Zeitung Heute : Formulare aus dem Internet: Wie ein Blitz

Burkhard Schröder

Das Formular gehört zur deutschen Leitkultur wie der Schäferhund und der Gartenzwerg. Formulare und Musterbriefe regeln den Umgang mit Behörden, mit der ehemaligen Ehefrau und dem ehemaligen Kraftfahrzeug. Wer weiss schon, wie ein "Antrag auf Weiterzahlung des Kindergelds nach einer Trennung" exakt und formvollendet auszusehen hat? Für diese Fälle gibt es ein neues Portal im Internet: www.formblitz.de . Hier warten Formulare für den Fall der Fälle direkt zum Herunterladen auf den Schreibtisch.

Initiator der urdeutschen Idee ist Werner Vollert, der in seinem früheren Leben Chef der Techno-Disko "Tresor" war. Auch der Programmierer der Fomblitz-Seite arbeitet als Techno-DJ: Steffen Reinicke, in einschlägigen Clubs unter dem Künstlernamen "Roose" bekannt ( www.gabbafront.de ). Vom wilden Nachtleben zum deutschen Formular - eine deutsche Karriere, so mustergültig wie der oft dringend benötigte Musterbrief: "Aufforderung zur Zahlung von Ehegattenunterhalt".

Auf formblitz.de findet der Surfer alle Arten von Steuerformularen, Reisekostenabrechnungen, Vordrucke für Kassenbücher, Miet- und Kaufverträge. Wer hätte gedacht, dass es sogar einen Musterbrief gibt mit dem Inhalt: "Beschwerde bei der Bank über einen Mitarbeiter"? Alle Formulare sind kostenlos und im Portable Document Format (PDF). Man braucht den Acrobat Reader, um sie anzeigen zu können. Wer das Formular auf dem Monitor aufgerufen hat, kann es gleich ausfüllen oder auf dem traditionellen Weg ausdrucken und per Post verschicken.

Die Geschäftsidee der neuen E-Commerce-Firma ist einfach und überzeugend: Wer ein bestimmtes Formular sucht und findet, bekommt die passende Literatur in Form eines Werbebanners angezeigt. Das exakte Product Placement garantiert den Kunden, dass die Surfer die Werbung nicht als lästige Ablenkung sehen, die das Laden der Website verlängert, sondern als willkommene Ergänzung. Wer einen "Mustervertrag über Fernsehempfang durch eine Satelliten-Mehrteilnehmer-Empfangsanlage" herunterlädt, findet zum Beispiel Literatur zu allen Aspekten des Mietrechts.

Auf formblitz.de gibt es auch Standard-Formulare der Behörden deutscher Städte wie Berlin und Dortmund. Vollert und Mitarbeiter hoffen, dass sie diese Sparte ihres Portals in naher Zukunft erheblich ausweiten können. Bis jetzt sind sie mit ihrer Idee ohne Konkurrenz. Wer bisher Formulare von Behörden anderer Städte und Gemeinden suchte, musste den Fachhandel bemühen - ein oft zeitaufwendiges Unterfangen. Dem Formular-Portal kommt zugute, dass die Suchmaschine Google ( www.google.com ) vor kurzem angekündigt hat, auch Dokumente im PDF-Format zu indizieren. PDF ist im Word Wide Web, neben Hypertext Markup Language (HTML), der klassischen Programmiersprache für Webseiten, der zweitwichtigste Standard für Formulare und Präsentationen. Google durchsucht mehr als 13 Millionen PFD-Dateien im Internet.

Die Macher des Formular-Portals hoffen, dass die Behörden bald auch per E-Mail eingesandte Formulare akzeptieren werden. Der Bundestag hat am 9. März das neue Gesetz zur zur digitalen Signatur (SigG) beschlossen und damit die Voraussetzung geschaffen, rechtsgültige Unterschriften eines elektronischen Briefes akzeptieren zu können. Die elektronische Signatur, kombiniert mit dem mustergültigen Online-Formular, könnte die Kommunikation zwischen Bürger und Behörden in Zukunft erheblich vereinfachen. Dazu gehört aber, dass beide Parteien sich daran gewöhnen, ihre digitale Post zu verschlüsseln. Dazu ist es noch ein langer Weg, länger als der vom Diskjockey zum Formularverwalter.

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