Zeitung Heute : Frau am Rudel

Die Genossenschaft der Kahnfährleute im Spreewald ist emanzipiert

Claus-Dieter Steyer

Seit genau 125 Jahren lassen sich gut gelaunte Ausflügler auf einem großen Kahn durch das Labyrinth des Spreewaldes schippern. Der Lehrer Paul Fahlisch hatte 1882 die Idee dafür. Bei schönem Wetter lud er so genannte Reisegesellschaften von Lübbenau aus dazu ein, mit ihm auf sanfte Weise die Wälder, Wiesen, Weiden sowie verstreut gelegene Gehöfte und Lokale kennen zu lernen. Die wenige Jahre zuvor eröffnete Bahnstrecke zwischen Berlin und Görlitz brachte immer mehr Neugierige in die kleine Stadt, so dass Fahlisch schon 1886 den Spreewaldverein gründete. Zwölf Jahre später folgte der Verein der Fährmänner, der als Vorläufer der jetzigen Kahnfährgenossenschaft gilt. Wie einst Lehrer Fahlisch staken Frauen und Männer bis heute voll besetzte Kähne durch Brandenburgs erfolgreichste Touristenregion.

Lübbenau gilt zu Recht als Mittelpunkt des Spreewaldes und der von der Genossenschaft betriebene Große Hafen als wichtigster Anlaufpunkt für die jährlich Zehntausende Tagesgäste und Urlauber. Sie finden hier Souvenir-Artikel, Senf-, Gewürz-, Knoblauch- und anderen Gurken, frische oder geräucherte Fische aus nahen Teichen und Aufzuchtanlagen, Gewürze, Reiseliteratur und Prospekte und schöne Rast- und Picknickmöglichkeiten. Seit 2001 betreibt die Genossenschaft das Restaurant „Rudelhaus“, in dem natürlich das Spreewälder „Nationalgericht“, also Kartoffeln, Quark und Leinöl, auf der Speisekarte nicht fehlt. Außerdem unterhält hier die Genossenschaft ein Büro als Anlaufpunkt für Reiseveranstalter und andere Interessierte und natürlich für die eigenen Mitglieder.

„Unsere Genossenschaft geht auf das Jahr 1954 zurück“, erzählt der Vorstandsvorsitzende Steffen Franke. „Zu DDR-Zeiten galten wir wohl gewissermaßen als ein geduldetes Privatunternehmen.“ Denn damals wie heute seien die Mitglieder selbstständige Fährleute gewesen. Sie zahlen eine Aufnahmegebühr in die Genossenschaftskasse und erhalten dafür das Recht, Kahnfahrten vom Großen Hafen aus anzubieten. Mit einem Teil des Gewinns finanzieren sie die Arbeit der Genossenschaft, die dafür unter anderem Verträge mit großen und kleinen Tourismusunternehmen abschließt und selbst als Veranstalter auftritt. In den Wintermonaten organisiert sie für ihre Mitglieder Schulungen mit aktuellen Themen rund um den Spreewald. Schließlich sollen die Fragen der oft weit gereisten Gäste nach den Ursachen für den in heißen Sommern sinkenden Pegel der Spree, nach der Lage der Landwirtschaft oder nach der Entwicklung der Tourismuszahlen fachkundig beantwortet werden.

Wer in der kleinen Chronik des Hafens gegenüber vom Lübbenauer Schloss forscht, stößt gleich auf einige markante Namenswechsel. Nach der Wende wurde aus der „Genossenschaft der Kahnfährmänner“ die „Genossenschaft der Kahnfährleute“. Das lag einzig und allein an der Aufnahme von Frauen. Denn auch das weibliche Geschlecht entdeckte seine Liebe an den Kahnpartien mit den Gästen. Heute stehen in der rund 200 Namen umfassenden Mitgliederkartei 13 Frauen. Teilweise fahren sie mit der typischen Spreewaldtracht die Gäste durch ihre Heimat. Dieser Service kostet allerdings einen Extra-Obolus, schließlich müssen die Kleider und Hauben aufwändig gepflegt werden. Von den 200 Mitgliedern betreiben nur 90 Frauen und Männer die Kahnfahrten hauptberuflich. Die anderen greifen nur ab und zu zum Rudel oder fördern allein durch ihre Beiträge die Arbeit der Genossenschaft. „Dennoch können die wenigsten Kahnfährleute von den Einnahmen der Gäste allein leben“, sagt der Vorstandsvorsitzende Franke. „Da geht es uns wie vielen Taxifahrern, die auch auf das Gehalt der Ehefrau angewiesen sind.“

Außerdem sind die Kahnfahrten ein Saisongeschäft. Zwar gibt es Anbieter, die auch im November oder Dezember mit in Decken eingepackten Gästen durch den winterlichen Spreewald staken, aber das meiste Geld wird zwischen Ostern und Ende September verdient. Dazu kommt das insgesamt nachlassende Interesse an Kahnfahrten. Stiegen zu DDR-Zeiten jährlich noch 800 000 Gäste in Lübbenau in eine „Spreewald-Gondel“, so sind es heute nur noch zwischen 150 000 und 200 000. Vor zwölf Jahren, zur Hochzeit des Schnupper- und Neugierdetourismus im Osten, waren es immerhin noch gut 600 000 Menschen aus nah und fern gewesen. Vor allem die Zahl der Busreisen hat stark nachgelassen.

Die Genossenschaft selbst will das Interesse wieder ankurbeln und fungiert dabei fast wie ein Tourismusverein. Sie veranstaltet im August die „Spreewälder Lichtnächte“, in denen die Besucher zu nächtlichen Kahnfahrterlebnissen mit Feuerwerken und anderen Überraschungen eingeladen werden. Im November steigen im Hafen die Spreewälder Fischwochen und im Dezember legen die ersten Kähne zu Glühweinausflügen ab.

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