Frauen & Männer : Ein Mann nimmt ab

An Neujahr fasste unser Autor den Vorsatz: Ein paar Pfunde müssen weg! Er fürchtete nur die Einsamkeit: keine Partys mehr, kein Essen mit Freunden ... Doch dann kam alles ganz anders

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Nicht zu fassen: Es gab keine Weizenkleie! Ich stand in einem Drogeriemarkt am Potsdamer Platz, mein Magen knurrte wie ein wilder Köter, seit Stunden hatte ich nichts gegessen. Ich entdeckte Amarinth, Hafer und Früchte-Müsli-Mischungen, nur Weizenkleie fand ich nicht. Die Verkäuferin erklärte mir, Kleie wäre ausverkauft. Ausgerechnet jetzt, wo ich sie so dringend brauchte! Ein Freund hatte mir erklärt, dass Weizenkleie nur halb so viele Kalorien wie andere Frühstücksspeisen habe, dafür aber pappsatt mache – und daher für Diäten ideal sei. In der Theorie gab es die Kleie überall, in der Praxis herrschte ein Versorgungsengpass. Machte etwa ganz Berlin eine Diät? Und so wurde ich am dritten Tag rückfällig: Ich kaufte zwei Proteinriegel und eine Packung kalorienhaltiger Knusperflocken.

Zum ersten Mal im Leben stand ich unter Diät-Stress. Ich aß noch in der Passage einen Riegel, um den Stress abzubauen. Aber das Gefühl des Versagens nagte an mir. Wieso knickte ich gleich am dritten Tag vor dem Müsliregal ein? Und wie konnte es nur so weit kommen, dass ich überhaupt wundersamen Getreidetüten nachjagte?

Die Antwort auf die zweite Frage war einfach: Mein Vater trug die Schuld. Es geschah kurz nach Weihnachten. Ich stand in der elterlichen Küche, er lief an mir vorbei, schaute mich kurz an, wie man Rassekaninchen auf Züchterschauen mustert, und bemerkte: „Du könntest ja auch mal ein bisschen abnehmen.“ Das saß. Wenn schon die eigenen Eltern etwas an der Figur zu bemängeln haben, die zwei Personen auf der Welt, die an ihren Kindern ein Quasimodo-Gesicht und einen Bud-Spencer-Körper für wunderschön halten müssten, dann war es höchste Zeit für eine Diät.

An dieser Stelle muss ich das Bild von mir ein wenig geraderücken. Ich trug keinen Bauch wie eine übervolle Ikea-Tüte vor mir her. Ich verbrachte einfach viel Zeit vor Computer und Fernseher. Aber: Für einen Mittdreißiger konnte ich mich noch passabel strecken, bücken und an guten Tagen knackige hundert Meter sprinten. Zwei Mal die Woche versuchte ich, ins Fitnessstudio zu gehen. Manchmal klappte es sogar, dann absolvierte ich einige Geräte, vermied aber die Hantelecke. Ich wog 82 Kilo bei einer Größe von 1,80 Meter. Ich war ein Durchschnitts-Mann und deshalb so verletzt von den Worten meines Vaters. Ich wollte nicht dick sein!

Neujahr fasste ich den Entschluß: Ein paar Kilos müssen runter. Ein Kollege hatte mir mal von einem Bekannten erzählt, der in kurzer Zeit 15 Kilogramm abgenommen hatte, und zwar mit der Atkins-Diät. Im Internet informierte ich mich: Die Methode ging auf einen Doktor Atkins aus den USA zurück, der empfahl, auf beinahe alle Kohlenhydrate zu verzichten, wie Pasta, Brot und Milch. Man dürfe die ganze Zeit wie verrückt Fleisch essen, also Proteine, die auch zum Muskelaufbau benötigt werden. Einige radikale Atkins-Epigonen empfahlen, in den ersten beiden Wochen auch von Obst und Gemüse die Finger zu lassen. In den USA ist daraus ein Riesentrend geworden, der „low-carb“ heißt: Essen mit wenig Kohlenhydraten. Die irritierende Information, dass Doktor Atkins als übergewichtiger Mann starb, verdrängte ich.

