Frankfurter Buchmesse : Das Papierlos

Ein Traum: Jeder kann sein eigener Verleger sein. Der E-Book-Markt hat ihn wahr gemacht. Der Berliner Jonas Winner hat so sieben Romane geschrieben und 100 000 Exemplare verkauft. Dann meldete sich ein richtiger Verlag.

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Zur Premiere des neuen Buchs von Jonas Winner (r.) hat der Verlag den Schauspieler Christian Berkel als Vorleser engagiert.
Zur Premiere des neuen Buchs von Jonas Winner (r.) hat der Verlag den Schauspieler Christian Berkel als Vorleser engagiert.Foto: Georg Moritz

Als er sich dann das Gerät kaufte, das zum Lesen elektronischer Bücher nötig sein würde – denn an so etwas schrieb er ja gerade selbst! –, war da kurz dieser grässliche Gedanke: Dein Buch, dachte er, wird nur eine Datei sein. Nur eine Datei, die auf einem Gerät dargestellt werden muss. Aber was, dachte er weiter, wenn es dieses Gerät mal nicht mehr gäbe, so wie er schon lange kein Gerät mehr hat, auf dem er seine Musikkassetten abspielen könnte? Was wäre dann mit seinem Buch?

Es waren sehr grundsätzliche Fragen, die ihn an jenem Tag vor etwa anderthalb Jahren plötzlich ansprangen. Fragen aus dem Herzen der digitalen Revolution, die einerseits Grundfeste erschüttert, andererseits aber in dem Moment erledigt wäre, in dem die Menschen ihre Computer ausschalten. Liefert die Menschheit sich einer Speichertechnik aus? Was, wenn die ausfällt? Ist ein Programmiercode, der ein Buch darstellt, wirklich ein Buch? Oder ist ein Buch nicht doch mehr als die Worte, die es enthält?

Jonas Winner hat das Unbehagen damals schnell abgeschüttelt. Er hat das Gerät gekauft und sein Buch fertig geschrieben. Das hat er am 26. August 2011 im ehemaligen Kinderzimmer seiner Tochter, das inzwischen sein Arbeitszimmer ist, Altbau, Berlin-Charlottenburg, hochgeladen, indem er auf seinem Computer jene Taste drückte, die ein Programm aktivierte, das es anderen Menschen ermöglichen würde, sich sein Buch auf entsprechenden Geräten darstellen zu lassen. Nachdem er jene Taste gedrückt hatte, notierte er in sein Terminbüchlein: „Yes! Endlich!!!“ In Rot. Das war alles. Das Buch ohne Seiten bekam eine Buchpremiere ohne Champagner.

Den gab es erst im Jahr darauf. Da bot ihm, angelockt durch seine guten Verkaufszahlen im Internet, ein Verlag einen Vertrag für ein Buch an. Für ein richtiges Buch mit richtigen Seiten, aufschlagbar ohne Zubehör. Es heißt „Der Architekt“, ein Psychothriller, und zu dessen Premiere hat der Verlag gezeigt, was er besser kann als ein Selbstverlegerprogramm.

Im niedrigen Kellerclub unter dem Kriminaltheater in Berlin-Friedrichshain sitzen an Tischen verteilt gut 60 Menschen. Das Licht ist sanft. Gläser klingen. Es wird vor allem Rotwein getrunken. Viele Gäste sind Frauen. Es ist der vergangene Freitagabend, beste Fernsehzeit, aber sie sind der Einladung von Droemer Knaur zur Buchpremiere von Jonas Winner gefolgt. Den kannten zuvor nicht so viele. Sie kannten aber Christian Berkel, den Schauspieler. „Der Kriminalist“ im ZDF. „Inglorious Basterds“ mit Brad Pitt. Berkel wurde engagiert und sitzt dort nun zwischen Winner und einem Krimikritiker auf der kleinen Bühne hinter einem Tisch, der mit einer goldsamtenen Decke behängt ist. Er liest von Din-A4-Zetteln Text aus dem Buch, während die Zapfanlage hinter der Bar leise brummt.

Die zentrale Figur des Buches ist, der Titel legt es nahe, ein Architekt. Berkel liest deshalb eine Stelle, in der es um Räume geht und wie unterschiedliche Räume Menschen unterschiedlich beeinflussen. Berkel zieht hinter Fragesätzen die Stimme hoch, ist mal lauter, mal leise, er kann gut vorlesen, er liest auch Hörbücher. Jonas Winner, 46, ein sympathischer Collegetyp mit schmaler Brille, der Verfasser des Vorgelesenen, schaut, während Berkel liest, auf den Tisch, nicht ins Publikum. Mal tippt sein Fuß nervös, mal verschränkt er die Arme, wie um sich nervöse Gesten zu verbieten.

Die Frage, wozu Räume verleiten, passt auch zur Diskussion über das E-Book. Verleitet die Grenzenlosigkeit des Internets dazu, es sorglos zu befüllen? Weil es egal ist, wie viel da steht und was. Ist im unendlichen Raum alles weniger wichtig?

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