Zeitung Heute : Frankfurt im Schlussverkauf

Geknapst, gekürzt, geknausert: Ausgerechnet die deutsche Banken- und Finanzmetropole spart sich in die Provinzialität. Einst war die Stadt intellektuell federführend, jetzt steht sie vor einem kulturpolitischen Desaster. Spaziergang durch ein Krisengebiet.

Helmut Böttiger[frankfurt]

Von Helmut Böttiger,

frankfurt

Für ein paar Sekunden zeigt diese Stadt eine beeindruckende Silhouette. Auf der Autobahn fährt man direkt auf etwas zu, das Assoziationen an Manhattan freisetzt. Keiner kann wissen, dass das schon alles war. Die Frankfurter Hochhäuser hat man in acht Minuten umwandert, stellte der Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Genazino fest, bevor er nach Heidelberg floh.

Diese Stadt lebt von dem unzerstörbar scheinenden Beton der 50er Jahre, dem Ausnutzen jeder kleinsten Fläche, dem Bauen auf engstem Raum. Was in Berlin ein ganz passabler Bürgersteig wäre, kommt in Frankfurt als veritable Hauptverkehrsstraße daher. Durch diese Schneisen drängen sich die Fahrzeuge, als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe; es ist eine ungeheure Infrastruktur in die kleinteiligen Parzellen hineingepresst worden, an allen Ecken und Enden muss es quillen. Die Fußgängerwege sind so nah an die Hauswände gedrückt, dass über ihnen immer die Ausdünstungen der Mülltonnen liegen. Graue Fassade, Mülltonne, Bürgersteig, Reifenquietschen: Das ist die Schichtung Frankfurts.

Innere Verätzungen

Es hat etwas Symbolisches, wie zielstrebig sich die Frankfurter ihre Magenwände ruinieren. Zusammen mit dem Bier ist auf den Getränkekarten immer gleich auch der „Äppler“ aufgeführt, der ortsübliche Apfelwein in seinen geriffelten Gläsern. Sein Säuregehalt allein würde schon reichen. Dazu nimmt der Eingeborene aber auch noch vorzugsweise zwiebel- und essigbetonte Speisen zu sich, mit liebevollen Namen wie „Handkäs mit Musik“. Es muss in dieser Stadt etwas in der Luft liegen, was den Bewohner dazu zwingt, sich dermaßen von innen heraus zu zerstören. Von der Hauptwache bis zum Merianplatz braucht man zu Fuß zehn Minuten. Im Grunde hat man dann alles durchlaufen, und überall, wo man nicht war, ist Last Exit Sossenheim.

Frankfurt ist immer noch die deutsche Finanz- und Bankenmetropole. Deswegen ist es zurzeit auch die Stadt, in der die Krise des gesellschaftlichen Selbstverständnisses exemplarisch wird, viel deutlicher als in Berlin. Frankfurt war schon immer der richtige Ort, um das Verhältnis von Geist und Macht, von Kunst und Kapital auf den neuesten Stand zu bringen. Der Sitz der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, die geneigt ist, ein gepflegtes bürgerliches Publikum anzusprechen, ist mitten im Gallusviertel, eine S-Bahn-Station vom Hauptbahnhof entfernt. Man nennt diese Gegend auch „Klein-Kamerun“. Auf den Bürgersteigen liegen Glasscherben, die soziale Realität ist rau – eine Umgebung, die lange Zeit etwas Pittoreskes hatte. Mittlerweile ist sie ein Menetekel.

Die Stadt macht zurzeit vor allem durch einen beispiellosen Kahlschlag in der Kultur Schlagzeilen. In allen erdenklichen Medien wird leitmotivisch das „Debakel der Frankfurter Kulturpolitik“ beschworen. Der Choreograph William Forsythe hat dem Frankfurter Ballett zu Weltgeltung verholfen: 2004 wird die Kompagnie aufgelöst. Das TAT („Theater am Turm“) war Deutschlands wichtigste Avantgardebühne: Auch sie gibt zurzeit ihre Abschiedsvorstellung. Die Chefin des großen Schauspiels, Elisabeth Schweeger, verkündet, dass sie nächstes Jahr sechs Premieren im selben Bühnenbild spielen lässt. Und dann trat vor kurzem auch noch der neue Buchmesse-Chef Volker Neumann auf: Er dachte laut darüber nach, die Buchmesse, das Prunkstück von Frankfurts ökonomisch-kultureller Ausstrahlung, nach München zu verlagern. Die Bedingungen seien dort viel besser. In Frankfurt herrscht Schlussverkauf.

In den 70er und 80er Jahren, den goldenen Jahren der alten Bundesrepublik, war Frankfurt intellektuell federführend. Frankfurter Schule (Adorno, Horkheimer, Habermas) und Neue Frankfurter Schule (Poth, Gernhardt, Henscheid) gingen nahtlos ineinander über. Kulturdezernent Hilmar Hoffmann prägte das Wort von der „Kultur für alle“, und es entstand das „Museumsufer“ mit Architektur-, Film-, Kunsthandwerks- und Jüdischem Museum. Frankfurt hielt sich viel darauf zugute, das Geldzentrum Deutschlands zu sein; die Exekutive war im noch viel kleineren Bonn.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die lange Ära Hilmar Hoffmanns just im Jahre 1990 endete. Durch die deutsche Einheit, mit Berlin als Vision einer deutschen Hauptstadt, die Paris und London das Wasser reichen könnte, geriet Frankfurt plötzlich an den Rand. Im Schatten der Bankhochhäuser fielen auf einmal die geduckten Häuserreihen aus den 50er Jahren wieder auf; eine ziemlich unangenehme Wahrheit schien in ihnen zu liegen.