Ich entschied mich für eine abgemilderte Form: kein Brot, keine Pasta, keine Süßigkeiten, kein Alkohol, aber Gemüse, Obst und Fleisch. An den ersten beiden Tagen aß ich jeden Morgen zwei Scheiben trockenes Knäckebrot, mittags einen Teller Suppe und abends eine Schüssel Salat. Ich trank kein Bier mehr, nur Wasser, Milch, Apfelsaft und morgens Kaffee. Am dritten Tag plagte mich das bereits erwähnte Magenknurren. Ich erhielt den Tipp mit der wundersamen Weizenkleie, kaute auf dem Proteinriegel herum und fragte mich, ob diese Diät nicht noch eine andere unerwünschte Nebenwirkung haben würde: das soziale Abseits.

Denn zu einem beträchtlichen Teil besteht mein Leben aus Abendveranstaltungen, auf denen man entweder am Champagner nippt oder sich Wodka-Mixgetränke zuführt, als wäre man der Tank einer Boeing 747. Ich lasse mich von Freunden zum Essen einladen, weil ich so schlecht koche, dass ein gelungenes Rührei Respektbekundungen auf Facebook erzeugt. Wie konnte ich meine Diät in dieses Leben einbinden? Begab ich mich in eine Art innere Emigration, weil ich keine Essenseinladungen mehr annehmen durfte?

Es gab nur eine Lösung: Ich musste mich entblößen, Freunden und Kollegen davon erzählen. Das fühlte sich an, als würde ich ein Alkoholproblem beichten („Hallo, ich heiße Ulf und wiege zu viel“). Am Mittagstisch begann ich beiläufig zu erwähnen, abnehmen zu wollen. Ich erwartete lange Gesichter – aber ich erntete großes Verständnis. Denn es eröffnete sich ein völlig neues, mir bis dahin unbekanntes Kommunikationsfeld: der Diät-Talk. Es war fantastisch. Bei diversen Mittagessen erfuhr ich von der South-Beach-Diät, die nicht funktionierte, einem undurchsichtigen Punktesystem, das seine Tücken hatte, und sogar von der Akupunkturmethode: Eine Kollegin ging jeden Januar zu einem Heilpraktiker in Zehlendorf, ließ sich in die Ohrläppchen Nadeln stechen und schwor, für zwei Monate weniger Appetit zu verspüren.

Wie im Rausch offenbarte ich mich nun jedem, sogar einem Mitstreiter im Fitnessstudio. Der klopfte mir auf die Schulter, „na ja, ab 30 hat man so Fett-Probleme“, und lud mich zum Abendessen ein. Auch er wusste Bescheid: über Kalorien, Kohlenhydrate und Krankmacher. Am Tisch redete er von nichts anderem: „Hier die Pasta um die 600, einmal geht das, mit Scampi in der Pfanne bekommst du Proteine für den Muskelaufbau – und wenn du dem Salat einen Schuss Zitrone beigibst, fördert das den Fettabbau.“ Ich fand die Idee nachahmenswert und säuerte danach jeden Salatteller mit einer halben ausgepressten Zitrone. Er riet mir noch, mit dem Rauchen anzufangen oder Speed zu nehmen. Doch irgendwie mochte ich den altmodischen Gedanken, dass man mit einer Diät dem Körper etwas Gutes tut.

