Frauen und Männer : In der modischen Steinzeit

Vor 20 Jahren tanzten sie so auf der Mauer. Jetzt kommt alles wieder: Stone-washed, Leder, Schulterpolster. Die Modeliste Herbst 2009.

Jemima Gnacke
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Auch wenn die Tierschützer sauer sind: Pelz ist in.Foto: picture-alliance

BIKER-JACKEN: BASALT

Born to be wild, die Designer drehen durch. Keiner lässt den Bikerjackentrend an sich vorbeiziehen. Nur dumm, dass das Gros der Frauen gar kein Motorrad fährt. Aber wer will sich dem Modediktat entziehen? Eben! Mit Reißverschlüssen an den unmöglichsten Stellen, in Schrumpfoptik mit Nierenwärmer oder furchteinflößenden Schulterstacheln. Aber meist aus Leder, dem Material der Stunde. Bikerjacken sehen zum T-Shirt genauso cool aus wie zum Glitzertop. Bei Alexander Wang ist die Jacke weiß mit Engelsflügeln, bei Diesel Black gold mit bewusst schlampigem Batik-Farbverlauf. Einzig Haider Ackermann kombiniert eine sehr weiche Version zum Abendkleid, womit die Bikerjacke auch in die Oper ausgeführt werden kann. Marlon Brando dreht sich im Grabe um!

80’S: MAUERSTÜCK

Leider will der Powerlook immer noch nicht verschwinden – und die 80er bleiben, zumindest die nächste Saison. Enge Mikrominikleider, die kurz unter dem Schritt enden, haben Hochkonjunktur. Sie entschuldigen kein Hüftgold und verlangen schöne Beine, weil die Stretchstoffe nichts kaschieren können. Nicht ohne Grund boomte in den 80er Jahren die Fitnesswelle und der abgemagerte Drogenchic. In diesem Herbst erinnert alles an eine Kreuzung aus Rockkonzert und Studio 54. Glamrock, Gloss und Glitzer. Benietete Stiefeletten und toupiertes Haar, Einteiler im Leopardenlook, ansonsten viel Metallic – und stonewashed! Dazu die obligatorischen Schulterpolster, nur noch Big Shoulders genannt. Das Leben ist ein einziger 9. Novemer ’89!

40’S: ZIEGEL

Das Kostüm der 40er Jahre ist zurück! Wer da an Trümmerfrauen denkt, irrt. Denn die Designer haben sich für diesen Trend nur die Filetstückchen der Zeit ausgewählt. Taillierte Longblazer und den Bleistiftrock, hochgeschossene Schößchenblusen, schreiend pinke Kostüme mit Puffärmeln und wunderschöne bodenlange Kleider in Schwarz, Tannengrün oder Rot. Überall ein schmaler Taillengürtel, um die klare X-Silhouette zu modellieren. Pelzstolen, Federhaarreifen und geschoppte Handschuhe vervollständigen die Grande Dame. Fast. Denn ohne rote Lippen, Zigarettenspitze und streng frisiertes Haar bleibt Frau das, was sie auch vorher war.

DRAPAGE: MARMOR

Für diese Modeerscheinung sollte ein Anlass her, damit es lohnt, sich diese Kleider und edlen Roben aus weich fallenden Materialien wie Satin, Samt und Seide zuzulegen. Drapage heißt ihr Geheimnis, und ihr Vorbild ist die griechische Göttin. An den richtigen Stellen gerafft und drapiert, umspielen sie den Körper wie Huldigungen. Ein sehr auffälliger, um die Hüften drapierter Rock von Balanciaga erinnert trotz oder gerade wegen seiner Schönheit an einen römischen Säulenfuß. Zarte Blusen aus Satin, am Ausschnitt zurechtgerafft, werden mit schmalen Hosen kombiniert. Bei engen Kleidern aus dehnbaren Stoffen wird die Schnittführung dazu genutzt, die weiblichen Rundungen zu betonen und spannende Faltenwürfe zu erzeugen. Alles in allem etwas für Problemzonen.

