Zeitung Heute : Frau Zielinskis knappe Zeit

Im Bericht der Pfleger steht: Gebiss einsetzen war heute sehr aufwendig Die alte Frau lebt im Heim und muss gepflegt werden. Aber wie? Darüber streiten Gutachter schon seit sechs Jahren: Reichen zwei Minuten fürs WC? Kann sie Joghurt alleine löffeln? Wie Hilfebedarf in Tabellen gepresst wird. Härtefall, das heißt 1688 Euro. Stufe II sind 1279 Euro.

Die vom Heim sagen, die Pflege von Frau Zielinski dauere 343 Arbeitsminuten jeden Tag. Die Pflegekasse sagt, Frau Zielinski pflegen geht in 179 Minuten. Ein Unterschied von 164 Minuten. Fast drei Stunden.

Als Frau Zielinski am letzten Augustmorgen dieses Jahres kurz nach 8 Uhr 30 in blassrotem Pullover und weißem Rock in den Frühstücksraum gerollt wird, liegt das härteste Stück Pflege hinter ihr. Teilwäsche Oberkörper, Teilwäsche Unterkörper, Teilwäsche Hände/Gesicht, Wasserlassen, Richten der Bekleidung, Zahnpflege, Kämmen. Um 7 Uhr 38 waren zwei Pflegerinnen in ihr Zimmer gekommen, hatten das Deckenlicht über dem Bett angemacht und „Guten Morgen, Frau Zielinski“ gesagt.

Das Heim und die Kasse haben Gutachten erstellt, denn sie streiten vor Gericht um die richtige Pflegestufe für Frau Zielinski. Das Heim sagt: Stufe III plus, Härtefall. Weil viele Tätigkeiten mit zwei Pflegekräften durchgeführt werden müssten. Die Kasse sagt: Stufe II.

Das Gutachten des Heims vom 20. März 2002 wurde vom Heim selbst, dem katholischen Marienhaus in Essen, erstellt. Da wohnt Frau Zielinski seit September 2001, Zimmer 105, „Wohnbereich Barbara“, erster Stock. Das neueste Gutachten der Kasse – es ist das dritte – hat wieder der MDK, der Medizinische Dienst der Krankenkassen, erstellt, nach einem Besuch von seiner Mitarbeiterin G. bei Frau Zielinski am Vormittag des 1. Juni 2005.

Pflegestufe II bedeutet einen täglichen Pflegeaufwand bis 240 Minuten und 1279 Euro im Monat. Härtefall heißt 1688 Euro. Die Pflegekasse hat also ein Interesse an einer niedrigen Einstufung, das Heim an einer hohen.

An Frau Zielinskis Platz liegt an diesem Augustmorgen ein ungerösteter Toast mit Marmelade auf dem Teller bereit. Es ist in kleine Häppchen geteilt, der Rand ist abgeschnitten. In der Schnabeltasse ist Kaffee mit Milch. Pflegerin und Wohnbereichsleiterin Svenja Grevenhaus, 29, setzt sich neben den Rollstuhl und schiebt Frau Zielinski die Brotecken in den Mund, die lange kaut und dabei das Gebiss im Mund umherschiebt, das sie heute im zweiten Anlauf in den Mund gesetzt hat. Sie ist eine kleine Frau mit kurzen dünnen weißen Haaren und milchig blauen Augen, sie ist fast 100 Jahre alt, geboren im Mai 1909 und nicht mehr gut beieinander.

In den Gutachten des Heims heißt es, Frau Zielinski leide an einer schweren senilen Demenz, Depression, Bluthochdruck, Hüftarthrose beiderseits, an Wirbelsäulen-Syndromen, offenen Hautkrebsstellen an Rücken und im Gesicht. Sie ist inkontinent, sehr schwerhörig, kurzsichtig und extrem ängstlich. Im MDK-Gutachten hat Frau Zielinski ein „Mobilitätsdefizit bei deg. Wirbelsäulensyndrom“, Kniearthrose, Diabetes mellitus, kann „teils kontrolliert“ abführen.

Svenja Grevenhaus muss zu einer Besprechung, ein Praktikant übernimmt Frau Zielinski für den Rest des Frühstücks. Er füttert sie und reicht ihr die Schnabeltasse. Um 9 Uhr 10 hat sie ihren Kaffee ausgetrunken. Austrinken ist wichtig. Alte Leute trinken zu wenig. Der Praktikant schiebt sie ins Fernseh- und Spielezimmer auf der anderen Seite des Gangs. Sie hockt in ihrem Rollstuhl und guckt über die Veranda in den Innenhof, wo der Regen durch die Bäume rauscht.

Auch die MDK-Gutachterin G. hatte bei ihrem Besuch im Juni 2005 Frau Zielinski etwas essen lassen. „Es wird ihr ein Joghurt in die Hand gegeben, diesen löffelt die Vers. mit großem Appetit zielgerichtet aus“, schrieb sie danach in den Bericht. Sie sah im Ernährungsbereich „Ressourcen“. Das heißt: Frau Zielinski kann noch Sachen allein. Das heißt auch: Da lässt sich Pflegeaufwand sparen.

Der MDK hat Formulare für die Dokumentation der Pflegebedürftigkeit. Neun Punkte und diverse Unterpunkte. Zu einigen gehören Tabellen: Hilfebedarf – Form der Hilfe – Häufigkeit pro Tag – pro Woche – Zeitaufwand pro Tag in Minuten. Bei „Form der Hilfe“ gibt es sechs Kästchen, die angekreuzt werden müssen. „K“ für „keine Unterstützung“ über „U“ für Unterstützung, „T“ für Teilübernahme, „B“ für Beaufsichtigung, „A“ für Anleitung oder „V“ für volle Übernahme. Das ist ordentlich und Ergebnisse sind schnell vergleichbar.

Gutachterin G. trug 2005 unter Punkt „5.2. Ernährung“ ein: Zeitaufwand pro Tag für die mundgerechte Zubereitung 10,0 Minuten. Für die Aufnahme der Nahrung – oral: 2,0 Minuten.

Das Heim berechnete als Zeitaufwand für die mundgerechte Zubereitung elf Minuten und für die „Aufnahme der Nahrung – oral“ 42. Außerdem 15 Minuten für Flüssigkeitszufuhr.

Das erste MDK-Gutachten im Fall Zielinski ist vom 25. Januar 2002. Untersuchungstag war der 3. Januar 2002, Uhrzeit 11:15. Gutachterin war Frau Dr. med. B., die im Formular beim Ergebnis eintrug: „Zeitaufwand Grundpflege: 128 Minuten“. Für mundgerechte Nahrungszubereitung und -aufnahme notierte sie 16 Minuten. Vier Minuten mehr als drei Jahre später G. in ihrem Gutachten.

Am letzten Augustmorgen 2007 zieht sich das Frühstück über eine halbe Stunde. Drei Stunden später wird Frau Zielinski noch mal so lange Mittag essen, ab 18 Uhr wird sie Abendbrot bekommen. Dazwischen, um 14 Uhr 30, sitzt sie 22 Minuten beim Kaffeetrinken.

Das Heim widersprach dem MDK-Gutachten, das am 13. Februar 2002 in seinem Briefkasten lag, und schickte sein eigenes Gutachten vom 20. März 2002 an die Kasse zurück. Direkt am nächsten Tag ließ die Kasse durch den MDK ein Folgegutachten nach Aktenlage erstellen. Darin wurde für einige Pflegetätigkeiten ein Zeitbedarf anerkannt, der geringfügig höher lag als der von Dr. B. ermittelte.