Eine Frage stellte ich dem Kalorienkenner doch, weil sie mich seit Tagen quälte: Ist Champagner low-carb? Sein Ja beruhigte mich. Ich musste mich nämlich meiner ersten Einladung zu einem Geburtstagsbrunch stellen. Zwei Tage später saß ich an einem Tisch in Prenzlauer Berg und schmetterte jedes Prosecco-Angebot ab. Ich blieb bei dem Chai-Tee, probierte einige hart gekochte Eier (Proteine!) und ein wenig Schinken (mehr Proteine!). Die Gastgeberin bot mir schließlich Kaviar an. Sie sagte: „Das sind Proteine, das kannst du ruhig essen.“ Auch sie war mit der Welt des Abnehmens vertraut. Überhaupt alle am Tisch schienen Erfahrungen mit einem Ernährungsplan gesammelt zu haben. Wir waren eine große Leidensgemeinschaft. Ich kam auf die fantastische Idee, einfach eine Champagner-und-Kaviar-Diät zu erfinden. Meiner Meinung nach eine erstrebenswerte Form von low-carb, die nur nicht mit meinem Kontostand zu vereinbaren war.

Nach einer Woche kam die Stunde der Wahrheit: der Gang auf die Waage. War ich ein Flusspferd geblieben oder zu einer Gazelle mutiert? Die Anzeige meiner Waage stoppte bei 80 Kilo. Ich hatte tatsächlich zwei Kilo verloren! Ungekannte Glücksgefühle erfüllten mich. Begeistert erzählte ich meinem Friseur von meinem neuen Hobby. Sein Diät-Tipp: abends eine ganze Wassermelone zu essen. In Spanien wäre das eine gängige Fastenart, die, zugegeben, im Berliner Winter ihre Tücken habe. Erst vergangene Woche habe er die letzten fünf Melonen in seinem Supermarkt gekauft – wer weiß, wann wieder welche geliefert würden! Ich dachte an die Weizenkleie und nickte mitfühlend.

Mit meinem neuen Thema rannte ich offene Türen ein. Jeder hatte einen Ratschlag oder eine Meinung – die mich allerdings nicht immer in meinem Ehrgeiz bestärkte. Beim Zahnarzt traf ich einen Freund, der sagte: „Ich merke immer, wenn meine Mutter fastet. Sie muffelt dann so. Wer abnimmt, stinkt!“ Ich hielt den Atem an. Als er ins Behandlungszimmer ging, putzte ich mir noch einmal die Zähne. Tags darauf mailte er mir einen Artikel, in dem die Diät beschrieben war, die Margaret Thatcher vor ihrer Wahl zur Regierungschefin befolgte. Sie verschlang pro Woche 28 Eier (Proteine!), dazu Spinat, Lamm, Fisch, Steaks, Pampelmusensaft und Kaffee. Die eiserne Lady verlor so innerhalb von zwei Wochen neun Kilo, beim Amtsantritt wog sie 51 Kilogramm. Vier Eier pro Tag? So eisern war mein Wille nicht.

In der dritten Woche (vier Kilo weniger!) traute ich mich, eine Risotto-Einladung anzunehmen. Der Gastgeber versprach, auf Kalorien zu achten. Konkret hieß das: Er verwendete statt Parmesan Pecorino und mir war freigestellt, vom Rotwein zu kosten. Vor fünf Jahren habe er auch mal eine Diät gemacht und sechs Wochen lang Weight-Watchers-Shakes getrunken, „eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens“. Seitdem verzichtete er selten auf seine Lieblingsspeisen: Cola und eine Tüte Weingummi.

Nach sechs Wochen bemerkte ich selber nicht mehr, dass ich weniger aß als früher. Mein Gewicht lag bei 76 Kilo, der Bauch war flacher, aber alles andere als bretthart. Zum Sport schaffte ich es selten, aber wenn ich mich bewegte, sah ich bestimmt aus wie eine Gazelle. Ich gönnte mir zur Belohnung in der Weinbar „Il Contadino sotto le stelle“ mein erstes Glas Rotwein, einen fruchtigen Negro-Amaro, und schwärmte meiner Begleitung ausführlichst von meiner Erfahrung vor. Er fasste zusammen: „So, so, dein Rezept ist also: Kein Alkohol und kein Sport.“ Dann schnaufte er, irgendwie verärgert, denn wir waren ja zum Essen verabredet. „Aber jetzt iss mal und tu nicht so, als wärst du eine von den Olsen-Zwillingen!“ Seitdem habe ich die Diät aufgegeben.

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