Frauen & Männer : Erhardts Erben

"Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde. Sie ist Witwe, denn der Gatte, den sie hatte, fiel vom Blatte ..." Mit Versen wie diesen wurde er zum Schmunzelmeister. Acht Komiker feiern Heinz Erhardts 100. Geburtstag.

Henz Erhardt
Heinz Erhardt, geboren am 20. Februar 1909 in Riga, war in den fünfziger Jahren der beliebteste Komiker Deutschlands. --Foto: dpa

BASTIAN PASTEWKA

Das Erste, was ich je von Heinz Erhardt sah, war eine TV-Aufzeichnung seines berühmten „Willi Winzig“-Theaterstücks. Was machte dieser Mann dort? Nach einer halben Stunde begann er zu improvisieren, er baute neue Späße ein und ließ seine Mitspieler so lange zappeln, bis diese auch anfingen zu lachen. Heinz Erhardt war ein Meister des Wortes. Seine Gedichte sind zeitlos; manche schon zum Klassiker geworden. Wenige Komiker sind sprachlich so stark wie er. Leider war es Heinz Erhardt nicht in allen Filmen gestattet, „seine“ Sprache voll auszuspielen. Er war halt ein unikater Künstler; so eindeutig komisch, dass man ihn in seiner Zeit nur mit wenigen Humoristen vergleichen konnte, geschweige denn überall hätte einsetzen können. Was dieser Mann geleistet hat, haben viele Komiker später (ob bewusst oder unbewusst) nachzuahmen versucht. Selbst Otto Waalkes hat in seinen frühen Programmen einige Erhardt-Rezitationen versucht. Mein Lieblingsgedicht von Heinz Erhardt: Ich hol vom Himmel Dir die Sterne / versprechen wir den Frauen gerne /später holen / wir nicht mal aus dem Keller die Kohlen.

ELTON

Lieber Heinz Erhardt, ich schreibe Ihnen heute einen Brief, der längst überfällig ist. Ich möchte mich bei Ihnen aus tiefstem Herzen bedanken. Denn Fakt ist: Ohne Sie wäre ich heute nicht im Fernsehen. Ohne Sie hätte ich nie den Mut gehabt, mich ins Haifischbecken der Fernsehunterhaltung zu schmeißen, wo vielleicht 99 Prozent der großen und kleinen Haie besser aus sehen und lustiger sind als ich oder das zumindest glauben. Sie haben bewiesen, dass man in unserem Business auch ohne Skandale und Waschbrettbauch erfolgreich sein kann. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich will keineswegs so vermessen sein und mich mit Ihnen vergleichen. Aber Sie sind und waren immer mein Vorbild. Es gibt keinen Film mit Ihnen, den ich nicht gesehen habe, und fast keinen Tag, an dem ich Sie nicht mindestens einmal zitiere. Und ich gebe gerne zu, dass ich mich auch hin und wieder mal im Fernsehen einiger Ihrer spitzfindigen und exquisiten Wortspiele bediene. Und sollte diesen Brief jetzt irgendjemand anders zu lesen bekommen und den Rückschluss ziehen, ohne Heinz Erhardt wäre uns also der Elton erspart geblieben, der möge sich schämen. Freuen Sie sich mit mir, dass es diesen wunder vollen und saukomischen Menschen gab. Hochachtungsvoll, Ihr Elton

DIETER HALLERVORDEN

Heinz Erhardt hatte eine wirklich große schauspielerische Bandbreite. Heutzutage würde er selbst von den „Privaten“ nicht in die Schublade „Comedian“ gesteckt werden können, denn er schlägt mit seinem Können alles, was sich derzeit zur Unterhaltung berufen fühlt. Er bediente mit seinem Allroundtalent als Komiker, Autor, Pianist und Kom ponist ein außerordentlich breites Spektrum. Er konnte meisterhaft mit der deutschen Sprache umgehen, er konnte glaubhaft spitzbübische Freude vortäuschen, ohne dass diese je gespielt wirkte, er strahlte die personifizierte Lebensfreude aus, und wenn er eine Grimasse einsetzte, dann niemals, um einem schwachen Text über die Rampe zu helfen. Falls er von irgendwo da oben mitliest: Chapeau!