In Frankfurt verdichtet sich alles, was Deutschland ausmacht. Hier ruht nichts in sich selbst. Wenn man die Hochhäuser und das Bankwesen wegnimmt, bleibt ein ziemlich austauschbares Mittelzentrum übrig, zu dem man auch Iserlohn oder Paderborn sagen könnte. Durch die Anwesenheit der Hypermoderne wird der Widerstand des Provinziellen allerdings noch stärker herausgefordert als in vergleichbaren Gegenden. „Der Banker und der ortsansässige Frankfurter stehen sich unvereinbar gegenüber“, sagt Sabine Menke, eine der immer noch zahlreichen Frankfurter Verlagsangestellten. „Es gibt zwei Städte in einer, und die eine davon ist vielleicht noch ein bisschen avancierter und die andere noch ein bisschen zurückgebliebener als anderswo.“ Weil es hier überall so wenig Platz gebe, seien die Mieten und Hotelpreise zwangsläufig so hoch – dass die Buchmesse da in Zeiten der Krise ins Wanken geriet, wundert sie nicht. Die Frankfurter Verlags- und Zeitungswelt, so bedeutend sie ist, hat in dieser Stadt irgendwie gar kein richtiges Fundament, meint Sabine Menke – öffentliche Foren und Treffpunkte, wie sie es von Berlin her kennt, existieren hier kaum. Man leistet Büroarbeit und geht abends nach Hause, vorzugsweise in den Speckgürtel außerhalb, in die Villen und Reihenhäuser am Taunus.

Galoppierender Niedergang

In den 90er Jahren kam die Frankfurter Kultur wieder zu sich selbst. Die Hinterlassenschaften der „Kultur für alle“ brachten hohe Unterhaltskosten mit sich, die unter den neuen Bedingungen nicht mehr aufzubringen waren. Es hätte eines großen Kommunikators wie Hilmar Hoffmann bedurft, hier offensiv zu reagieren. Doch was eintrat, war ein zunächst schleichender, dann sich beschleunigender Niedergang, eine Flickschusterei am Bestehenden. Es wurde von allem ein bisschen gekappt, bis überall die Luft knapp wurde. Die Kulturdezernenten nach Hilmar Hoffmann waren Kompromisskandidaten eines Politschachers, die schon mit ihrer Ernennung verspielt hatten. Linda Reisch war zwar weiblich und in der SPD, was formal einen gewissen Handlungsspielrahmen hätte geben können, aber sie hatte von Anfang an keine Hausmacht in ihrer Partei. Ihr Nachfolger Hans-Bernhard Nordhoff gilt als Inbegriff eines sozialdemokratischen Funktionärs, der ängstlich-bürokratisch die Katastrophe verwaltet.

Das Zentrum an der Hauptwache ist geschäftig und voller rasch wechselnder Neubauten. Nur die Hauptwache selbst, mit der Patina alter Duodez-Fürstentümer, bringt ein bisschen Disneyland hinein. Gegenüber der „Frankfurter Rundschau“ mit ihrer grazilen, fast nierenförmigen Schwingung befindet sich das Appartmenthaus, in dem Rosemarie Nitribitt, die legendenumwobene Edelnutte der 50er Jahre, die Macher des Wirtschaftswunders empfing. Und um die Ecke wurden noch bis vor kurzem „Kurzwaren“ und „Posamenten“ in eleganten Schreibbuchstaben angepriesen. Daneben der Comicladen „Comica“: eine schwarze Gruft, in der auch die 80er Jahre ihre Zeichen gesetzt haben. Man kennt sich hier. Die Welt ist überschaubar. Die Manager der Umgebung treffen sich in der „World-Coffee“-Filiale an der Börse und wirken so amerikanisch wie nirgendwo sonst. Sabine Menke geht abends zu ihrem „Stretch- and-Workout“-Programm, mit vielen Gleichgesinnten aus den Büros, die ihre Bauch- und Rückenmuskulatur stärken wollen. Auf dem Weg dorthin stößt sie allerdings auch auf allerlei Gegenläufiges. Die kleine und enge Jazzkneipe „Mampf“ zum Beispiel: Hier sieht es immer noch so aus wie zum Beginn der 70er Jahre, die Plakate an der Wand, die rauchgeschwärzte Holvertäfelung, die selbst gedrehten Zigaretten. Die Besucher sind hier zusammen alt geworden. Die Bärte sind grauer, die Haare auch. Aber sie sehen fast noch genauso aus. Und wenn Walter Haimann im Stil von Bud Powell das Klavier bearbeitet, weiß man, welche Stärke in der Zeitlosigkeit liegen kann.

Neulich, im Mousonturm, waren sie plötzlich alle wieder zu sehen. Beim Gedächtniskonzert für den letztes Jahr mit 58 Jahren gestorbenen Peter Kowald, den großen deutschen Free-Jazz-Bassisten, war Sabine Menke mit ihren Mitte 30 eine der Allerjüngsten: Mehrere Hundert 50- und 60-Jährige hörten den zahlreichen Sets von mit Kowald befreundeten Musikern zu, bis nachts um vier – am einzigen Veranstaltungsort, der in Frankfurt noch so etwas wie Überraschungen bieten kann. Wo die alle plötzlich herkamen, weiß Sabine Menke nicht. Es muss hier eine Szene geben, die überhaupt kein Zuhause mehr besitzt. Es hatte etwas Gespenstisches.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben