Zeitung Heute : Ford: Ein neues Werk für den neuen Fiesta

Ingo von Dahlern

Stellen sie sich einmal vor, sie gehen heute zu ihren Autohändler und bestellen dort ein Auto. Bei modernen europäischen Produkten bedeutet das, dass man bei Ausstattung und Technik, Farben und Materialien, Wunschausstattungen und Zubehör ab Werk heute so viele Wahlmöglichkeiten hat, dass kaum noch ein Fahrzeug dem anderen gleicht. Kurzum, jedes Modell ist, obwohl ein Großserienprodukt, praktisch ein nach individuellen Wünschen nach Maß gefertigtes Einzelstück.

Das wiederum verlangt eine sehr sorgfältige Vorbereitung und Planung für jedes einzelne Fahrzeug. Kein Wunder, dass man auf ein solches Auto einige Zeit warten muss. Doch was heute noch viele Wochen und sogar Monate dauert, soll bei Ford künftig nur noch zwei Wochen dauern. Bereits 15 Tage nach der Bestellung soll schon bald das Auto nach Maß aus der Endmontage rollen. Das allerdings verlangt hochmoderne und extrem flexible Fertigungstechniken.

Deshalb ist es durchaus interessant, nicht immer nur auf die Autos als Endprodukte der Automobilindustrie und ihre Eigenschaften zu blicken, sondern einmal einen Blick in die Automobilfabriken unserer Tage zu werfen. Denn sie gehören zu den interessantesten Fertigungsstätten unserer modernen Technik. Das gilt nicht nur für die Fertigungsabläufe und die dabei eingesetzten Maschinen, sondern ebenfalls für die bis ins letzte Details ausgefeilte Logistik, die Arbeitsabläufe, die Gestaltung der Arbeitsplätze der dort arbeitenden Menschen, deren Verantwortlichkeiten für höchste Qualität und die damit nötigen individuellen Eingriffsmöglichkeiten in die Produktionsabläufe, das Zusammenwirken von Endmontage und Zulieferern, die als Systemlieferanten komplett montierte Module an die Fertigungslinien liefern. So entstehen für neue Modelle oft völlig neue Werke. Das gilt zum Beispiel für die Fertigung von Ford in Köln-Niehl. Denn für die neue Generation des Fiesta, die in allen drei Karosserievarianten in Köln gebaut wird, wurde das dort bestehende Werk total umgebaut. So entstand dort die derzeit modernste Endmontage Europas für ein Großserienfahrzeug, die so flexibel ausgelegt ist, das dort nicht nur alle Varianten des Fiesta sondern theoretisch auch alle anderen Modelle aus dem europäischen Ford-Programm gebaut werden können.

Die Zeiten, als der Bau von Autos für die dort tätigen Menschen harte und oft auch gefährliche Knochenarbeit bei hoher Lärm- und Geruchsbelästigung war, sind längst Vergangenheit. Das gilt auch für die früheren Fließbandfertigungen mit sich für jeden dort tätigen Automobilbauer permanent wiederholenden wenigen Handgriffen. Längst haben flexible Gruppen, deren Mitglieder für einen kompletten Fertigungsabschnitt mit verschiedenen Arbeitsgängen verantwortlich sind, die früheren "Einzelkämpfer" abgelöst. Im neuen Fiesta-Werk von Ford sind das Teams mit jeweils sechs Mitgliedern, die ihre Arbeitsabläufe im Rahmen der vorgegebenen Arbeitsumfänge in eigener Verantwortung bestimmen, für höchste Qualität in ihrem Arbeitsabschnitt garantieren und zugleich für kleinere Wartungs- und Instandhaltungsdarbeiten an Werkzeugen und Maschinen verantwortlich sind, mit denen sie arbeiten.

Maschinen, die ihnen die früher üblichen schweren körperlichen Arbeiten abnehmen und ihnen bei Montagearbeiten mit schweren Baugruppen zur Hand gehen. So werden zum Beispiel Windschutz- und Heckscheiben heute mit höchster Präzision von Robotern eingebaut, die auch die dafür nötigen Klebstoffe auf die Scheibenrändern aufbringen. Bei der Montage von Sitzen, Reserverädern, Hinterachsen, Batterien und Türen übernehmen sogenannte "Lazy Arms" - hydraulische Einbauhilfen - die Schwerstarbeit.

Ob es um die hochmoderne Pressenlinie mit fünf Pressen, die rund um die Uhr 305 Teile pro Stunde fertigen und deren Werkzeuge binnen kürzester Zeit von Robotern gefertigt werden geht, ob um die erste gabelstaplerfreie Endmontage mit neuartigen viel leichter beherrschbaren E-Frame genannten elektrischen Zugmaschinen, ob um die Teileanlieferung oder die Organisation der Fertigung auf zwei voneinender völlig unabhängigen Linen - in allen Bereichen setzt das neue Fiesta-Werk in Köln neue Maßstäbe.

Die wichtigsten Zulieferer arbeiten in unmittebarer Nachbarschaft zum Montagewerk, in das sie per elektrischer Hängebahn nicht nur zum genau richtigen Zeitpunkt (just in time) sondern auch in der richgtigen Bau-Reihenfolge (just in sequence) für jedes Auto seine individuellen Ausstattungselemente liefern. Eine ausgefeilte Logistik sorgt dafür, dass an den Montagelinien alle dort benötigten Teile ebenfalls stets im richtigen Zeitpunkt verfügbar sind. Das geht so weit, dass eine neue Ladung Scheinwerfer exakt in dem Monat ankommt, in dem der letze Scheinwerfer der vorgerigen Lieferung verbaut wird.

Voll digitalisiert ist die Qualitätskontrolle. So hält eine Datenbank für jedes Fahrzeug jeden einzelnen Arbeitsschritt, der von den Produktionsmitarbeitern per Touch-Screen eingegeben wird, fest. Und nur die Fahrzuge werden durch die Schranke zur abschließenden Qualitätskontrolle gelassen, bei denen alle Arbeitsschritte perfekt ausgeführt wurden. Ist das nicht möglich, kann jeder Mitarbeiter in seinem Arbeitsbereich das Produktionsband des neuen Fiesta-Werks anhalten, das als "lead plant" für die moderne Kleinwagenfertigung weltweit Verantwortung für die Entwicklung und Erprobung neuer Fertigungstechniken trägt.

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