Forschung in Berlin : Aufstieg, Fall, Aufstieg

von

Am 28. 3. 1933 erklärt Albert Einstein seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied er 19 Jahre lang war. „Ungern scheide ich aus ihrem Kreise“, schreibt Einstein, der Deutschland schon verlassen hat. Aber die herrschenden Zustände zwängen ihn zu diesem Schritt. Wenn man den dunkelsten Tag in der Geschichte der deutschen Wissenschaft benennen wollte: Hier ist er. Zwar wurde auch nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten noch vielerorts hervorragende Wissenschaft betrieben. Doch die Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler bedeutete den Anfang vom Ende.

Am härtesten traf dieser Niedergang Berlin. Die Stadt hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen beispiellosen Aufstieg als Metropole der aufstrebenden Naturwissenschaften erlebt. Hier wurde mit der Physikalisch-technischen Reichsanstalt eine moderne „Wissensfabrik“ errichtet und in den Kaiser-Wilhelm-Instituten den besten Vertretern ihres Faches die Freiheit zum Forschen gegeben. 1918 konnte man von der „Stadt der Nobelpreisträger“ sprechen, denn 16 der bis dahin 22 deutschen Nobelpreisträger waren mit Berlin verbunden.

Noch vor 30 Jahren wäre die Erinnerung an die große Zeit der Berliner Wissenschaft pure Nostalgie gewesen, reine Ruinenromantik. Um Berlin als Ort der Spitzenforschung war es ruhig geworden. Mit dieser Idylle ist es zum Glück vorbei. Die Stadt ist wieder ein Magnet für helle Köpfe aus aller Welt. In diesem Jahr feiert Berlin als „Hauptstadt für die Wissenschaft“ die Jubiläen von Humboldt-Universität, Charité, Akademie, Max-Planck-Gesellschaft und Staatsbibliothek. Zum Glück braucht man nicht nur zurückzublicken, sondern kann auch wieder nach vorn schauen.

Doch die Bühne, auf die Berlin zurückgekehrt ist, hat sich gewandelt. Es sind nicht mehr wenige Länder oder Städte, die den Ton in der Wissenschaft angeben. Viele Zentren liegen im Wettbewerb. Die Produktion von Erkenntnis ist eine hoch spezialisierte Industrie, an der weltweit mehr als sieben Millionen Wissenschaftler beteiligt sind. Die Wissenswirtschaft produziert Diplome, Doktortitel, Patente und einen unermesslichen Strom von papers, wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Internationale Großvorhaben mit Tausenden von Forschern und Dutzenden beteiligter Institutionen ersetzen das einsame Genie, das Einstein verkörperte. Das Klima, das Genom oder der Urknall werden heute in virtuellen Wissenschaftler-Kommunen erforscht, deren Heimat das Internet ist und deren Bürger überall auf der Welt leben.

Um in der globalen Wissenswelt bestehen zu können, muss eine Stadt wie Berlin bei aller wissenschaftlichen Vielfalt Schwerpunkte setzen. Das größte Potenzial besitzt die Stadt in der biomedizinischen Forschung. Deshalb ist es nur schwer verständlich, wenn diese Stärke Berlins infrage gestellt wird, etwa in der Debatte um die Schließung eines Standorts der Uniklinik Charité. Ein Fehler wäre das vor allem, weil auch die Größe einer Institution entscheidet, ob sie wegweisende Forschung hervorbringt. Qualität und Quantität hängen zusammen. Berlin müsste es wissen. Hier begann schließlich mit massiven Investitionen das Zeitalter der naturwissenschaftlichen Moderne. Damit lockte man selbst einen Albert Einstein in die Stadt.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar