Zeitung Heute : Frauen an den Unis: "Fortschrittlicher Mix"

Gudrun Kammasch ist 1971 als erste Frau an der TFH

Gudrun Kammasch ist 1971 als erste Frau an der TFH zur Professorin berufen worden. Seitdem engagiert sie sich dort für die Belange von Frauen.

Frau Kammasch, vor 15 Jahren, als ich mich für ein Studium entscheiden musste, galten Technische Fachhochschulen als klassische Männerdomäne. Ist das heute noch so?

Jein. Einerseits dominieren Männer an der TFH nach wie vor. Sie stellen rund 70 Prozent der Studenten. Andererseits ist der Anteil von Frauen in den vergangenen 30 Jahren kontinuierlich angestiegen, von damals vier auf heute gut 30 Prozent.

Damit sind Frauen an der TFH aber immer noch unterdurchschnittlich vertreten, verglichen mit dem Anteil von Frauen an allen Studierenden bundesweit. Hier liegt der Anteil der Studentinnen bei knapp 50 Prozent. Erwarten Sie an Ihrer Fachhochschule künftig einen höheren Frauenanteil?

Gemessen an allen Studenten liegen wir zwar unter diesem Mittelwert, doch sieht man sich mal die ingenieurwissenschaftlichen Fächer an, ergibt sich ein anderes Bild. Hier beträgt der Frauenanteil im Bundesdurchschnitt ungefähr 20 Prozent. Die TFH liegt also deutlich über diesem Wert. Ich finde, wir haben hier in Berlin einen sehr fortschrittlichen Studentenmix. Ob eine Art "Sättigungsgrenze" erreicht wird, weiß ich nicht. Ich kann Frauen nur ermuntern, an der TFH zu studieren. Die Fächer sind interessant und in vielen Bereichen gibt es hinterher spannende und gut dotierte Jobs.

Woran liegt es denn, dass Frauen in technischen Fächern nicht so stark vertreten sind?

Ich glaube, dass das wesentlich mit der persönlichen Identifikation zusammenhängt. Für die eigene Lebensplanung sind doch beispielsweise Vorbilder wichtig. Und da gibt es nun mal in diesen Bereichen weniger Frauen als Männer. Insofern ist der Studienanteil der Frauen in den sogenannten "Männerberufen" auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse ...

...die immer mehr Frauen verändern.

Aber ja. Immer mehr Frauen haben Freude daran, Neues zu entdecken und auch den Mut, das umzusetzen. Denn ein bisschen Mut und ein langer Atem gehören schon dazu, sein Leben in einer überwiegend von Männern dominierten Arbeitswelt zu entwerfen. Anfang der 90er Jahre hat eine Studie von Hedwig Rudolph und Doris Janshen aber noch ein weiteres Entscheidungskriterium zu Tage gefördert, nämlich Leistungsorientierung. Bei den Frauen in meinen Lehrveranstaltungen habe ich genau das interessanterweise auch festgestellt. Viele von ihnen scheinen eine gewisse Lust an der Herausforderung zu haben.

Studieren die Frauen bei Ihnen denn auch anders als Männer?

Unsere Frauen sind zum einen überwiegend sehr gute und engagierte Studentinnen. Zum anderen haben sie auch bevorzugte Fachbereiche. In lebensnahen Fächern wie Biotechnologie, Gartenbau, Landschaftsarchitektur oder Lebensmitteltechnologie liegt ihr Anteil bei gut 50 Prozent. Wo es technischer wird, etwa im Maschinenbau oder in der Elektrotechnik, sinkt ihre Repräsentanz rapide auf fünf bis zehn Prozent.

Wie stehen die Unternehmen den Absolventinnen gegenüber?

Wie ich schon sagte, werden qualifizierte Fachkräfte in vielen ingenieurwissenschaftlichen Bereichen gesucht - gerade in unbekannteren Disziplinen wie zum Beispiel der Verpackungstechnik. Doch der Übergang in den Job ist nach wie vor auch eine Hürde für Frauen. Einerseits sind sie Visitenkarten, die für die Fortschrittlichkeit eines Unternehmens stehen. Andererseits fragen Personalchefs bei den Kandidatinnen gezielter nach dem Familienwunsch. Kind und Job sind in vielen Ingenieurberufen mit 50 oder 60 Wochenstunden nur schwer miteinander zu vereinbaren. Zudem ist gerade bei technischen Projekten der zeitliche Ablauf für die Auftraggeber oft sehr wichtig - zum Nachteil von Frauen, die sich um ihre Kinder kümmern müssen. Hier sind der Gesetzgeber, die Arbeitgeber und die Väter noch deutlich in der Nachholpflicht.

Sie waren 1971 die erste Frau, die an der TFH berufen wurde. Was können Sie aus Ihrer Erfahrung den Frauen heute raten?

Mir ist es wichtig, jungen Frauen Mut zu machen, ihren Weg zu gehen. Wenn sie dabei auf Hindernisse stoßen, sollten sie das einfach als Herausforderung sehen und den Hürdenlauf üben. In den vergangenen 30 Jahren war oft eine, sagen wir mal, gewisse Beharrlichkeit nötig, um mit den Vorurteilen einiger männlicher Kollegen aufzuräumen. Aber ich finde, wir sind dabei ein ganzes Stück vorangekommen. 1986 noch gab es zum Beispiel nur vier Hochschullehrerinnen bei uns, heute sind es 32,5.

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