Zeitung Heute : Fragwürdige Tempo-Tests

CLAUS-PETER SESIN

Wenn Computer um die Wette laufen, wird keine Rennstrecke abgesteckt, sondern ein sogenannter "Benchmark-Test" geladen.Solche Programme sind zu Dutzenden im Umlauf und teils auch gratis im Internet zu beziehen.Sie messen das Arbeitstempo des gesamten Rechners oder einer seiner Komponenten (etwa des Prozessors) und geben das Ergebnis als eine nackte Zahl wieder, die Vergleiche erlaubt.

Computer-Hersteller nutzen die "Benchmark-Werte" zunehmend, um ihre Rechner von der Konkurrenz abzugrenzen: In Zeiten, da Computer äußerlich und von der Ausstattung her immer ähnlicher werden, sollen hohe Zahlen hohe "innere Werte" suggerieren.Experten warnen jedoch: Meist wählen die Hersteller aus der Vielzahl der Benchmark-Tests diejenigen aus, die auf ihren Rechnern die besten Ergebnisse liefern.Mit anderen Benchmarks kann sich der vermeintliche "Renner" auch als "Schnecke" entpuppen.

"Ich empfehle, solche Benchmark-Werbung schlicht zu ignorieren", sagt Keith Diefendorff, Chefredakteur des im kalifornischen Sunnyvale erscheinenden "Microprocessor Report"."Wenn die Hersteller wirklich objektive Benchmark-Messungen durchführen und alle Werte veröffentlichen würden, käme dabei nicht die Nachricht heraus, die sie gern weitergeben möchten."

Bislang interessierten sich für Benchmarks nur Spezialisten oder Großeinkäufer.Ein Programmierer etwa, der ständig Programm-Texte in Programm-Code umrechnen (kompilieren) lassen muß, verliert mit einem lahmen Rechner wertvolle Arbeitszeit.Und ein Großeinkäufer einer Firma oder Behörde will mittels Benchmark-Vergleichen die größtmögliche Computer-Leistung für sein Budget bekommen.

Neuerdings aber versuchen die Hersteller zunehmend auch Käufer von Home-Rechnern mit Benchmark-Ergebnissen zu beeindrucken.So wirbt Apple in den USA damit, ihr Prozessor "G3 Power PC" sei doppelt so schnell wie ein vergleichbarer Pentium-II - gemessen mit dem Benchmark "Bytemark"."Mit dem von uns üblicherweise verwendeten Benchmark", hält Diefendorff dagegen, "würde diese Behauptung nicht zu halten sein." Auch Intel läßt die magischen Zahlen sprechen - etwa um kundzutun, daß die neue 333 Mega-Hertz-Version des Billig-Prozessors "Celeron" einem gleichschnellen vollwertigen Pentium-II fast ebenbürtig sei.

Anwender sollten solchen Angaben mit dem Mißtrauen begegnen.Auch die Mega-hertz-Zahl des Prozessors gibt für das Arbeitstempo des Gesamtsystems nur einen groben Anhaltspunkt.Technik-Freaks, die wirklich höchste Leistung für ihr Geld wollen, sollten ihre "Wunsch-Rechner" im Geschäft selber mit Benchmarks testen - und dabei tunlichst nicht in eine der vielen Fallen tappen: Grundsätzlich liefern nur in etwa gleich ausgestattete Computer vergleichbare Benchmark-Ergebisse.Unterscheiden sich die Rechner etwa in der Speicher-Größe (RAM) oder sind verschiedene Betriebssysteme installiert (z.B.Windows 95 und Windows 98), kommen selbst ansonsten identische Computer zu unterschiedlichen Resultaten.

Vor allem aber sollte ein sogenannter Anwendungs-Benchmark eingesetzt werden.Denn der testet den Rechner unter für Home-Anwender realistischen Bedingungen - mit typischen Anwendungsprogrammen wie Word für Windows oder der Datenbank Paradox.Zudem sollte der Benchmark neueren Datums sein.Denn er veraltet ebenso schnell wie die Programme, auf denen er basiert.Ein häufig eingesetzter Anwendungs-Benchmark ist "Sysmark" von der Software-Schmiede Business Applications Performance Corporation im kalifornischen Santa Clara, besser bekannt unter ihrem Kürzel "Bapco".Den Marktführer unter den Anwendungs-Benchmarks namens "Winstone" gibt es kostenlos bei Ziff-Davis.Er ist zum Download zu groß und wird gegen Zahlung einer Versandgebühr auf CD geliefert.

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