Frauen & Männer : Der König und die Frauen
02.05.2010 02:00 UhrRabat, Avenue Fal Ould Omeir im schicken Viertel Agdal am späten Nachmittag. Feierabend. Junge Frauen und Mädchen flanieren entlang der Schaufenster der modernen Einkaufsstraße, sie sitzen in den Cafés mit ihren Freundinnen. Sonnenbrillen sind ganz wichtig, westliche Kleidung auch, aber es gibt auch Frauen, die ihr Haar mit einem Tuch bedecken. Und es gibt jene, die eine lange Djellabah zum Kopftuch tragen. Sie sind zusammen unterwegs, ob traditionell oder westlich gekleidet.
„Ach wissen Sie, das ist anders als früher. Die Mädchen machen das heute so, wie sie wollen. Die einen nehmen das Kopftuch, weil sie religiös sind, die anderen nehmen das Kopftuch, weil sie so in Ruhe gelassen werden.
Und wenn sie in die Disko gehen, dann legen sie das Kopftuch eben ab. Wir waren früher anders, wir haben unsere Haare bewusst nicht bedeckt“, sagt Rachida Tahri. „Wir waren Aktivistinnen und haben für unsere Freiheit gekämpft.“ Sie hat verschiedene Frauenorganisationen zur Verteidigung der Rechte der Frau zwischen 1985 und 1995 mitgegründet und war 2003 Initiatorin des „Komitees der 20“, die für eine bessere Vertretung der Frauen im marokkanischen Parlament gekämpft hat.
Rachida Tahri trägt auch heute kein Kopftuch. Die Aktivistin, die später Präsidentin der Association Démocratique des Femmes du Maroc (ADFM) war, ist mittlerweile eine Beraterin der Ministerin für soziale Entwicklung, Familie und Solidarität, für Fragen der Gleichberechtigung der Frau. Ihr Büro im Ministerium liegt ebenfalls im Bezirk Agdal. Am Empfang und auf den Fluren sind fast nur Frauen zu sehen, meist dezent schwarz gekleidet. Auch das Vorzimmer der Ministerin ist fest in weiblicher Hand. Nouzha Skalli ist eine von fünf Ministerinnen im 35-köpfigen Kabinett, in der vorherigen Regierung waren es sogar sieben.
Ein Plakat im sachlich gehaltenen Foyer erinnert an den Tag der marokkanischen Frau am 10. Oktober 2009. Sechs Jahre zuvor hatte der König Mohammed VI. dem Parlament sein neues Familiengesetz, die „Moudawana“ vorgelegt. Schon 1999, als er seinem verstorbenen Vater Hassan II. auf den Thron folgte, hatte der junge König Mohammed VI. in seiner ersten Thronrede drei Schwerpunkte seiner künftigen Reformen genannt: Armutsbekämpfung, Durchsetzung eines Rechtsstaates und Gleichberechtigung der Frau. Marokko ist nach der Verfassung eine konstitutionelle Monarchie mit Mehrparteiensystem und zwei Kammern, aber der König hat weitgehende Sonderrechte.
Der 1963 geborene Mohammed hatte als Kronprinz Rechts- und Sozialwissenschaften studiert und in Nizza seinen Doktortitel in Jura mit einer Arbeit über die Kooperation der EWG und des Maghreb erlangt. Die Annäherung an Europa war von Anfang an sein Ziel. So passt es, dass er die Reform des Familiengesetzes, das die Gleichstellung der Frau erreichen soll, zu seinem Projekt gemacht hat.
Dazu passt auch, dass er 2002 eine Informatikerin geheiratet hatte, die Ingenieurin Salma Bennani, die gar nicht daran denkt, ihr rotes Haar mit einem Tuch zu verhüllen, und den jungen Marokkanerinnen von den Titeln der marokkanischen Magazine entgegenstrahlt. Zudem hat Mohammed VI. seine Frau zur Prinzessin erhoben, ein Novum. Seine Mutter Latefa, „die Mutter des Prinzen“, so ihr Titel, war die Hauptfrau seines Vaters Hassan II. Von ihr existiert bis heute kein Bild. König Mohammed VI. hat nach seiner Thronbesteigung sofort den Harem seines Vaters aufgelöst – das war ein deutliches Zeichen, dass sich im Lande etwas ändern wird. In einem islamischen Land, in dem gerade die Tradition viel zählt, also auch die Autorität des Mannes, kam das einer Revolution gleich. Einer Revolution von oben.
Gerade hat die amerikanische Menschenrechtsorganisation Freedom House Marokkos Erfolge auf dem Gebiet der Rechte der Frauen gelobt. Nach dieser Studie liegt Marokko in der arabischen Welt hinter Tunesien an zweiter Stelle, gefolgt von Algerien und dem Libanon.
Schon die Sozialdemokraten hatten 1998, als sie erstmals die Parlamentswahlen gewonnen hatten, versucht, das damals 40 Jahre alte Familiengesetz zu reformieren, das den Frauen keine Rechte eingeräumt hatte. Die Sozialdemokraten scheiterten am Widerstand konservativer Kräfte, die marokkanische Frauenbewegung hatte sich allerdings damit nie abgefunden. Sie hatte mit für die Unabhängigkeit des Landes gekämpft und fühlte sich betrogen. Seit der UNO-Dekade der Frau 1985 hat sich die Frauenbewegung immer wieder dafür eingesetzt, die Rechte der Frauen zu stärken. Erst als 1999 König Mohammed VI. den Thron bestieg, wendete sich das Blatt. 2000 berief er eine Kommission ein, in der Wissenschaftler, religiöse Führer, Frauenorganisationen, Parteien und viele Nichtregierungsorganisationen vertreten waren.
