Frauen & Männer : Die Dinge des Liebens

Leanne Shapton hat eine ungewöhnliche Liebesgeschichte geschrieben: In der Form eines Auktionskatalogs erzählt sie, was bleibt, wenn die Liebe geht. Ein Treffen in Berlin

Anna Kemper
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Leanne Shapton hat ein zauberhaftes Buch geschrieben.-Foto: carlosserrao

Es gibt Dinge, die sind einfach da, haben einen Zweck, werden benutzt und haben keinerlei sentimentalen Wert: Kleiderbügel, zum Beispiel, Büroklammern, Kinokarten. Und es gibt welche, die unersetzbar sind: der Kleiderbügel, den die Oma schon benutzt hat. Eine Büroklammer, zu einem Herzen verdreht. Die Kinokarte vom ersten Date. Gegenstände, mit denen man Geschichten verbindet, jedes Stück wie ein kleines Etikett auf einer Kiste, in der eine ganz spezielle Erinnerung lagert: an einen Menschen, einen Urlaub, einen besonderes schönen Abend.

Über diese Dinge des Lebens hat Leanne Shapton ein Buch geschrieben. Oder vielmehr: über die Dinge des Liebens, die einst ein Paar verbunden haben. „Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck“ (Berlin Verlag; 19,90 Euro), heißt es, ein fiktiver Auktionskatalog, in dem Briefe und Geschenke, Kinokarten und Souvenirs versammelt sind, chronologisch geordnet erzählen sie vom Anfang und Ende einer Liebe und allem, was dazwischen liegt.

Es gibt ja zwei Sorten von Menschen: Aufheber und Wegschmeißer. Leanne Shapton gehört eindeutig zu den Aufhebern. Den Sammlern. Sie sitzt auf dem Sofa in ihrem Hotelzimmer in Berlin, eine zarte Frau in groben Gummistiefeln, mit dichtem, etwas zerzaustem schwarzen Haar, und zeigt stolz ihren neuesten Fund: eine grauweiße Vase, erstanden auf dem Flohmarkt im Mauerpark. Ein einfaches Stück Keramik, aber wenn sie bald in New York ihre Blumen hineinstellt, wird es sie an Berlin denken lassen: an die Buchpräsentation in einer Galerie in Mitte, an den Flohmarkt, an ein Essen in der Paris Bar, an klirrende Kälte, einen Pulloverkauf und so manches andere.

Leanne Shapton, 36, ist Illustratorin, geboren in Kanada, sie arbeitete als Art-Direktorin für verschiedene Zeitungen, entwirft Buchcover und illustriert Texte, zuletzt war sie für die Gestaltung der Meinungsseite der „New York Times“ verantwortlich. Sie mag Sachen, die man anfassen kann, schon seit ihrer Kindheit, ihr Vater war Produktdesigner, mit ihm und ihrem Bruder hat sie als Kind gebastelt und gewerkelt. Am schönsten findet sie Dinge, die gealtert sind, ein bisschen abgenutzt. Die Vergangenheit haben, vom Massenprodukt zu einem Einzelstück geworden sind, weil man schon so lange mit ihnen lebt.

Dass solche Dinge vom Leben erzählen, sagt Leanne Shapton, merkte sie 2006 auf einer Auktion von Privatsachen des Schriftstellers Truman Capote. Dort gab es jede Menge Zeugs, „fleckige Pullover, Schals, geplatzte Schecks, privater Schrott eben, der eine Ahnung vermittelte von den letzten Jahren Capotes“. Leanne Shapton kaufte ein paar Schals als Weihnachtsgeschenke für ihre Freunde, für sich selbst drei Regenmäntel („Truman Capote war zum Glück ein sehr kleiner Mann“). Es war ein bisschen, sagt sie, wie auf einer Dinnerparty bei Bekannten, wenn man auf die Toilette geht und kurz dem voyeuristischen Impuls nachgeben will, in das Badschränkchen zu schauen: weil die Tiegel und Tuben, die es verbirgt, etwas vom wirklichen Leben preisgeben.

Da war sie dann, die Idee: ein Leben erzählen anhand von Objekten, versammelt in einem Auktionskatalog. Aber Leanne Shapton wollte nicht über den Tod schreiben, „und eigentlich geht es ja in den Auktionskatalogen um den Tod eines Menschen, seinen Nachlass“. Sie beschloss, über den Tod einer Liebe zu schreiben, den Nachlass einer Zweisamkeit. Über das, was bleibt, wenn die Liebe geht.

Die zwei, deren Besitz unter den Hammer kommt, heißen Lenore Doolan und Harold Morris. Sie lernen sich auf einer Halloweenparty kennen (Objekt Nr. 1005: eine Serviette mit Lenores E-Mail-Adresse), er ist Fotograf (Nr. 1132: eine Fotoserie), sie schreibt eine Back-Kolumne (Nr. 1214: ein Zeitungsausschnitt) für die „New York Times“. Sie hat ein Händchen für guten Stil (Nr. 1124: eine Abendrobe), er für schlechtes Timing (Nr. 1253: eine handgeschriebene Notiz). Sie fahren gemeinsam in den Urlaub (Nr. 1088: zwei Reiseführer von Venedig), schenken sich kitschiges Zeug (Nr. 1269: eine Teekanne in Hundeform), ziehen zusammen (Nr. 1189: ein Schlüsselanhänger), streiten sich (Nr. 1247: eine handgeschriebene Notiz).

Eines der letzten Objekte im Katalog ist eine Restaurantrechnung: „4 grüne Veltliner, 1 Gin Martini, 1 Weißfisch-Häppchen, 1 Rote-Beete-Häppchen, 1x Flussforelle, 1x Schnitzel (die letzten beiden Posten wurden storniert)“. Was zwischen Vor- und Hauptspeise passiert ist, erfährt man nicht. Aber man ahnt es. Weil man es selbst so oder ähnlich schon erlebt hat, solche Situationen sind Teil des kollektiven Liebesgedächtnisses.

Es ist ein bezauberndes Buch geworden, gerade wegen der Nüchternheit seiner bürokratischen Auflistung, die die dahinterliegende Liebesgeschichte kontrastiert. Eine Form, die Platz lässt für Ungewissheiten. Ein Puzzle, das jeder ein bisschen anders zusammensetzt, weil jeder es mit seinen eigenen Erfahrung abgleicht. Und sich fragt: Wie sähe meine eigene Auktion aus? Und welche peinlichen oder schönen, längst vergessenen und erschreckend intimen Dinge haben eigentlich andere von mir bei sich liegen?

Für ihren fiktiven Auktionskatalog borgte Leanne Shapton Sachen von Freunden, ersteigerte bei Ebay, machte Fotos von einem Freund aus New York und einer Freundin aus Kanada, die als Lenore und Harold posieren („Leider haben sie sich nicht verliebt!“). Sie wühlte in Kisten auf Trödelmärkten. Und ein bisschen auch in ihrer eigenen Vergangenheit: Das Buch sei zu einer Zeit entstanden, erzählt sie, als sie merkte, dass ihr Freund und sie eine Schwelle überschritten hatten, „ich wusste: Ich würde noch lange mit ihm zusammenleben“. Aber da war dieses Foto in ihrem Arbeitszimmer, das ihr Ex-Freund, ein Fotograf, gemacht hatte. Es zeigte einfach nur ein Betttuch, auf dem sie oft geschlafen hatten. „Ich dachte: Es bedeutet mir zwar etwas – aber muss ich diese Bedeutung wirklich jeden Tag sehen, wenn ich mein Leben mit jemand anderem teile?“ Wegschmeißen kam nicht in Frage, weglegen schon.

So hat ihr das Buch geholfen, einen Schlussstrich zu ziehen unter vergangene Beziehungen. „All diese Dinge sind kleine Trophäen, die beweisen: Jemand hat mich geliebt. Das ist schön, aber irgendwann musst du sie beerdigen.“ Meist landen sie dann irgendwo in einer Kiste, erblicken bei einem Umzug kurz das Licht – und werden doch immer wieder mitgenommen.

Aber ist es nicht seltsam, dass uns die Trennung von Sachen schwerfällt, die uns mit Menschen verbinden, von denen wir längst getrennt sind? Liebe, sagt Leanne Shapton, ist ein Konstrukt unserer eigenen Vorstellung, unserer Wünsche und Erwartungen. Deshalb sei sie ja so schwierig: weil all diese Gefühle auf eine andere Person mit ganz eigenen Wünschen und Erwartungen treffen. Und dem hält die Realität eben nicht immer stand. „Aber die Dinge, die sich im Laufe einer Beziehung ansammeln, kann man gefahrlos mit seinen Gedanken anfüllen, die des anderen spielen eigentlich keine Rolle mehr. Und deshalb behalten wir sie.“

Vielleicht ist der Grund aber auch dieser: Die Dinge des Liebens erinnern uns an die guten Momente, die unbeschwerten, albernen und die schwierigen, die man gemeistert hat. Nicht an die, in denen man sich nichts mehr zu sagen hatte. „Vielleicht“, sagt Leanne Shapton, „ist es einfacher, liebevoll an eine Beziehung zu denken, wenn du nicht mehr in ihr steckst.“

Bei der „New York Times“ hat Leanne Shapton gekündigt, es war eine gute, aber stressige Zeit, erzählt sie, ihr fehlte der Raum für eigene Projekte. Zurück in New York wird sie an ihrem neuen Buch weiterarbeiten. Aus Berlin hat sie ihrem Freund etwas mitgebracht: Schiesser-Unterwäsche aus dem Retro-Schiesser-Laden in Mitte. Eine kleine Trophäe der Liebe.

Eine kleine Ausstellung mit Objekten aus dem Buch zeigt noch bis zum 6. Februar der Kunstraum Murkudis in der Münzstraße 21 in Mitte

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