Zeitung Heute : Franke sonnte sich in Monte Carlo

Der Tagesspiegel

Berlin. Sechs Tage bevor das gefälschte Istaf-Fax die aussichtsreiche Bewerbung Berlins um die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2005 entscheidend störte, weilte der Meeting-Direktor des Sportfestes, Stéphane Franke, in Monte Carlo beim Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF). Wie der Pressesprecher der IAAF, Nick Davies, dem Tagesspiegel bestätigte, wurde Franke während der Sitzung der Golden-League-Meetings bezüglich der noch ausstehenden Athletenzahlungen gefragt. Das Istaf schuldet noch einer Reihe von Athleten insgesamt rund 300 000 Euro. Die großen Stars des Golden-LeagueMeetings sollen ihr Geld angeblich erhalten haben. Franke habe seinen Kollegen garantiert, dass dieses Problem sehr bald gelöst werden würde. „Denn ich werde in wenigen Tagen der Geschäftsführer der Istaf GmbH sein“, erklärte Franke in Monte Carlo. Kurz darauf kam alles anders, alle Rettungsversuche scheiterten, die Istaf GmbH musste Insolvenz anmelden. Franke, der sich in Monaco noch als baldiger neuer Chef sonnte, muss an der Côte d’ Azur zumindest mit dem Aus gerechnet haben.

Nach Ansicht von Davies war das Fax, das die IAAF am Donnerstag erhielt und das auch zur Nachrichtenagentur Reuters geschickt worden war, „definitiv schadend für die Bewerbung. Wer auch immer das Fax abgeschickt hat, sollte dafür zur Verantwortung gezogen werden und den entsprechenden Preis bezahlen.“ Allerdings vermutet der Pressesprecher der IAAF, dass sich die Berliner Delegation im Vorfeld der Abstimmung am vergangenen Sonntag in Nairobi, die Helsinki überraschend gewann, taktisch nicht optimal präsentiert hat. „Berlin hatte vor der Wahl alle Trümpfe in der Hand“, sagt Davies, der auch Mitglied der IAAF-Kommission war, welche die Bewerberstädte vor der WM-Vergabe überprüfte.

„Die Berliner waren die Favoriten. Sie hatten die einzige Bewerbung ohne Schwächen. Aber ich hatte den Eindruck, dass sie durch die Istaf-Geschichte nervös geworden sind.“ Die Berliner gingen das Thema Istaf, das streng genommen mit der WM-Bewerbung nicht direkt zu tun hatte, in ihrer Präsentation offensiv an. „Vielleicht hätten sie das nicht tun sollen und statt dessen auf entsprechende Fragen warten sollen“, sagt Davies, der auch bestätigte, dass DLV-Präsident Clemens Prokop während der Beantwortung von Fragen keinen guten Eindruck hinterließ. Prokop versuchte sich - völlig unnötig – in Englisch. Prokops Erfolg bei diesem Versuch war überschaubar. Jörg Wenig

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