Zeitung Heute : Frau geht vor

HELGA BALLAUF

Haben Frauen etwas davon, wenn sie nur mit Frauen lernen? Wer so fragte, wurde bis vor kurzem schnell in die feministische oder esoterische Ecke gedrängt.Inzwischen setzen sich immer mehr etablierte Weiterbildungseinrichtungen mit geschlechtsspezifischem Lernverhalten auseinander.Dennoch löst der Vorschlag, mal ohne Männer zu tagen, immer noch gemischte Gefühle und überraschende Reaktionen aus - bei Teilnehmerinnen und Teamerinnen.

Nichtsdestotrotz setzen sich in drei Bereichen frauenspezifische Bildungsansätze immer stärker durch: bei den Themen Techniknutzung, Aufstiegsstrategien und Vernetzung.Beispiel Computer und seine Anwendungen: Nicht die Maschine und das, was mit ihr machbar ist, steht im Mittelpunkt spezieller Technikkurse für Frauen.Vielmehr setzt die didaktisch-methodische Aufbereitung am konkreten Problem an, bei dessen Lösung die Technik helfen soll.Das ist der Zugang, der Frauen häufig interessiert und vorhandene Hürden abbaut.

Die Nachfrage nach solchen Kursen steigt.Kein Wunder, daß nach den Frauencomputerschulen jetzt auch Volkshochschulen, Arbeitsämter, Berufsverbände und Kammern mitziehen.Ähnlich entwickelt sich der Markt für weibliche Nachwuchsführungskräfte, aufstiegsorientierte Frauen und Existenzgründerinnen.Hoch im Kurs stehen Seminare, bei denen sich Frauen ihre Kompetenzen bewußt machen und das Handwerkszeug erwerben, mit dem sie ihre Stärken beruflich einsetzen.

"Frauen müssen manchmal von anderen Frauen den Spiegel vorgehalten bekommen, damit sie merken, wie gut sie sind", erklärt Ulrike Wenner vom Referat Frauenbelange der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit den psychologischen Wert solcher Kurse.Aber es geht auch um handfeste frauenspezifische Inhalte: Existenzgründerinnen lernen, wie sie spezielle Fördertöpfe anzapfen können.Aufstiegswillige Frauen erfahren, ob sie sich bei Personalgesprächen die Frage nach dem Kinderwunsch gefallen lassen müssen und wie sie hart, aber freundlich darauf reagieren.Gruppen- und Projektleiterinnen üben, wie sie bei Konflikten im Team "cool" bleiben, ohne die vorhandenen Gefühle zu ignorieren.

Schlagworte wie "Expertinnen-Netz-werk" und "Mentoring" markieren ein weiteres Feld aussichtsreicher Frauenförderung.Im Netzwerk erhalten Berufseinsteigerinnen informelle Unterstützung von erfolgreichen Frauen auf dem eigenen beruflichen Qualifizierungsweg.Die Knoten des deutschen Beraterinnen-Netzes werden in Hamburg, München, Köln und Berlin geknüpft.Dort können sich junge Frauen auch gegen Gebühr eine externe Mentorin vermitteln lassen, berichtet Dorothea Ritter von der Frauenakademie in München.In mehreren intensiven Zweiergesprächen lassen sich so akute berufliche Problemkonstellationen entwirren oder konkrete Schritte auf dem Karriereweg planen.In einigen europäischen Ländern gibt es bereits langjährige Erfahrungen mit firmeninternen Programmen, von Stadtverwaltungen in Großbritannien bis zur Volvo-Gruppe in Schweden.Ziel ist es, jungen Frauen den Raum zu gewähren, den sie brauchen, um potentielle Fähigkeiten und neue Kompetenzen zu entwickeln, damit sie sich so für höhere Aufgaben qualifizieren.

In der Bundesrepublik wachsen erst zarte Pflänzchen auf diesem Frauenförderungsacker: Seit einem Jahr gibt es bei der Firma Bosch am Standort Reutlingen ein Mentoring-Programm, der Volkswagenkonzern will demnächst damit starten.Nun beobachten Frauenbildungsexpertinnen, daß junge Hochschulabsolventinnen beim Gedanken an rein weibliche Qualifizierungs- und Unterstützungsangebote oft die Nase rümpfen.Ihre Devise heißt: Wir brauchen weder Kuschelecken noch Nachhilfe! Sie gehen mit der selbstbewußten Haltung in den Beruf, "sich mit den Männern die Arbeit zu teilen und auch gemeinsam mit ihnen zu lernen", hat Ulrike Wenner beobachtet.

Erst wenn sie nach ein paar Jahren in der Praxis feststellen, daß die Kollegen an ihnen vorbei Karriere gemacht haben, gewinnen frauenspezifische Angebote für die Betroffenen an Attraktivität, ergänzt Frauenforscherin Nadja Tschirner vom Deutschen Jugendinstitut (DJI).Ob sich diese Sackgasse umgehen läßt, "ist eine heiße Frage", sagt Tschirner, die mit DJI-Kolleginnen das EU-weite Projekt "Mentoring für Frauen" betreut.Die Münchner Gleichstellungsbeauftragte Friedel Schreyögg rät allen Berufseinsteigerinnen, sich einem Expertinnen-Netzwerk anzuschließen.Da erhält frau wichtige Informationen über betriebliche Realitäten, meint Schreyögg, und hat Beratungs- und Bildungsangebote zur Hand, "wenn die Diskriminierung in der Arbeitswelt zuschlägt".

Die Gleichstellungsbeauftragte betont aber auch, bei fachlicher Fortbildung müsse sich eine Hochschulabsolventin "in gemischten Gruppen durchsetzen können".Pragmatisch fügt sie hinzu: "Wer keine Lust hat, sich von dem Getue männlicher Pseudo-Experten stören zu lassen, soll eben reine Frauenangebote wahrnehmen." Für Nadja Tschirner ist es erwiesen, daß "Frauen besser in gleichgeschlechtlichen Gruppen lernen".Sie versteht aber, daß junge Akademikerinnen das Defizit-Denken so mancher Frauenkurse abstößt, frei nach dem Motto: Wir müssen erst noch viel lernen, bevor wir den Männern das Wasser reichen können.Was ihr jeweils guttut, muß frau also selbst herausfinden.Darin sind sich die Expertinnen einig.Und selbstverständlich ist der Zusatz - nur für Frauen - nicht automatisch ein Gütesiegel für einen Kurs im Weiterbildungsdschungel.

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