church Folk Music“. So daneben liegen sie damit nicht: In den ungestümen Galopp der Songs, die von einer vielköpfigen Instrumentalistenschar vorangepeitscht werden, bricht sich gern eine zwischen jubilierender Dur-Melodik und nervender Schrillheit changierende Chorknaben-Seligkeit Bahn, für die man dann nicht selten gleich einen ganzen Chor einlädt.

Obersängerknabe in dem Tohuwabohu ist natürlich Gibbs selbst, der sich nicht scheut, auch mal jodelnd oder tapfer falsettierend die melodischen Steilkurven seiner Stücke zu durchrasen. Dabei gelingen ihm kleine Hits, die sich auf dem aktuellen Album „Origin: Orphan“ zu charmanten Disco- Folk-Hymnen wie „Ratify the New“ oder „In the NA“ auswachsen. Dass sie von dem Kanada-Pop- Hype der letzten Jahre kaum profitieren konnten und von Langweilern wie Arcade Fire überholt wurden, ist zwar ungerecht. Doch die durften dafür nicht vor 70 000 Zuschauern beim Abschiedsspiel des Hardcore-Fans Mehmet Scholl aufspielen und den verdutzten Fußballstars von Bayern und Barça schräge Queer-Folk-Stampfer um die Ohren hauen.Jörg Wunder

Lido, So 18.4., 21 Uhr, 18 € EF772

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