Zeitung Heute : Forensische Psychiatrie: Im festen Haus

Thomas Eckert

Neustadt ist eine kleine Stadt am Rand der Holsteinischen Schweiz. Es ist kein Ort des Bösen, trotz dieser Einrichtung, die es sonst nirgends gibt in Schleswig-Holstein. Sie nennt sich "Ostseezentrum für seelische Gesundheit", und ein Teil dieses Zentrums ist die forensische Psychiatrie, in der 220 Menschen einsitzen. Es sind alle männlichen Straftäter Schleswig-Holsteins, die ihre Taten im Zustand verminderter Schuldfähigkeit begangen haben. Triebtäter und Schizophrene, Menschen auch wie Frank Schmökel. "Ballaburg" nennen die Einheimischen diesen Ort. Balla, das weiß jedes Kind, heißt soviel wie verrückt.

Neustadt hat 16 000 Einwohner, einen schmucken Hafen mit Nippesläden und Fischbrötchenimbiss, von dem aus Altautos auf den Weg nach Russland gebracht werden, und Deutschlands Traumschiff-Reeder Peter Deilmann steuert von einer Villa hoch über dem Hafen seine Flotte über die Meere. In Neustadt herrscht Ruhe. Von Angst keine Spur, keine Angst vor den "Irren". Dabei fragt man sich, ob es nicht normal wäre, sich davor zu fürchten, dass einer wie Frank Schmökel ausbrechen könnte.

"Angst zu haben ist normal", sagt Bernhard Wehde, Geschäftsführer des des Ostseezentrums für seelische Gesundheit, in dem 1000 Mitarbeiter 900 Patienten und Bewohner betreuen. Wehde meint nicht nur die gewöhnliche, gesunde Angst, die ein Schutzmechanismus ist, sondern auch seine ganz persönliche Angst, die ihn manchmal umtreibt: dass doch einmal etwas passieren könnte. Dass einer wie Schmökel auch aus seinem Krankenhaus ausbrechen könnte. Trotz aller Sorgfalt, aller Vorsicht.

Am 1. April 2000 ist in Schleswig-Holstein ein neues Gesetz zum Maßregelvollzug in Kraft getreten, beschlossen von allen im Landtag vertretenen Parteien. Ein Gesetz, in dem die Rechte der eingesperrten Menschen festgeschrieben wurden. Bis dahin hatte man sich mit mehr oder weniger präzisen Vorschriften begnügt. Maßregelvollzug bedeutet dem neuen Gesetz zufolge auch Freigang und kontrollierten Ausgang. Allerdings nicht für alle. Wer schwerste Verbrechen begangen hat und ohne Aussicht ist auf Gesundung, der bleibt hinter Gittern, in manchen Fällen ein Leben lang.

Bernhard Wehde nennt die Insassen Patienten. Schließlich werden im Ostseezentrum auch Alte betreut, die sich nicht mehr allein helfen können, hier wohnen Menschen, die es draußen nicht mehr schaffen würden. Die Anlage des Krankenhauses stammt aus der Jahrhundertwende: ein großer Park, villenartige Pavillons und das so genannte Feste Haus, in dem einst Schwerstgestörte weggesperrt wurden.

Heute sind hier und in einem angrenzenden Neubau, den die Leitende Chefärztin Angela Schürmann "Architektur gewordenes Strafbedürfnis der Bevölkerung" nennt, knapp 100 Straftäter mit schweren Persönlichkeitsstörungen untergebracht, hinter Gittern, an der Flucht gehindert durch hochmoderne Alarmanlagen und Eisenzäune.

Der letzte Ausbruch vor 13 Jahren

Es ist ein Krankenhaus, kein Gefängnis. Hier gibt es keine Wärter in Uniform, keine Waffen, keine Hundepatrouillen. "Ostseezentrum für die seelische Gesundheit": ein schöner Name. Ein Name, in dem etwas von Sommerfrische und Meeresrauschen mitschwingt. Etwas Reines, Unverdorbenes. Und die Aussicht auf Heilung. Es ist ein schönes Bild, aber durch das Bild geht ein Riss.

Ein Drittel der Patienten der forensischen Abteilung hat das Recht auf Lockerungen wie kontrollierten Freigang. "Auch wenn wir alles versuchen, was in unserer Macht steht, eines können wir nicht: in die Menschen hineinsehen", sagt die Psychiaterin und Leitende Chefärztin Angela Schürmann. Auch sie hat eine ganz normale Angst: weil immer ein Rest an Risiko bleibt.

Wehde und Schürmann sind noch keine alten Hasen in Neustadt. Wehde ist seit drei Jahren im Amt, Schürmann seit 18 Monaten. Und trotzdem ist eine Art professionelles Schaudern bei ihnen zu spüren, wenn sie von einem Fall erzählen, der dreizehn Jahre zurückliegt. Damals ermordete ein Schwerstgestörter auf seinem Freigang die Tochter eines landesweit bekannten NDR-Redakteurs. Der "Super-Gau für eine psychiatrische Klinik", sagt Schürmann.

Draußen auf dem Rasen vor dem Büro der Chefärztin spielen Kinder, lachende Menschen laufen vorbei, die Vogelhäuschen unter dem Arm tragen, Familien schlendern vorüber: Tag der offenen Tür mit Basar. Am Abend werden Kinder mit Laternen durch das Gelände streifen, Lieder singen und an den Fenstern der geschlossenen Abteilung vorüberflanieren. "Sie sind draußen sicher auch einem Mörder begegnet", sagt Schürmann zu ihrem Besucher. Kleine Pause. "Aber Sie können sicher sein, der Mann würde nicht frei herumlaufen, wenn wir nicht zweifelsfrei der Meinung wären, dass er keine Gefahr für die Umwelt darstellt." Die populäre Vorstellung, ein Freigänger würde an einem Tag wie diesem in einem unbeobachteten Moment über die Mauer springen und dem Nächstbesten an den Hals gehen - barer Unsinn. Unvorstellbar in Neustadt.