„Das Gesetz ist schon sehr auffällig“, sagt Soraya Moket vom Deutsch-Marokkanischen Kompetenzzentrum (DMK) in München. „Ich erinnere mich, dass der König im Parlament gesagt hatte, dass die Reform machbar und mit dem Islam vereinbar sei.“ Er habe daran erinnert, dass die Frauen ein Gewinn für die Gesellschaft, dass sie Schwestern und Mütter seien. Und er habe den Menschen deutlich gemacht, dass sein Gesetzesentwurf nicht heilig sei und verändert werden könne. Das Gesetz wurde dann 2004 einstimmig im Parlament angenommen.
Rachida Tahri, die Beraterin der Ministerin in Rabat, sieht Marokko auf einem guten Weg der Gleichberechtigung und der Menschenrechte. Die Rolle des Königs sei dabei entscheidend gewesen. „Immer wieder wird seine Thronrede zitiert, in der er sagte, dass man weder von Demokratie noch von Entwicklung reden könne, wenn die Hälfte der Frauen Opfer von Gewalt sind. Man könne nicht voranschreiten, ohne die Rechte der Frauen zu entwickeln“, erinnert sie. Und da der König auch der Führer der Gläubigen sei, sei seine Haltung sehr hilfreich. Sie lächelt. Gegen den Führer der Gläubigen kann niemand etwas einwenden, selbst die Islamisten stimmten zu.
Die „Moudawana“ geht von der gemeinsamen Verantwortung und der Gleichheit beider Ehepartner aus. Das Mindestalter für eine Heirat wurde auf 18 Jahre festgelegt. Frauen müssen ihren Vater auch nicht mehr um Erlaubnis fragen. Eheschließungen Minderjähriger zwischen 15 und 18 Jahren sind die Ausnahme und werden meist in ländlichen Gegenden mit Sondergenehmigungen des Gerichts geschlossen, aber die Quote von etwa zehn Prozent hält sich hartnäckig.
Dennoch hat das mutige Gesetz von 2004 den Marokkanerinnen viele Vorteile gebracht. Zum ersten Mal ist die Frau nicht mehr der Autorität eines Mannes unterworfen. Die Polygamie ist im Prinzip verboten und fast verschwunden. Seit 2004 können Frauen vor Gericht die Scheidung einreichen. Ein Mittler versucht zunächst zu schlichten, man kann sich im Konsens scheiden lassen, aber auch im Dissens. In der Regel bekommt die Mutter das Sorgerecht für die Kinder zugesprochen, der Vater muss für das Kind Unterhalt zahlen. Tut er das nicht, drohen Sanktionen bis hin zur Gefängnisstrafe. „Das neue Gesetz garantiert die Lebensqualität von Frau und Kindern. Das war vorher anders“, sagt Rachida Tahri. Der während der Ehe erwirtschaftete Zugewinn wird bei der Scheidung geteilt. Töchter sind jetzt erbberechtigt. Früher ging das Erbe, wenn der Mann nur Töchter hatte, an Cousins oder andere Verwandte. Rachida Tahri gerät immer noch in Rage, wenn sie davon erzählt.
Wie sieht die Bilanz nach sechs Jahren „Moudawana“ aus? „Als Frau und als Soziologin sehe ich das alles sehr positiv“, sagt Soraya Moket, „aber es reicht nicht, die Paragrafen zu ändern, die Mentalitäten müssen sich ändern“. Mithilfe der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) hat sie Bildungsprogramme für Mädchen in ländlichen Gebieten ins Leben gerufen. „Wenn wir jungen Mädchen bessere Bildung ermöglichen, wird sich das Heiratsalter automatisch erhöhen.“ Bei Agadir haben sie einen Schulbus finanziert, der die Mädchen von den Dörfern in die Realschule bringt, im Norden einen Bus gekauft, damit die Mädchen zur Universität fahren können. Auch müssten die Lehrbücher überarbeitet werden, damit sie ein anderes Frauenbild vermitteln.
Rachida Tahri sieht die Entwicklung ähnlich. „Die Mentalität der Menschen, Männer wie Frauen, muss sich ändern. Und die Frauen müssen lernen, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen.“ Dazu laufen jetzt öffentliche Kampagnen, um die Marokkaner zu sensibilisieren. „Bisher haben wir einige Filme gedreht, aber die sehen nur diejenigen, die eine Kinokarte kaufen“, sagt Tahri. „Wir müssen jetzt in den Medien Geschichten erzählen, in denen die Menschen sich wiedererkennen.“ Angehörige von Justiz, Polizei, Gendarmerie und Gesundheitsverwaltung werden geschult, um das neue Gesetz auch anzuwenden und zu begreifen. Gerade auf dem Land ist das ein mühsamer Prozess. „Wir gründen Mediationszentren für Männer, denn die ,Moudawana‘ gilt für die ganze Familie“, sagt die Beraterin.
Es ist ein langer Weg, den die marokkanischen Frauen noch vor sich haben, aber Rachida Tahri und Soraya Moket strahlen Zuversicht aus. Sechs Jahre seit Inkrafttreten eines revolutionären Gesetzes sind keine lange Zeit für die Umsetzung. Und vom König erzählt man sich, dass er die von ihm vorgeschlagenen Reformen sehr genau überwacht.