KÄTHE LACHMANN

„Voulez-vous Kartoffelsupp avec verbrannte Klöße? Non, Maman, je danke vous, je n’ai pas Appetit dazu“, pflegte mein Opa immer zu zitieren. Ob dieser Ausspruch auf dem Mist meines Groß vaters gewachsen ist oder ob er tatsächlich von Heinz Erhardt stammt, weiß ich bis heute nicht. Und meinen Großvater kann ich nicht mehr fragen. Aber die Erhardt’sche Abstammung wäre durchaus möglich. Mein Großvater war nämlich ein großer Heinz-Erhardt-Fan und hat uns Kinder schon recht früh angesteckt. Das ist es, was diesen großen Komiker ausmachte: Die ganze Familie konnte und kann über ihn lachen. Er hat alle Generationen vor der Glotze zu versammeln vermocht. Da spielte er oft den Naiven, aber stets schien sein fundiertes Wissen durch. Er brauchte keine albernen Grimassen, sein einzigartiger Wortwitz und ein schelmischer Blick genügten. Seine Gedichte werden oft zitiert, Doppeldeutigkeiten gleiten nie ins Unappetitliche ab, und sein Humor war immer hintergründig. Er war ja auch eine Art Stand-upper, stand er doch alleine, ohne Verkleidung hinterm Mikrofon. Nur, dass er meist in Reimen gesprochen hat, was heutzutage eher unüblich ist. Wenn man Heinz-Erhardt-Gedichte heu te hört oder liest, muss man immer noch schmunzeln, sie sind genial. Dabei finde ich auch seine Bandbreite so umwerfend: Von Nonsens-Reimen wie „Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht, es hat ja Zeit“ (übrigens einer meiner Favoriten) über köstliche Opern-Nacherzählungen („Das hat sie nun davon“ – Carmen) bis hin zu geradezu Philosophischem: „Gott hat die Welt aus Nichts gemacht, so steht es im Brevier, nun kommt mir manchmal der Verdacht, er macht sich nichts aus ihr …“ Danke, Heinz Erhardt! Wie gerne hätten wir von Dir „Noch ’n Gedicht!“

ECKART VON HIRSCHHAUSEN

Die Größe von Künstlern zeigt sich darin, wie vielen Generationen ihre Kunst etwas bedeutet. Heinz Erhardt ist ein Großer. Ich habe ihn als Kind gemocht, genauso wie meine Eltern ihn mochten und meine Großeltern. Das war mir schon in die Wiege gelegt, denn er galt, weil er aus Riga stammte, als Deutschbalte und der Sing-Sang seiner Sprache als kleine Erinnerung an die verlorene Heimat meiner Familie. Ich bekam zum Geburtstag seine Gedichtbände, die ich gerade wieder durchblätterte. Schmunzelnd sah ich meine mit Bleistift geschriebenen, über 25 Jahre alten, kleinen Notizen, welche Gedichte ich besonders gut fand und welche Pointe ich für meine ersten Auftritte vorm Publikum verwenden konnte: „Sie hat zwei Ärzte, einen alten, wenn sie etwas hat, und einen jungen, wenn ihr etwas fehlt.“ So war Erhardt Wegbereiter meines medizinischen Kabaretts. So albern viele seiner Verse daherkommen, so treffend ist doch seine Bemerkung, dass das Leichte schwer und das Schwere leicht ist, was sich bis heute nicht zu den Theaterkritikern herumgesprochen hat. Natürlich war Erhardt kein politischer Kabarettist, er war der Komiker der Bildungsbürger, die viel verloren hatten, aber alle noch die Goethe-Zitate kannten, auf die er sich einen neuen Reim machte. Der deutsche Humor ist besser als sein Ruf, und gerade das komische Gedicht ist ein Schatz, den wir immer wieder heben können: von Heine über Tucholsky, Morgenstern und Ringelnatz bis zu den Berliner Zeitgenossen Sebastian Krämer und Bodo Wartke. Übrigens kann man Künstler auch schon zu Lebzeiten wiederentdecken!

