FOLKROCKCrosby, Stills & Nash : Wir sind keine Engel

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Der verlorene Sohn war vor kurzem für ein fulminantes Konzert in Berlin: Neil Young hatte bereits Anfang der Siebziger die Reißleine gezogen, so dass aus der Folkrock-Supergroup Crosby, Stills, Nash & Young nach einem epochalen Album und legendenumrankten Auftritten in Woodstock und anderswo (wieder) die etwas weniger konfliktbeladene Formation Crosby, Stills & Nash wurde. Doch auch das verbliebene Trio war keine Versammlung von Unschuldsengeln. Jeder von ihnen hatte in einer prägenden Sixties-Band seine Spuren hinterlassen: David Crosby gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Byrds, Stephen Stills war (wie Young) bei den Americana-Pionieren Buffalo Springfield, und der Brite Graham Nash spielte bei den Hollies, einer jener Gruppen der British Invasion, die im Gefolge der Beatles in Amerika Fuß fassen konnten.

So unterschiedlich die Temperamente, so unstet blieb das Schaffen von Crosby, Stills & Nash. Doch trotz musikalisch und außermusikalisch divergierender Interessen, trotz Drogenproblemen und periodisch wiederkehrender Zerwürfnisse hielten die drei einander die Treue und gingen immer mal wieder gemeinsam ins Studio oder auf Tournee. Im Herbst ihrer vielfach vergoldeten Karriere sind die Herren um die 70 alles andere als eine bemitleidenswerte Oldiekapelle auf Abschiedstournee: Der Vergleich mit jüngeren, von ihnen beeinflussten Bands wie Fleet Foxes oder Grizzly Bear offenbart, welcher Segen in fünf Jahrzehnten Bühnenerfahrung steckt. Mit einer erzcoolen Backingband segeln sie in ergreifenden Satzgesängen durch die Harmonien großartiger Songs wie „Marrakesh Express“ oder Jefferson Airplanes „Wooden Ships“. Schöner kann Folkrock nicht klingen.Jörg Wunder

Max-Schmeling-Halle, Fr 28.6., 20 Uhr, 57-87 €

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