Fotografie : Verwaiste Räume

Was bleibt von einem Menschen, wenn er stirbt? Die Fotografin Sarah Hildebrand hat zehn Jahre lang Wohnungen besucht, ehe sie entrümpelt wurden. Eine Dokumentation.

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Leere Stühle, leere Betten...Alle Bilder anzeigen
Foto: Sarah Hildebrand
15.03.2013 15:46Leere Stühle, leere Betten...

Ein roter Sessel mit einem Kissen darauf. Ein Fenster, durch das mattes Licht in ein Schlafzimmer fällt. Ein Küchenbrett aus Holz, das neben dem gespülten Geschirr an der Wand lehnt.

Die Fotos, die Sarah Hildebrand für ihr Projekt „Verlassene Orte“ aufgenommen hat, sind auf den ersten Blick unspektakulär. Still und altmodisch wirken die menschenleeren Wohnungen, die man da sieht. Am interessantesten ist eigentlich, was die Bilder nicht zeigen. Wer wohnt in diesen Räumen?, fragt man sich. Wer hat sie eingerichtet, in ihnen geschlafen, gegessen, gelebt? Hildebrand werden solche Fragen oft gestellt, es ist das erste, was viele Betrachter wissen möchten. „Und das gefällt mir“, sagt sie. „Denn ich wollte herausfinden, was von jemandem übrig bleibt, wenn er nicht mehr da ist.“

„Verlassene Orte“ ist die Diplomarbeit der jungen Schweizer Fotografin. Eine Auswahl der Bilder erscheint nun als Buch im Kehrer Verlag (79 Seiten, 36 Euro). Manche der Fotos wurden in einsamen Ferienwohnungen gemacht, die in der Nebensaison leerstanden, die meisten jedoch zeigen das Zuhause gerade Verstorbener – so auch alle Bilder, die auf dieser Seite zu sehen sind. Sie haben etwas Anrührendes, aber auch Unheimliches. „Ich habe viele Leute erlebt, die vor den Bildern zurückgeschreckt sind, weil sie ihnen zu nahe gingen“, erzählt die Fotografin. „Ich glaube, wer schon mit dem Tod in Berührung gekommen ist, in welcher Form auch immer, erkennt ihn auf den Fotos wieder.“ Die irritierten Reaktionen mögen auch daher rühren, dass die Bilder sehr intim wirken und man als Betrachter den Eindruck gewinnen kann, in eine geschützte Sphäre einzudringen.

Sarah Hildebrand, Jahrgang 1978, ist in Genf großgeworden, Französisch ist ihre Muttersprache, Deutschland seit dem Kunststudium in Hamburg ihre Wahlheimat. Die Schweiz, sagt sie, sei ihr zu klein und zu eng, und das Leben in der Fremde biete sowieso mehr Freiheit. Das beginne schon bei der Sprache. „Wenn ich Deutsch spreche, wähle ich die Worte aus wie Produkte im Supermarkt, sie stammen nicht aus meiner Familie oder meiner Kultur“, erzählt sie mit unverkennbar französischem Akzent. „Ich mache zwar mehr Fehler, aber für die kann ich mich dann einfach entschuldigen.“

Hildebrand zeichnet und schreibt auch, gerade hat sie ein Buch mit kurzen Texten und Skizzen veröffentlicht, das den Titel „Chez soi / Zuhause“ trägt und bei artfiction.ch erschienen ist. Darin sinniert sie über „flüchtige Häuser“ („Ich habe eine Faszination für Hütten in Bäumen, in Wäldern, in Gärten“), erzählt von einem Studentenjob („Kurze Zeit nach meiner Entlassung ging die Hausverwaltung Bankrott. Mein ehemaliger Chef war mit der Kasse nach Argentinien geflohen. Dort baute er sich ein neues Haus“) oder davon, wie eine Freundin eine scheinbar wunderbare Ruine in Frankreich restaurierte („Ein paar Tage nach ihrem Einzug sprach sie mit einem alten Mann aus dem Dorf. Er erzählte vom Zweiten Weltkrieg. Sie erfuhr, dass ihr neues Zuhause als Gefängnis und Folterort gedient hatte“).

Dass das Thema Zuhause für Hildebrand eine große Rolle spielt, hängt wohl damit zusammen, dass es sie so stark in die Fremde zieht. Bei gelegentlichen Besuchen in Genf wollen sich trotzdem keine richtigen Heimatgefühle einstellen. „Ich frage mich seit Jahren, was es heißt, zu Hause zu sein“, sagt sie.

An „Verlassene Orte“ hat sie zehn Jahre gearbeitet, selbst dann noch, als die Diplomarbeit längst abgegeben war. Die Motive fand sie eher zufällig, mal war eine Verwandte gestorben, mal kam jemand in ihrem Kölner Atelier vorbei und erzählte von einem seit kurzem leerstehenden Haus. Hildebrand reiste in der Schweiz herum, fuhr nach Deutschland, Frankreich, Russland. Insgesamt besuchte sie zehn Wohnungen von Verstorbenen. Seltsam sei das oft gewesen: „Ich bin froh, dass das Projekt nun abgeschlossen ist.“

Für das Fotografieren konnte sie sich manchmal viel Zeit lassen, bekam sogar Hausschlüssel in die Hand gedrückt. Ihr Buch enthält aber auch Bilder, die sehr schnell entstehen mussten. Für sich selbst stellte die Künstlerin Regeln auf: Sie durfte nichts in den Wohnungen anrühren und ihre Bilder später nicht mit Photoshop oder anderen Tricksereien manipulieren. „Die grundsätzliche Herausforderung bestand für mich darin, jemanden zu fotografieren, der nicht mehr anwesend ist – aber irgendwie eben doch.“ Sie arbeitete mit einer analogen Kamera, einer Hasselblad, und entschied sich oft für eine lange Belichtungszeit. „Auf diese Weise kann ich eine Vibration erzeugen, zum Beispiel auf dem Foto mit dem roten Sessel und der Wolldecke. Durch die lange Belichtung macht man das Kuschelige des Stoffs spürbar und vermittelt so, dass da eben noch jemand gesessen hat.“

Hildebrand dokumentiert eine Übergangszeit. Bald, das ahnt man als Betrachter, werden diese Wohnungen ausgeräumt, renoviert und von anderen Leuten bewohnt werden. Wenn man sich das Bild oben rechts auf unserer Seite genau anschaut, erkennt man kleine weiße Punkte auf einem Stuhl und auf einem gerahmten Bild an der Wand: In dieser Wohnung haben die Angehörigen der Toten bereits mit dem Aufteilen der Möbel begonnen.

Und was bleibt nun, wenn ein Mensch gegangen ist? Sarah Hildebrand glaubt, eine Antwort auf diese Frage gefunden zu haben. Von Geistern wolle sie nicht sprechen, sagt sie. Aber in den Räumen, die sie fotografiert hat, habe es so eine Spannung gegeben. Man könne die mit der Stimmung nach einem durchgefeierten Wochenende vergleichen. „Stellen Sie sich vor, Sie haben gute Freunde eingeladen, es war intensiv und schön, und wenn am Sonntagabend alle nach Hause fahren, bleiben Sie zurück und müssen aufräumen“, erklärt die Fotografin: „Dann spüren Sie auch, dass da etwas in der Luft liegt.“

Am 18. April präsentiert Sarah Hildebrand ihr Buch ab 19 Uhr im Berliner Showroom des Kehrer Verlags, Immanuelkirchstraße 12, Prenzlauer Berg.

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