INGO OSCHMANN

Es gibt zwei Sorten Komiker: die, die gelernt haben, lustig zu sein, und die, die lustig geboren wurden. Letztere nennen wir in der Comedybranche die „Funny bones“. Heinz Erhardt war fraglos ein Funny bone. Die Leichtigkeit, mit der er seine Sachen vorgetragen hat, ist unfassbar. Dafür bewundere ich ihn aufrichtig – besonders, weil Wit ze machen ja richtig harte Arbeit ist. Seine Gedichte mögen heu te nicht mehr so richtig zünden, da hat sich der Humor einfach verändert. Erhardt war noch hochgeistiger als viele heutige Komiker, die ihre Inspiration oft aus dem Alltag ziehen. Seine Herangehensweise an einen Witz aber war die Blaupause für viele, die später kamen. Dass man auch über sich selbst lachen kann, die rasanten Wen dungen: Dass das heute Standard ist, verdanken wir auch ihm. Heinz Erhardt war also zu Recht ein Comedy-Superstar.

MIKE KRÜGER

Ich war 16, und wenn ich den Fernseher einschaltete, dann sah ich Heinz Erhardt. Später, und da schätze ich mich wahrlich glücklich, sah ich ihn auch auf der Bühne. Er spielte seine Paraderolle, den liebenswerten Spießer Willi Winzig. Zumindest ein paar Minuten lang. Dann geriet er aus der Spur, drehte völlig ab, machte Blödsinn, erzählte Anekdoten. Nach einer Viertelstunde fiel ihm ein, dass er ja Theater spielen sollte, fing sich und fragte in die Runde: „Wo waren wir eigentlich?" Das Stück begann dann noch mal von vorn. Was an Heinz Erhardt wirklich genial war, war sein Vortrag. Oft war es gar nicht wichtig, was, sondern wie er etwas sagte. Das funktioniert auch heute noch, wo die Come dy schneller und die Gagdichte um ein Vielfaches höher sind als in den 50er und 60er Jahren, als Erhardt der Konsens komiker Deutschlands war. Wenn also heute im Fernsehen „Drei Mann in einem Boot“ oder „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ läuft und draußen regnet es, dann schalte ich immer noch gerne ein. Die Dialoge mögen heute nicht mehr wirklich lustig sein, doch wie Erhardt spielt, das ist immer noch toll.

PIET KLOCKE

O Mann, der wunderbare Heinz Erhardt! Warmherzig, lebensfroher Tanzbär, fantasievollster Poet des Alltäglichen, Wortakrobat mit einzigartigen Assoziationen, zum Knuddeln und mit nachahmenswerter Lebensmaxime. Ich liebe ihn und seine Kunst! Grübeln kann man. Über ihn in unserer Zeit vielleicht? Einer Zeit der Pochers und, und, und ..., aber halt, es steht mir nicht zu, an dieser Stelle gegen die durch scheinbar ins Unermessliche wachsende Macht unserer Bildschirm gesellschaft „gemachten“ Komikermassen zu urteilen. Ich möchte nur sagen, Heinz fehlte das Entscheidende für heutige Gegebenheiten: Zynismus und Verachtung! Statt die Herzen zu erkalten, hat Heinz sie geöffnet und Freude gebracht, gegeben. Sein Humor trifft mich meist ohne Umschweife tief, ich lache „von Herzen“, das Leben wird leicht für einen Moment. Heinz, ich widme Dir in Bewunderung meinen Reim: Der Igel sticht die Igelin / da schau ich gar nicht gerne hin / denn sind wir doch mal ehrlich / Sex ist ganz schön gefährlich / es gibt sogar Leute, die lieben den Schmerz / und liegen gefesselt im Keller / bis März.

Zusammengestellt von Moritz Honert

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