Frauen und Männer : Die große Lobpudelei

Er wird parfümiert, verkleidet und albern frisiert - dabei ist der Pudel doch ein kluger Jagdhund! Ein Plädoyer für das verkannteste Tier der Welt.

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Weißes Wundertier. Riesenpudel Nico beeindruckt beim Tanzwettbewerb für Hunde mit seinem Taktgefühl. -Foto: p-a/dpa

Arme Sissi Funkelstein von Trippeltrapp-Wohlvergnügen. „Who wants to be a poodle“, fragt die weißgelockte spitznasige Dame, die am besten weiß, dass die Frage so rhetorisch ist, dass sie keine ist, weshalb sie anstelle des Fragezeichens auch nur eine nachdrückliche Antwort hinterherschickt: „I don’t“. Pech nur für Sissi, dass sie ein Pudel ist. Ein Bilderbuchpudel. Gehätschelt und verwöhnt von Frauchen, einem Luxusgeschöpf mit ausgeprägtem Schuhtick, trägt das Schoßhündchen Strass am Halsband. Das Haar zu Pompons frisiert, einparfümiert und in rosa Ponchos gesteckt, darf die Hundedame nur bei Sonnenschein nach draußen. Sie könnte sich ja dreckig machen. Aber genau das will sie doch! Denn das Hündchen möchte nichts sehnlicher sein als das, was es wirklich ist: ein Hund.

„Who wants to be a poodle I don’t“, so heißt das herrliche neue Bilderbuch von Lauren Child, das jetzt auch auf Deutsch, bei Carlsen erscheint: „Wer möchte schon ein Pudel sein“. Die preisgekrönte Kinderbuchautorin legt darin den Finger auf den wunden Punkt. Erstens: Der Pudel hat ein ernsthaftes Imageproblem. Zweitens: Nicht der Hund – der Mensch ist das Problem.

Pudel? Iiih, Pudel!

Zusammen mit dem 2CV und dem Kaugummiautomaten hat er es auch auf das Cover des kürzlich erschienenen „Lexikons der verschwundenen Dinge“ von Volker Wieprecht und Robert Skuppin geschafft. Wer den Rassehund darin unter P sucht, sucht allerdings vergebens. Er wird aufs I verwiesen: „Iiih, Pudel!“. Dort wird das arme Tier mit Häme überschüttet, zum „Nerd unter allen Kötern“ erklärt, die Peinlichkeit auf vier Beinen, von Frauchen in Ganzkörpergummianzüge gepresst und so zurechtfrisiert, dass er aussieht „wie ein riesiges verformtes Wattestäbchen“. An der Seite eines solch lächerlichen Wesens wolle kein Mensch mehr gesehen werden.

Katharina von der Leyen schon. Die Berliner Autorin hat so gar keine Ähnlichkeit mit dem Frauchen von Sissi Funkelstein. Groß, schlank und sportlich, ist sie eine energische Person. „Ich bin irre dominant.“ Unter Brüdern groß geworden, hat sie ein Jahr lang unter lauter Cowboys auf einer Ranch gelebt und ein Jahr im Zoo von Sydney gearbeitet. Im Unterschied zu Mademoiselle Brulée geht sie auch jeden Tag ein paar Mal mit ihren beiden Großpudeln und den zwei Windspielen vor die Tür, ob’s stürmt oder schneit. Ja, sie geht mit ihnen sogar auf die Jagd. Denn das ist des Pudels wahrer Kern: Er ist ein Jagdhund, spezialisiert auf Enten. Weswegen er sich so gern im Wasser tummelt. Daher auch der Name: „Poodle“ kommt von „puddle“ (Pfütze), im Englischen hört man das noch, Lauren Child spielt in ihrem Bilderbuch mit den Worten.

Bei der Buchpräsentation von Wieprecht und Skuppin in der Bar jeder Vernunft trat von der Leyen als Gegenspielerin des Autorenduos auf – und hatte leichtes Spiel. Denn alle Argumente waren auf ihrer Seite. Pudel zählen zu den klügsten Hunden, sie sind Menschenversteher, kinderlieb, lernbegierig und geschickt, weshalb sie oft im Zirkus mit Kunststücken auftreten, sie sind lustig, gesellig und vergnügt. So möchte der Mensch auch sein – wenn’s ihm gut geht, fühlt er sich „pudelwohl“.

Ihre überzeugendstes Argumente hatte Katharina von der Leyen an der Leine mit in die Bar jeder Vernunft gebracht: Ida und Luise. Auch jetzt, an diesem Spätnachmittag in der Kreuzberger Altbauwohnung, geben die beiden ihr Bestes, sind charmant und die Ruhe selbst. Luise, die Neugierigere, robbt sich langsam an die Besucherin heran. Deswegen geht Luise auch so gern ins Borchardts: zum Menschengucken. „What a beautiful dog!“, meinte Barack Obama, als er, im Wahlkampf in Berlin zu Besuch, an der Dame im Lokal vorbeilief. „And she is so black.“

Das scheint etwas zu sein, was Pudel und ihre Fans verbindet: Humor. Als lächelnden, unschuldig-weisen Buddha hat Wolfdietrich Schnurre, Berliner Schriftsteller und bekennender Pudelnarr, das Tier vor 40 Jahren schon beschrieben, als liebenswürdiges Wesen voller Esprit. „Den Pudelgott muss man sich ungefähr über Bali auf einer rosaroten Wolke thronend denken. Er ist sehr dick, sehr heiter und hat große Ähnlichkeit mit einem japanischen Freistilringer.“

Die Wesen auf Erden sehen anders aus. Die braune Ida und die schwarze Luise sind groß und schlank, ihren Gang beschreibt von der Leyen als „stolz, aufrecht und federnd“. Einen Pokal würde die 45-Jährige mit den beiden trotzdem nicht gewinnen – weil sie gar nicht zu einer Show zugelassen würden. Sie lässt die Hunde nämlich nicht so scheren, wie es für Wettbewerbe vorgeschrieben ist, sondern mehr oder weniger kurz. In ihren Augen sind die Tiere viel zu schön, um mit einem Dolly-Parton-Schnitt lächerlich gemacht zu werden. „Der Pudel ist schon immer ein Opfer seiner Frisur gewesen.“

Und er muss zum Friseur. Pudel haben Haare und kein Fell, wie von der Leyen erklärt, was den Vorteil hat, dass sie allergikertauglich sind. (Deshalb hätte Familie Obama sich auch fast einen angeschafft, wenn sie sich nicht für einen portugiesischen Wasserhund entschieden hätte.) Die Haare fallen dem Pudel nicht aus – wie schön für Kleider und Möbel –, sondern wachsen einfach weiter. Und müssen geschnitten werden. Die Versuchung, ihn dann auch zu frisieren, war offenbar zu groß. Und auch wenn von der Leyen glaubt, dass der Ur-Pudel schwarz war – auf den Shows tritt er meist in weißer Gestalt auf. „Wenn da so ein Schwan reinkommt, das macht natürlich viel her.“

Von der Leyen ist seit 30 Jahren Hundebesitzerin, hat einen ganzen Stapel Bücher verfasst: über Charakterhunde, brave Hunde, Stadthunde, Lieblingshunde, über Welpen und Möpse. Ihr Fazit: Für sie ist der Pudel der ideale Hund.

Weil die Wahrheit denn doch stärker ist als das Klischee, hat der Pudel auch immer Fans gehabt. Und es waren nicht die Dümmsten. Schopenhauer, Winston Churchill, Thomas Mann, Gertrude Stein, sie alle hatten einen. In der Regel einen großen, keinen Zwerg.

Dass der Pudel nicht nur zum Schoßhündchen taugt (wozu er sich aber in der Tat sehr eignet, selbst in der großen Form: weil er so leicht ist), sondern auch gestandenen Männern gut zur Seite steht, dafür ist John Steinbeck das beste Beispiel. Nach einem Schlaganfall gesundheitlich angeschlagen, wollte der sozialkritische Schriftsteller („Früchte des Zorns“) sich, seiner Frau und der Welt beweisen, dass er noch ein echter Kerl war. Und so zog er mit einem selbstgebastelten Wohnmobil los, sein Land zu erkunden. Auf die Reise quer durch die USA nahm er nur Charley mit. Charley war Franzose, ein Großpudel von gesundem Menschenverstand, ein würdevolles, sensibles Wesen, ein Pazifist, der brüllen konnte wie ein Löwe. Ein geborener Diplomat und Gentleman, der dem Schriftsteller half, seine Landsleute kennenzulernen. Mit liebevollem, ironischen Respekt schildert Steinbeck seinen Weg- und Leidensgefährten (auch Charley leidet unter altersbedingtem Wehwehchen, beim Wasserlassen) in „Travels with Charley in Search of America“, das 1962 erschien – im selben Jahr, als Herrchen den Literaturnobelpreis bekam.

Nicht nur Charley – der Pudel als solcher ist Franzose, auch wenn er einst als Deutscher galt. Als Inbegriff Pariser Eleganz machte er im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit Furore. Denn wer wollte schon nach dem Ende der Nazis ein deutscher Schäferhund sein.

Heute, erzählt von der Leyen, werden in Deutschland im Jahr 24 000 Schäferhunde, aber nur 200 Großpudel geboren. Als Wackeltier oder Salzstreuer begegnet er einem jetzt eher denn als echtes Tier. Auch wenn Norah Jones, Dieter Wedel und Jeffrey Eugenides auf ihn schwören: Zum neuen Modegeschöpf wie der Mops ist er bisher nicht avanciert. Dabei, findet Katharina von der Leyen, „ist es ihm durchaus zu gönnen“. Wovon sie gar nichts hält, ist die hybride Designerform, in der er jetzt, gemixt mit anderen Rassen, angesagt zu sein scheint: als Schnoodle, Moodle oder Labradoodle.

Einen solchen hat sich auch die norwegische Königsfamilie zugelegt. Prompt wurde die Prinzessin von ihm krankenhausreif in die Lippe gebissen. Mit Pudel wär das nicht passiert. Denn der, glaubt man Wolfdietrich Schnurre, ist der Engel auf vier Beinen. Weswegen der Autor dem Menschen riet, sich eine Pudelseele anzuschaffen. Und seinen großen Kollegen Goethe rügte: für seine Ahnungslosigkeit. Offenbar habe er dem Tier nie in die Augen geblickt. Sonst hätte er kaum den Teufel zu des Pudels Kern gemacht.

Goethe? Pfui Goethe!

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