Im Schreiben, das die Kasse daraufhin am 26. August 2002 an das Heim schickte, ist zu lesen: „Der Hilfebedarf bei der Zahnpflege wurde 2x täglich berücksichtigt. Dieser kann 3x täglich nachvollzogen werden. Somit ist hier eine zusätzliche Pflegeminute in Anrechnung zu bringen.“ Außerdem werden eine zusätzliche Pflegeminute fürs Haarekämmen und vier zusätzliche Minuten fürs Wasserlassen zugestanden.

Es steht dort aber auch: „Dass zum Waschen und Duschen jeweils 2 Mitarbeiter vom Pflegepersonal erforderlich sind, kann nicht nachvollzogen werden.“

Die Kasse hielt an der Pflegestufe II für Frau Zielinski fest. „Der Medizinische Dienst stellte einen Zeitaufwand in der Grundpflege von 128 Minuten fest. Die Zweitgutachterin bestätigt diese Feststellungen“, schrieb die Kasse.

Als das Heim bei seiner Höherstufungsforderung blieb, beauftragte die Kasse den MDK mit einem neuen Gutachten, und so kam im Juni 2005 Prüferin G.. Die notierte in ihrem Gutachten unter Punkt 5.1. „Körperpflege“: drei Mal Wasserlassen pro Tag, Gesamtdauer sechs Minuten. Dazu vier Mal pro Woche Stuhlgang, umgerechnet auf sieben Tage sind das zwei Minuten pro Tag.

Als Svenja Grevenhaus von der täglichen Besprechung mit der Heimleitung zurückkehrt, soll Frau Zielinski zur Toilette. Mit einer Kollegin fährt sie sie zum Waschraum. Die Tür schließt sich, das „Bitte nicht eintreten“-Schild leuchtet. Dann hört man Frau Zielinski schreien. Rabenhaft-krächzend. „Aah!“, schreit Frau Zielinski. Frau P., eine Heimbewohnerin, die den ganzen Tag mit einer Plastiktüte in der Hand den Gang hin und her läuft, hält kurz an und sagt: „Was ist denn da los?“, dann geht sie weiter und wird damit bis zum Abend nicht aufhören. „Aah!“, schreit Frau Zielinski wieder.

Warum sie schreit, können die Pflegerinnen nicht erklären. Sie sagen, Frau Zielinski wisse gar nicht, dass sie gerade auf Toilette ist. Entsprechend zufällig sei, wann genau dann was komme. Heute kommt nichts.

Die Tür geht wieder auf, das Warnlicht aus. Frau Zielinski sitzt wieder in ihrem Rollstuhl und wird zurückgeschoben in den Aufenthaltsraum. 4:55 Minuten hat der Toilettengang gedauert. Der zweite an diesem Tag. Es ist 11 Uhr.

Svenja Grevenhaus, die seit sieben Jahren im Marienhaus arbeitet, kennt Frau Zielinski seit deren Einzug. Früher, sagt sie, hätten die MDK-Gutachter ein kollegialeres Verhalten gegenüber den Pflegekräften im Heim gezeigt. Hätten das Gespräch gesucht und Fragen gestellt, wenn die Beurteilungen gar nicht zusammenpassen. Doch inzwischen, so der Eindruck von Svenja Grevenhaus, „hören die überhaupt nicht mehr zu“.

Sie sagt: „Klar kann ich Frau Zielinski alleine aus dem Bett holen und anziehen.“ Weil sie stark genug ist. „Aber tut das Frau Zielinski gut?“, fragt sie.

Im Fernsehen läuft eine Tiersendung. Frau Zielinski sitzt am Tisch als Teil der „Mensch ärger dich nicht“-Runde. Aber eigentlich spielt eine Pflegerin für sie, und als die kurz weg muss, kommt das Spiel zum Erliegen, was Herrn M. ärgert. „Wirf’ doch mal“, sagt er zu Herrn N., aber der schiebt den Würfel nur herum. „Und du?“, sagt er zu Frau Zielinski, die sich verschluckt und ihn anhustet. „Das geht doch auch nicht“, sagt Herr M., der einen Sturzhelm trägt, weil er oft fällt.

