Frauen und Männer : Humor ist, wenn Mann trotzdem lacht

Franziska Becker ist die Alice Schwarzer des Cartoons. Seit Jahrzehnten ist niemand vor ihrem Humor sicher: Kampflesben, Schlaffis, Berufsemanzen ... Eine Bilanz

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Die Wissenschaft hat festgestellt: Die Frauenbewegung ist auch am Witz nicht spurlos vorübergegangen. Früher folgte das Gelächter der Geschlechter dem Muster, dass die Jungs sich als Witzbolde produzieren und die Mädchen die Zoten kichernd goutieren. Auch der linke Humor blieb eine Männerdomäne: „Pardon“, das Satireblatt „Titanic“, „Scheibenwischer“ im Fernsehen, Tom in der „taz“, Seyfrieds Wimmelbilder – alles Kerle.

Und heute? Ist der fiese, zynische Witz zwar immer noch eine Männerwaffe (Stefan Raab, Harald Schmidt). Aber Marie Marcks, die erste tagespolitische Karikaturistin, die den Herrschaften vor 50 Jahren Konkurrenz zu machen begann, hat als Pionierin ganze Arbeit geleistet. Längst gibt es neben ihrer spitzigen Feder und dem nervösen Strich ihrer französischen Kollegin Claire Bretécher: Anke Engelke, Nachtschwester Kroymann, die Missfits, Hella von Sinnen, „Sex and the City“ – und Franziska Becker.

Sie ist 61, Wahl-Kölnerin und die Ur-Feministin unter den Karikaturistinnen. Marie Marcks nahm das Dreigestirn Papa-Mama-Kind aufs Korn, Bretécher in „Die Frustrierten“ die Alt-68er. Auch Franziska Becker zeichnet Sittenbilder der Linken, der Hippies und Ökos, Spontis und Schlaffis, kapriziert sich jedoch weniger auf Feind- als auf Freundinnen-Bilder. Seit sie (nach einem Kunststudium bei Markus Lüpertz) 1975 im Heidelberger Frauenzentrum Alice Schwarzer über den Weg lief, ist sie die Haus- und Hof-Karikaturistin der Frauenbewegung, sprich: der Zeitschrift „Emma“. Ihr Hauptwerk heißt „Mein feministischer Alltag“, vier Folgen gibt es davon.

Ob Schlankheitswahn, Modesucht, Esoterik, Kampflesben und Berufsemanzen, die gute alte Gleichberechtigung, die neuen Väter, Retortenbabys oder Kopftuch-Debatte: Beckers Comics und Bildgeschichten beziehen unmissverständlich Stellung – zu klassischen Frauenthemen. So ist sie die geduldigste Chronistin und zugleich die schärfste Kritikerin der Frauenemanzipation, eine embedded Humoristin, solidarisch, aber mit Häme in eigener Sache. Diät ist Blödsinn, Frauen sind keine besseren Männer und die neuen Väter sowieso keine besseren Mütter. Die Rituale der alternativen Szene – Becker bedenkt sie mit mildem oder beißendem Spott (zu sehen auf ihrer Website walkyrax.de).

Aber geht das überhaupt zusammen, der Feldzug gegen Sexismus und dazu ein Spaß auf den Lippen? Seltsamerweise wird gerade bei Marcks, Becker und Co. immer die Selbstironie gelobt, das macht misstrauisch. Typisch weiblich, dieses Schwäche-Zugeben. Dann lieber Witze gegen den männlichen Bierernst, wie in jener Marcks-Karikatur, in der ein Atlas-Typ die Weltkugel mit sich herumschleppt. Meint die Frau: Warum rollst du das Ding nicht einfach? Solche Pointen sucht man bei Franziska Becker vergeblich. Dafür ist sie eine fantastische Verteidigerin der Üppigkeit. Becker liebt das Knallbunte, wild Gemusterte, überbordend Barocke. Ihre Figuren zeichnen sich durch üppige Hüften, Knollennasen, Schlabberlook und riesige Sprechblasen aus: Verschwenderisch sind sie auch mit Worten. Das ist das Gegenteil von Moralinsäure: Spaßgesellschaft und links, das geht also doch zusammen.

Wie ein Pumuckl geistert ihr wild gelocktes Rotschopf-Alter-Ego durch die Comics. Und schon vor 20 Jahren hat sie sich im Altersheim gezeichnet, eine Greisin, die Klopapierrollen vollmalt. Dazu die Zeile: „Franziska leidet an manischem Kritzeltrieb. Wir müssen sie von Zeit zu Zeit betäuben, um den ganzen Mist wegzuräumen.“ Manisch ist gar kein Ausdruck. Hier eine vorquellende Speckrolle, schräge Frisuren, verwegene Hüte, dort eine freche Fliege, Tiere im Gebüsch, Mini-Dramen unter dem Tisch oder im Bildhintergrund. Und im Großraumbüro springen die Sesselfurzerinnen auf, als eine Kollegin dem Akten schleppenden Praktikanten zwischen die Beine fasst. Den Spieß zwischen Männern und Frauen dreht Becker gerne kurzerhand um.

Wie ihre Fabulierlaune überschäumt, so sprengt sie auch den zeitlichen Rahmen. Becker mythologisiert den Feminismus bis zurück zu den Galliern („Feminax und Walkyrax“), den Neandertalern (Neandertalerin schleift Ehemann hinter sich her), ja sogar zu biblischen Zeiten. Auf dem Buch zu ihrer aktuellen Ausstellung in Frankfurt/Main prangt eins ihrer Paradies-Bilder. Darauf droht Göttin den im Garten Eden herumtollenden Mädels Ada und Eva: „Wenn ihr nicht gehorcht, mache ich einer von Euch einen Schniepel zwischen die Beine.“ Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Wurde auch Zeit, dass mal die Frauen an dem ganzen Schlamassel seit Adam und Eva schuld sind.

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