Zeitung Heute : Fortbildung für Bibliothekare: Vom Abstellgleis auf den Daten-Highway

Thomas Veser

Bibliotheken der öffentlichen Hand haben ihr einstiges Monopol bei der Informationsbeschaffung verloren. Seit Jahren klagen sie über Nutzerrückgang. Vor allem Jugendliche zeigen ihnen die kalte Schulter. Wenn sie Wissensdurst verspüren, halten sie sich immer häufiger an andere Informationsquellen. Seit frühester Kindheit an den Umgang mit dem Internet gewöhnt, sind viele Vertreter der jüngeren Generation bereits in der Lage, aus dem fortwährend aktualisierten Online-Angebot nach ihrem individuellen Bedarf nützliche Inhalte herauszufiltern. Diese Vorteile können ihnen Leihbibliotheken mit ihrem überwiegend klassischen Angebot an Fachbüchern nicht bieten. Halten sie weiterhin an antiquierten Zettelkästen und einem stark wissenschaftlich geprägten Ordnungssystem fest, ist damit zu rechnen, dass eines Tages ihre Daseinsberechtigung in Zweifel gezogen wird.

Wollen Leihbüchereien nicht auf einem Abstellgleis landen, dann müssen sie auch die Neuen Medien in ihr Angebot aufnehmen und Benutzern beim Umgang Hilfestellung anbieten. Das fordert die gemeinnützige Bertelsmann-Stiftung, die unter anderem an einer Erneuerung des öffentlichen Bibliothekswesens arbeitet. Um die Entwicklung zu beschleunigen, hat Deutschlands größte Stiftung ein Qualifizierungsprogramm für Bibliothekare entwickelt. "Bibweb", wie der gebührenpflichtige Kurs genannt wird, steht seit vergangenem Jahr als Fernlehrgang im Internet ( www.bibweb.de ).

Die Laufzeit für das Projekt, das aus drei Lernbausteinen besteht und die Zahl medienkompetenter Bibliothekare erhöhen soll, erstreckt sich über drei Jahre. Dann will die Reutlinger ekz.bibliotheksservice GmbH, die als Gesellschaft der öffentlichen Hand mit den Güterslohern zusammenarbeitet, den virtuellen Kurs in Eigenregie anbieten.

Recherchetipps für die Besucher

Bei erfolgreichem Abschluss erhält der Teilnehmer ein Zertifikat. Bis zu diesem Zeitpunkt soll erreicht sein, dass mindestens zweitausend Lehrgangsteilnehmer und damit rund 20 Prozent aller deutschen Bibliothekare in der Lage sind, Büchereibenutzer bei der Recherche mit den Neuen Medien zu beraten und zu unterstützen.

Wer sich über die Fernlehre zum Experten für den Umgang mit den Neuen Medien qualifiziert, müsse nicht mehr an kostspieligen und zeitaufwendigen Präsenzkursen teilnehmen, argumentiert die Hagener Erziehungswissenschaftlerin Mechild Hauff, die für Bibweb die pädagogische Verantwortung trägt. Und der Studierende nutzt den entscheidenden Vorteil des Internet: Sich schnell verändernde Lerninhalte im Bereich der Neuen Medien können fortwährend aktualisiert werden. Dem Teilnehmer bleibt überlassen, wann er lernt und welche Defizite er beheben möchte.

Dem ersten Lernabschnitt wird freilich ein Warnung vorausgeschickt: "Sie lernen alleine am Computer". Das setzt eine hohe Eigenmotivation voraus, auch wenn für den Notfall eine "Hotline" vorhanden ist und man bei Problemen über Diskussionsforen von anderen Teilnehmern Hilfe erwarten kann. Dass die Oberfläche sehr einfach und ohne die heutzutage weit verbreiteten Animationen gestaltet wurde, lässt sich leicht begründen: Die meisten Bibliotheken verfügen in technischer Hinsicht nur über eine relativ bescheidene PC-Ausstattung. In Deutschland liegt der Anteil an Leihbibliotheken mit Netzzugang erst bei 30 bis 40 Prozent, in den skandinavischen Ländern hat er die 90-Prozent-Marke erreicht.

Betriebswirtschaftliches Know-how

Der Lernteil für die zahlenmäßig wohl am stärksten vertretenen Anfänger ist von seiner Gestaltung her dem vertrauten Buch nachempfunden. Er stellt kaum mehr als eine systematische Wissensabfrage dar. Der nachfolgende Baustein ist bereits anspruchsvoller. Dort geht es um jene Kriterien, die erlauben, Suchmaschinen und Internetressourcen zu bewerten. Auch das komplizierte Urheberrecht wird behandelt. Modul drei richtet sich an erfahrene Teilnehmer, die den letzten Schliff benötigen: Sie erlernen HTML und andere Sprachen, die benötigt werden, um selbst Web-Seiten zu erstellen. Dann üben sie ein, wie das eigene Angebot konzipiert und betriebswirtschaftlich geplant werden muss.

Besonders hier zeigt sich, dass der Übungsteil stark auf den künftigen Arbeitsalltag ausgerichtet ist. Mit dem "Content building" genannten Aufbau eigener Materialsammlungen im Internet kann die Leihbibliothek nach Ansicht der Stiftung ihre Funktion als kundenorientierter Dienstleister verdeutlichen: Sie kann zügig auf Benutzerwünsche eingehen. Wird zum Beispiel eine Schulklasse bei der Recherche zu einem bestimmten Thema der Lokalgeschichte nicht fündig, besorgt der ausgebildete Bibliothekar die gewünschten Informationen entweder selbst oder wendet sich an Experten im kommunalen Umfeld. Das Ergebnis kann in verhältnismäßig kurzer Zeit in Form einer Internet-Seite zugänglich gemacht werden. Wer als Bibliothekar diesen Schritt bewältigt, hat sich dem Fortbildungsziel "vom Informationsempfänger zum Produzenten" gewandelt.

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