Wer ohne Begleitung das Gelände verlassen will, hat eine lange Prozedur durchzustehen. Psychologen und Gutachter untersuchen die Patienten regelmäßig. Wenn Freizügigkeiten wie Ausgang in Aussicht stehen, werden externe Gutachter hinzugezogen. Wer sich nicht freiwillig einer Therapie unterzieht, hat keine Chance, jemals den gesicherten Bereich zu verlassen.

Die Gefahr, dass etwas passieren könnte, ist absolut gering, wie die Klinikleitung immer wieder betont. In den letzten 13 Jahren wurde keine einzige schwere Straftat von Menschen begangen, die Insassen der Forensischen Abteilung der Fachklinik Neustadt waren oder sind. "Nicht eine", sagt Wehde. Und das sei in den übrigen Bundesländern nicht wesentlich anders. "Jedes Jahr verlassen Hunderte die forensischen Abteilungen. Sie werden als geheilt entlassen. Und man hört nie wieder etwas von ihnen." Genaue Statistiken aber gibt es nicht.

Die Selbstmordrate ist hoch

Natürlich gibt es auch die anderen, die unheilbar psychisch Kranken, die den Rest ihres Lebens in geschlossenen Abteilungen verbringen müssen. "Wer glaubt, es ist ein Vergnügen, in einer geweißten Zelle zu hocken, mit festgeschraubter Toilette und ohne jeden beweglichen Gegenstand, damit sich niemand selbst verletzen kann, der irrt. In einer geschlossenen Abteilung zu sitzen, das ist immer die Hölle." Trotz der zehn Ärzte, der vier Psychologen, acht Ergotherapeuten, zwei Sozialarbeiter, zwei Lehrer und einer Heilpädagogin.

"Wir bräuchten mehr Personal", sagt Schürmann. "Aber der Maßregelvollzug bildet immer noch das Schlusslicht, wenn es um Verbesserungen geht." Gerade hat das Land Schleswig-Holstein beschlossen, 100 Millionen Mark für die Modernisierung der Gefängnisse auszugeben. Die Forensische Abteilung in Neustadt wird davon nicht eine Mark sehen.

Und noch ein Mythos. Die Erfahrung hat gelehrt, dass Schwerstgestörte, einmal als geheilt entlassen, nur äußerst selten zu einer Gefahr für andere werden. Die größte Gefahr sind sie für sich selbst. "Die Selbstmordrate ist hoch", sagt Schürmann. "Wir können nichts dagegen tun." "Ehe wir einen Patienten ins normale Leben zurückschicken, müssen wir uns völlig sicher sein", sagt Wehde. Niemand wird leichtfertig entlassen. Wehde kann viele Geschichten erzählen von Rechtsanwälten, die auf die Rechte ihrer einsitzenden Klienten pochen.

Vor einem Jahr wurde der Leiter der Forensik pensioniert. Seitdem wird ein Nachfolger gesucht, "aber wir finden keinen, der geeignet wäre", sagt Schürmann. Und meint damit, dass sich alle, die geeignet wären, wohl lieber auf einen anderen Posten bewerben. Einen, der etwas weniger gefährlich ist für die eigene Karriere. "Wir sind nicht die Einzigen, die suchen. Ich weiß von sieben forensischen Abteilungen, die einen qualifizierten Leiter suchen und nicht finden."

Und was sagen die Neustädter zu ihrer Ballaburg? Fordern sie den Abriss der Anstalt, die Auflösung der forensischen Abteilung, Kranke raus? Nichts von alledem. Es gibt keine Anfeindungen, keine Demonstrationen, keine Bürgerinitiativen. Das ist nicht wirklich verwunderlich: Das Ostseezentrum für seelische Gesundheit ist der größte Arbeitgeber von Neustadt, auch wenn Angela Schürmann einschränkend sagt: "Wirklich beliebt sind wir nun auch wieder nicht."

Wer in der Klinik arbeitet, wird schief angesehen. Natürlich gilt auch in Neustadt: "Mit den Irren will niemand etwas zu tun haben." Und wer in der Ballaburg arbeitet, der wird auf jeden Fall für ein bisschen verrückt gehalten. Am Anfang des Jahrhunderts war das Krankenhaus noch ganz offiziell eine Irrenanstalt. Der Begriff Psychopath ist auch schon wieder überholt. "Heute spricht man von psychisch Schwerstgestörten", sagt Schürmann. Und sie hält das für einen kleinen Fortschritt.

Und der Fall Schmökel? Ging da nicht ein Lauffeuer durch alle forensischen Abteilungen Deutschlands, Telefonkonferenzen, Krisensitzungen? In der vergangenen Woche traf sich die Bundesdirektorenkonferenz, ein Arbeitskreis der Leiter der forensischen Fachkliniken, in Bayreuth zu seiner turnusmäßigen Sitzung. Ob der Fall Schmökel dort behandelt wurde? "Höchstwahrscheinlich", sagt Schürmann. Genaueres kann sie auch nicht sagen. Man spricht nicht viel untereinander. Von den Kollegen aus Neuruppin hat sie auch nichts gehört. Das sei auch nicht üblich. Aber als der Ausbruch Schmökels bekannt wurde, hat man in Neustadt überprüft, was überprüft werden konnte. "Wir haben es mit Menschen zu tun", sagt die Psychiaterin, "da weiß man nie, was morgen passiert."

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