Zeitung Heute : Frau Holle in der Wüste

DOROTHEA VON TÖRNE

Ausstellung der Berliner Staatsbibliothek über die Brüder GrimmVON DOROTHEA VON TÖRNEÜberlebensgroß prangen sie auf der hinteren Wand des Vestibüls der Staatsbibliothek Unter den Linden.So kennt man sie, die Brüder Grimm: Jacob (immer stehend) blickt dem Studenten der Germanistik fest ins Auge, als wolle er prüfen, ob der das Gesetz der Lautverschiebung aus der Grimmschen "Deutschen Grammatik" ordentlich gebimst habe.Wilhelm (stets sitzend) träumt versonnen in die Ferne, als lausche er den Zauberformeln, Lügengeschichten und Legenden aus Sagen, Mythen und Märchen Europas.Der Hamburger Fotograf Hermann Biow hielt die Begründer der Germanistik als Sprach- und Literaturwissenschaft um 1850 in dieser Pose mit einer Daguerreotypie fest, Franz Hanfstaengl entwarf danach seinen Stich, der 1854 das Frontispiz des 1.Bandes des Deutschen Wörterbuches zierte, jenem 1838 begonnenen etymologischen Monumentalwerk, das zur Krönung des Grimmschen Lebenswerkes als Sprachforscher und Sammler werden sollte.1961, bei der Vollendung mit dem 32.Band waren allerdings rund hundert Jahre seit ihrem Tod vergangen. Der Schwerpunkt der Ausstellung, die die Staatsbibliothek (bis 20.Dezember) gemeinsam mit der Brüder Grimm Gesellschaft e.V.in Kassel veranstaltet, ist die Dokumentation der internationalen Ausstrahlung der Grimms.Ihre 1812 herausgegebenen "Kinder- und Hausmärchen" machten sie weltberühmt."Aschenputtel" und "Dornröschen", "Rotkäppchen" und "Hänsel und Gretel" gehörten im deutschsprachigen Raum für Generationen zum ersten literarischen Erlebnis.Darüber hinaus wurden sie in 160 Sprachen und Kulturdialekte übersetzt.Man stelle sich vor: "Schneewittchen" in Afrika, "Frau Holle" in der Wüste und "Hans im Glück" auf Wanderschaft in der Steppe.Auch heute noch sind die "Kinder- und Hausmärchen" das am meisten verbreitete und meistübersetzte deutsche Buch.Zeugnisse der internationalen Verbindungen, die die Brüder - ab 1841 als ordentliche Mitglieder der Akademie der Wissenschaften von Berlin aus - knüpften, liegen im Vestibül aus.Zahlreiche, kaum bekannte Originaldokumente aus dem Bestand der Staatsbibliothek wurden durch Leihgaben aus dem Brüder-Grimm-Museum in Kassel ergänzt und zieren die Vitrinen: Visitenkarten von gelehrten Häuptern aus aller Welt, Briefe, Danksagungen und Urkunden über Ehrenmitgliedschaften von Akademien, Universitäten und literarischen Gesellschaften in Boston, Prag, St.Petersburg, Paris, Zagreb, Kopenhagen. Die Exponate sind so gruppiert, daß sie verschiedene Interessen bedienen.Der Wißbegierige mag die didaktischen Tafeln mit Daten zu Leben und Werk studieren, der Berlin-Fan das Originalmanuskript der Antrittsrede Jacob Grimms an der Humboldt-Universität.Der auf Kuriositäten Erpichte kann sich an der Leselupe Jacobs oder der Geburtstagstasse Wilhelms ergötzen.Ungeachtet der liebenswürdigen Details für Schwärmer ist das Material zur europäischen Literatur- und Kulturgeschichte umfangreich.Zwischen Spanien und Rußland, Island und Serbien, Finnland, Italien und Deutschland erschließen sich Zusammenhänge.Nicht zuletzt wird die Erforschung des Grimm-Nachlasses dokumentiert.Die Arbeitsbibliothek der Brüder mit über 5500 Bänden befindet sich in der Universitätsbibliothek der HU.Erst 50 davon konnten vor dem Zerfall bewahrt werden.In einer gesonderten Vitrine wird um Buchpatenschaften für die Restauration geworben.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben