Frauen und Männer : Die Kunst zu leben

Ein Jahr folgte Yishay Garbasz den Spuren ihrer Mutter, einer Holocaust-Überlebenden. Auf dem Weg von Berlin über Holland nach Auschwitz fand die Fotografin sich selbst

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Yishay Garbasz.
Yishay Garbasz.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zu viele Geschichten, das ist das Problem. Wenn man von Yishay Garbasz erzählen will, wo soll man bloß anfangen? Vielleicht an der Mittelmeerküste, in ihrer Heimatstadt Herzlia, Israel, und bei Garbasz’ Familie, in der nie über den Holocaust gesprochen wurde, obwohl dieser immer präsent war. Oder besser in den Bergen von Upstate New York, in dem buddhistischen Kloster, in das sie sich zweieinhalb Jahre zurückzog, um am Ende die Fotografie zu entdecken? Oder doch in der thailändischen Klinik, wo Garbasz’ körperliche Verwandlung vom Mann zur Frau stattfand?

Oder soll man beginnen mit dem, was alle von Garbasz’ Geschichten verbindet – die Suche nach der eigenen Identität und die heilende Kraft der Kunst?

Yishay Garbasz ist gerade 40 geworden, aber was sie erlebt hat, bietet schon jetzt Stoff für mehrere Leben. Bei dem Versuch, mithilfe der Fotografie sich selbst und ihre Probleme zu verstehen, sind zwei hochgelobte Bücher entstanden: „In My Mother’s Footsteps“ (Verlag Hatje Cantz) und das vergangene Woche erschienene „Becoming“ (Mark Batty Publisher). Für „Footsteps“ war Garbasz ein Jahr unterwegs in Europa, auf den Spuren der Geschichte ihrer Mutter. Und für „Becoming“ dokumentierte sie monatelang jeden Sonntag, wie sich ihr Körper unter Einfluss von Chirurgie und weiblichen Hormonen veränderte – die Bilder zeigt sie derzeit auch auf der Kunstbiennale im südkoreanischen Pusan.

Garbasz lebt heute in Berlin, in der Oranienburger Straße. Ihre Altbauwohnung ist zugleich ihr Atelier; auf einem langen Arbeitstisch liegen Bilder und Werkzeug, neben der Sofaecke steht ein Crosstrainer. Sie ist eine herzliche Gastgeberin, die Besuchern selbstgebackene Kekse zum Tee serviert und mit sanfter Stimme über ihre Arbeit spricht, dann und wann unterbrochen von einer ironischen Spitze und einem hohen Kichern. „Fotografie ist für mich kein Beruf, sondern eine Berufung“, sagt sie auf Englisch.

Die Familie und wie sie Menschen prägt, das ist das eine Thema, von dem sie erzählen kann. Garbasz wuchs mit zwei älteren Brüdern auf, die Eltern Holocaust-Überlebende. Der Vater, in Polen geboren, hatte als 14-Jähriger ein australisches Visum bekommen – und war dem Tod deshalb als einziger in seiner Familie entkommen. Garbasz’ Mutter Salla dagegen musste durch die Hölle von Theresienstadt, Auschwitz, Bergen-Belsen. Beide verloren später nie ein Wort darüber. „Kein einziges“, sagt Yishay Garbasz. Aber die Traumata übertrugen sich auf die Kinder, ohne dass die sich dessen bewusst gewesen wären. Die Schuldgefühle der Überlebenden (Warum hat es andere getroffen, aber nicht mich?), die Erinnerung an die Grausamkeiten der Nazi-Zeit – sie waren immer da, unausgesprochen, unterdrückt. „Ich war sehr unglücklich als ich jung war“, sagt Garbasz.

Erst Mitte der 90er schreibt Salla auf Wunsch ihres zuvor verstorbenen Mannes ihren Lebensbericht nieder. Darin taucht auch die Zeit in den Konzentrationslagern auf. Yishay Garbasz, damals – jedenfalls körperlich – noch ein Mann, bekommt die auf der Schreibmaschine getippten Memoiren zunächst nicht zu Gesicht. Seine Zeit als Offizier in der israelischen Armee liegt hinter ihm, er hat das Gefühl, seine Pflicht getan zu haben, geht nach Amerika, nach London, bricht mehrere Studiengänge ab, jobbt für wenig Geld, heiratet eine Israelin, lässt sich wieder scheiden: leidet, noch immer, ohne genau zu wissen, warum. Irgendwann ist er psychisch und finanziell am Ende.

Das Zen-Kloster in den Catskill Mountains bringt die Wende. Aus geplanten drei Monaten Aufenthalt werden mehr als zwei Jahre. „Ich hielt mich immer für ziemlich clever, aber das Verkopfte hat mir nicht geholfen“, sagt Garbasz. „Geholfen hat mir erst die rigide Struktur des Klosters.“ Die Stille dort wirft sie zurück auf sich selbst und die eigenen Gefühle. Eine unangenehme, aber fruchtbare Erfahrung. „Meditation“, sagt sie, „das ist, als wärst du in einen Raum eingesperrt, mit einem Verrückten, der dich durch ein Megafon anschreit.“

Für Garbasz wird damals klar, dass ihr Unglück viel mit dem der Eltern zu tun hat. Sie fängt eine Therapie an und beginnt zu fotografieren – Kunst ist ein fester Teil des Zen-Programms. Als sie das Kloster verlässt, schafft sie es sofort auf eine renommierte Kunsthochschule. Die amerikanische Fotografen-Legende Stephen Shore wird ihr Lehrer und Mentor.

Und dann die Idee: dem Schicksal der Mutter nachzureisen, die Plätze ihres Lebens zu fotografieren. In her footsteps. Im Kloster hat Garbasz Sallas Memoiren gelesen, nun bricht sie bald, dank eines Stipendiums, nach Europa auf. Zunächst nach Berlin, wo Salla 1929 geboren wurde. Dann weiter nach Holland, wohin die Familie 1933 hatte flüchten müssen. Schließlich nach Theresienstadt, Auschwitz, Christianstadt – und wieder zurück Richtung Westen, auf den Spuren des Todesmarsches nach Bergen-Belsen.

Von August 2004 bis August 2005 dokumentiert Garbasz, wie es dort, wo die Mutter Kindheit und Jugend erlebte, heute aussieht: Da ist die zweite Wohnung der Familie in der Linienstraße 64, die jetzige Mieterin hat sie vollgestellt mit Puppen und Porzellanfiguren; da ist der Flur mit der Zimmerpalme in jenem Groninger Apartment, aus dem Salla, ihre Schwester und Mutter einst in ein Durchgangslager verschleppt wurden; da ist der idyllische Wald, in dem damals KZ-Baracken standen. Die Aufnahmen, denen der Bericht der Mutter gegenübergestellt ist, sind von einer eigentümlich stillen Intensität. Auf vielen ist vom Holocaust nichts zu sehen, was den Schrecken jedoch nicht mindert. Im Gegenteil.

Das entspricht Garbasz’ fotografischem Credo. Von Stephen Shore hat sie gelernt, zu sehen und zu zeigen, was ist – ganz nüchtern. „Ich muss kein Drama machen, das Leben ist dramatisch genug“, sagt sie. Und wem würde man diesen Satz eher abnehmen als Yishay Garbasz?

Die Reise durch Europa hat ihr gut getan, sie hat das Familientrauma verarbeitet, vielleicht sogar damit abschließen können. Drei Wochen vor Sallas Tod schickte sie der Mutter ein Exemplar von „Footsteps“. Es ist nicht so, dass Salla danach plötzlich das Reden begonnen hätte, aber stolz und berührt muss sie gewesen sein, denn das Buch lag zuletzt auf dem Tisch in der Mitte ihres Zimmers im Altersheim – so dass es alle sehen konnten.

Was nach „Footsteps“ folgte, ist für Yishay Garbasz gar kein so großes Thema: Sie habe sich, sagt sie, immer als Frau gefühlt. Gut erinnert sie sich an den ersten Tag im Kindergarten und an die hübschen roten Sandalen, die sie damals unbedingt haben wollte. Als sie sie gegen den Widerstand des Verkäufers bekam, wurde sie von den anderen Kindern ausgelacht. Es waren Mädchenschuhe. Die israelische Gesellschaft der 70er, 80er Jahre sei wenig offen gewesen, sagt sie.

In Asien, wo Garbasz mit „Footsteps“ erste Erfolge feierte, begann sie, sich immer weiblicher zu geben. In Tokio oder Bangkok trug sie an manchen Tagen Make-Up und einen Rock, an anderen Männerkleidung, an wieder anderen Make-Up und Männerkleidung. Dass viele asiatische Kulturen ein relativ entspanntes Verhältnis zu Transsexualität haben, hat es ihr leicht gemacht. Ihr Wechsel von der Männer- in die Frauenrolle sei ein „sanftes Hinübergleiten“ gewesen. Als sie genug Geld zusammenhatte, folgte die entscheidende Operation.

Schon mit der Einnahme weiblicher Hormone begann Garbasz, sich zu fotografieren. Zunächst nur für sich selbst, sie musste das tun. So sei es immer: „Das Thema findet mich.“ Wieder dokumentierte sie eine Reise, aber dieses Mal brauchte sie dafür nicht das Land zu verlassen. „Es ist nicht so, dass mich Kunst glücklich macht. Umgekehrt stimmt es: Ohne Kunst bin ich unglücklich.“

Dass sie nun in Berlin lebt, nur ein paar hundert Meter von der Straße entfernt, in der ihre Mutter ihre ersten Jahre verbrachte, ist vielleicht nur Zufall. Aber Yishay Garbasz sagt, sie sei angekommen.

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