Zeitung Heute : „Frau Hermans Buch ist ein D-Zug ins Mittelalter“

Martina Sandrock ist Managerin des Jahres und rät Frauen, einfach von sich selbst überzeugt zu sein

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Frau Sandrock, Ihnen wurde am Freitag in Berlin der Mestemacher Preis „ Managerin des Jahres 2006“ verliehen – was bedeutet das für Sie?

Es ist ein Höhepunkt meiner Karriere und eine wunderbare Anerkennung. Vor allem zeigt der Preis mir aber, dass ich mich weiter für das Thema „Frauen in Führungspositionen“ einsetzen werde.

Dann ist dieser Einsatz nach wie vor notwendig?

In keinem DAX-Unternehmen finden sie eine deutsche Frau im Vorstand. In Ländern wie den USA, England oder Frankreich haben Frauen dagegen viel häufiger die Chance, ihre Fähigkeiten und Talente als Unternehmerinnen unter Beweis zu stellen. Der Arbeitsmarkt ist dort flexibler, Frauen mit Kindern können Job und Familie viel leichter miteinander kombinieren. Außerdem gibt es ein anderes Rollenverständnis. Vorstände und Aufsichtsräte haben dort verinnerlicht, dass die Ressource Frau selbst in Toppositionen wichtig ist.

Müssen Frauen in Deutschland immer noch besser als Männer sein, um in die gleichen Positionen zu kommen?

Auf jeden Fall. Frauen werden mit anderen Herausforderungen konfrontiert als Männer. Sie werden von Männern provoziert und müssen aus dem Stand darauf reagieren, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen. Außerdem gibt es zu wenig weibliche Vorbilder in den Führungsetagen. Und wenn alles zusammenkommt, ist da zu Hause noch ein Kind, um das sie sich parallel zum Job kümmern müssen.

Also sind Frauen doch überfordert, wenn sie alles unter einen Hut bringen wollen?

Kinder und Karriere passen sehr gut zusammen. Nur muss es dafür die richtigen Rahmenbedingungen geben und die Gesellschaft muss endlich aufhören, diese Frauen als „Rabenmütter“ zu bezeichnen.

Dann widersprechen Sie also der These von Eva Herman, dass Frauen für ihre Kinder auf die Karriere verzichten sollen?

Lassen Sie es mich so formulieren: Eva Hermans Buch stellt für mich eine Reise mit dem D-Zug ins Mittelalter dar.

Sie haben die ersten Jahre Ihrer Karriere im Unilever Konzern verbracht. Mussten Sie sich dort als Frau mehr „durchboxen“ ?

Leider hatte ich in meiner direkten Umgebung keine Frau auf gleichem oder höheren Niveau, an der ich mir einige Verhaltensweisen hätte abgucken können. Das wäre dann natürlich leichter gewesen.

Was können Frauen in der Berufswelt von Männern lernen?

Sie können lernen, ihren „Hunger auf Karriere“ im Unternehmen deutlich zum Ausdruck zu bringen und nicht abzuwarten, bis sie gefragt werden. Frauen müssen lernen, sich genau wie Männer „zu verkaufen“. Natürlich sind auch die typisch weiblichen Eigenschaften wie Kommunikation oder Gewissenhaftigkeit wichtig. Wer von sich selbst überzeugt ist und sich traut, das zu zeigen, schafft es auch.

– Das Interview führte Anne Hansen. Die Gütersloher Mestemacher-Gruppe ist ein in 80 Ländern vertretener Anbieter von Vollkornbroten.

Martina Sandrock , 46, ist Geschäftsführerin des Sara Lee Konzerns für die Einzelhandelssparten Körperpflege, Lebensmittel und Haushaltsprodukte in Deutschland und Österreich.

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