Nach dem Mittagessen ist Ruhezeit. Svenja Grevenhaus schiebt Frau Zielinski in ihr Zimmer, eine Kollegin holt den Lifter, eine mobile Aufstehhilfe. Die stellen sie vor den Rollstuhl, legen Frau Zielinski einen Gurt um Rücken und Arme, sie muss sich an zwei Griffen am Lifter festhalten, die Füße auf zwei Tritte stellen, dann zieht das Gerät die alte Frau aus dem Rollstuhl. In halb stehender Haltung fährt Svenja Grevenhaus Frau Zielinski ins Bad, zur Toilette. „Ge ge ge ge!“, ruft Frau Zielinski. Die Kollegin bereitet das Bett vor. Die Spülung rauscht. Frau Zielinski wird zum Bett gefahren, der Lifter lässt sie langsam aufs Bett sinken. Frau Zielinski legt sich hin, wird auf die Seite gedreht, mit Kissen umgeben, zugedeckt. Dann werden die Seitengitter hochgezogen, damit Frau Zielinski nicht aus dem Bett fällt. Dann schließen die Pflegerinnen die Tür, drinnen schreit Frau Zielinski noch einmal laut. „Aaah!“

Zeitaufwand Hinlegen am Freitag, 31. August: Zwei mal 8:40 Minuten gleich 17:20 Minuten.

In den Gutachten findet sich für Toilettengang vor der Mittagspause und Hinlegen keine Rubrik. Das Heim berechnet für An- und Entkleiden je 15 Minuten pro Tag. Der MDK berechnet für Ankleiden 16 Minuten, für Entkleiden acht.

Die Pflegekräfte im Heim schreiben nach jeder Schicht einen kurzen Bericht. Damit auch Pflegekräfte, die nicht vertraut sind mit einem Bewohner, wissen, womit zu rechnen ist. Und als Leistungsnachweis. Die Frühschicht am 18. August notierte: „Bew. verbrachte einen ruhigen Vormittag.“ Der Frühschicht am 9. August ging es anders: „Frau Zielinski wurde heute mit 2 MA im Bett gewaschen. Sie hat viel geschrien, hat sich auch nicht beruhigen lassen. (…) Die Zahnprothese wurde mit sehr viel Aufwand von der Pflegekraft eingesetzt.“

Wenn die Gutachter vom MDK kommen, um die Pflegestufe zu ermitteln, dann bleiben die etwa 45 Minuten. Manche nur zehn Minuten. Die gucken in den Frühstücksraum, lassen den Versicherten den Kopf nach links und nach rechts drehen, und dann gehen sie wieder. Sagen die vom Heim.

Der Fall Zielinski liegt seit 2005 beim Sozialgericht Duisburg, das ebenfalls einen Gutachter beauftragt hat. Der stellte am 10. Juli 2007 fest, dass für den Zeitraum bis Januar 2004 ein Pflegebedarf von täglich 217 Minuten bestand – Pflegestufe II; für die Zeit danach kam er auf 324 Minuten. Pflegestufe III. Aber ohne Plus.

Das Marienhaus in Essen hat schon oft gegen die Einstufungen seiner Bewohner durch den MDK geklagt. In einer Liste führt das Heim 57 Höherstufungsanträge und Widersprüche auf. Gesamtsumme: 340 774,38 Euro. Das ist der Wert der Pflegeleistungen, die das Heim seiner Meinung nach für Fälle der Stufen III und III plus leistet, obwohl die Kassen mit Verweis auf MDK-Gutachten nur Leistungen der Stufen I oder II bezahlen.

An dem Augusttag vor einer Woche, der für Frau Zielinski ein guter war, macht der MDK in Berlin mit der Nachricht Furore, dass viele Heime ihre Bewohner schlecht pflegten.

Im Marienhaus bringen sie Frau Zielinski zu zweit ins Bett. Frau Zielinski schreit „Aaah!“ Ein Mal, dann schläft sie.

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