FOTOGRAFIE„Carlfriedrich Claus. Geschrieben im Nachtmeer“ : Eigensinnige Verästelungen

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Als Fotograf war der Schriftkünstler Carlfriedrich Claus bisher nahezu unbekannt. Die Akademie der Künste am Pariser Platz zeigt im Rahmen einer großen Retrospektive erstmals Fotoarbeiten, die der Eigenbrötler und Querdenker aus dem Erzgebirge in jungen Jahren aufgenommen hat. Die filigrane Struktur des Blattwerks vor einer Teichlandschaft von 1954 (Foto oben) ähnelt bereits den späteren Denklandschaften und Sprachblättern („Wortstamm“), die Claus mit der Hand halb schrieb, halb zeichnete. Auf beidseitig beschriebenem Transparentpapier reflektierte er wissenschaftliche, philosophische und politische Fragen, misstrauisch observiert und beinahe totgeschwiegen von den staatlichen Kunstaufsehern der DDR.

Dabei verstand sich Carlfriedrich Claus durchaus selbst als Kommunist, der auf der Suche nach einer Überwindung des „Entfremdetseins von sich selbst, von der Welt und von den anderen Menschen“ war. Nach dem Untergang der DDR wurde der Außenseiter als einer ihrer originellsten Denker entdeckt und mit einem „Aurora-Experimentalraum“ für den neuen Sitz des Bundestages im Reichstagsgebäude beauftragt. Um dieselbe Zeit schuf er einen „Lautprozess-Raum“ für die Chemnitzer Kunstsammlungen, in dem seine jahrzehntelangen Experimente mit der eigenen Stimme zusammenflossen. Als Claus 1998 starb, wurde es rasch wieder still um sein komplexes Werk, das jedes Schubladendenken sprengt. Die Ausstellung in der Akademie der Künste bietet mit rund 250 Exponaten die willkommene Gelegenheit, es mit all seinen eigensinnigen Verästelungen wiederzuentdecken.

Michael Bienert

Akademie der Künste am Pariser Platz, Fr 8.4. bis So 5.6., Di-So 11-20 Uhr, 6/4€

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