LINGERIE-LOOK: SAPHIR

In diesem Fall wird kein Wert auf Understatement gelegt. Frauen sollten zu ihrem Sexappeal stehen und ein modelliertes Korsett über statt unter dem Kleid tragen. Der Lingerie-Look erlaubt, was gefällt. Transparente Tops und Kleider, unter denen schwarze Hütchen-BHs oder Schlüpfer zu sehen sind. Madonna lässt grüßen. Bustiers, die wie selbstverständlich unter einem Blazer getragen werden. Designer wie Stella McCartney lassen feinste Spitze durchblitzen. Einerseits ein Hauch von Nichts, kombiniert mit edlem Samt, der jegliche Anzüglichkeit verschwinden lässt. Andererseits Korsetts, die unterhalb der Brust enden. Die Geradlinigkeit der Schnitte bewahrt die Stücke davor, verrucht auszusehen. Hautenge Kleider in Puder- sowie Nudetönen und tiefe Ausschnitte überlassen im Zweifel nichts mehr der Fantasie.

SMART INVESTMENTS: GRANIT

In schlechten Zeiten besinnt man sich auf das Wesentliche. Wozu viel Geld für Schnickschnack ausgeben, wenn es auch für einen hochwertigen, Schurwolle-, Tweed-, Kaschmirmantel oder einen Burberry Trench reicht? Qualität über Quantität. Ein Kostüm von Chanel, Jil Sander oder YSL ist an Eleganz kaum zu überbieten und kommt nicht so schnell aus der Mode. Ebenso der maskulin anmutende Anzug für die Frau, am besten mit doppelreihigem Blazer oder Nadelstreifen. Die Stücke kommen in gedeckten Tönen wie Kamel, Schwarz und, ganz wichtig, Grau – meist einfarbig, zu allem kombinierbar. Die neuen Schnitte und Details lassen keine Langeweile zu, ebenso die aktuellen Farben Pink oder knalliges Rot.

CHANEL-TASCHEN: SMARAGD

Einst als Spießertasche verhöhnt, feiert sie ihr Revival: die Coco-Chanel-Tasche. Das viereckige Ding mit der geflochtenen Henkelkette und dem Chanel-Emblem am Verschluss. Erst hat’s die Oma getragen und jetzt die hippe Enkelin. Von Zehlendorf nach Prenzlauer Berg. In vielen Farben zu haben, ist sie second hand oder geerbt noch am lässigsten. Schlechte Plagiate dagegen sind peinlich. Wer noch andere Chanel-Accessoires besitzt – ran damit an Hals, Ohren und Armgelenke!

TRIBUTE TO MICHAEL JACKSON:

METEORIT

Der King of Pop ist tot. Doch für viele lebt er weiter. Zum Beispiel durch seinen unverwechselbaren Stil. Jeder kennt die schwarzen Slipper, die weißen Socken, den Hut oder Glitzerhandschuh. Auch die Uniformjacke, die Sonnenbrille oder der Mundschutz sind Kennern ein Begriff. Wer also Tribut zollen will, sucht sich eines der vielen Jacko-Merkmale aus. Nicht zwingend alle zusammen und auch nicht unbedingt den Mundschutz, es sei denn, es geht um die Schweinegrippe.

OVERKNEE-STIEFEL: ASPHALT

Als Nuttenstiefel verschrien, sind Overkneeboots für die meisten Frauen ein rotes Tuch. Schlecht zu kombinieren und wenn getragen, dann missverstanden. Man sollte mit ihnen nicht in der Oranienburger Straße gelangweilt am Bordstein stehen, aber sonst sind sie relativ vielseitig. Ob zum Minirock, über eine enge Jeans oder zum kurzen Kleid. Aus Glatt- und Wildleder, flach oder mit Absatz. Nur als Lack, Plateau und Zehn-Zentimeter-Kombination können sie im Regal verstauben, dann bleibt einem auch der sonst unvermeidliche Pretty-Woman-Witz erspart.

PAILLETTEN: DIAMANT

Wer sonst keinen hat, bekommt diesen Herbst wieder einen Grund, einige Kleidungsstücke in die Reinigung zu bringen. Denn die kleinen futzeligen Dinger namens Pailletten und Swarowski-Steine sind in. Sogar bei einschlägigen, schwedischen Modehäusern sind sie in Form einer Leggins zu erwerben. So kann sich niemand herausreden, er habe davon nichts gewusst. Pailletten erinnern an Weihnachtsschmuck, Karneval und Transvestitenkostüme, deshalb ist Vorsicht geboten. Sie fallen auf, es schreit geradezu nach Stimmung – dessen muss man sich bewusst sein. Immer mit Schlichtem kombinieren!

PELZ: RUBIN

Um die Tierschützer von Peta wieder auf den Plan zu rufen, gibt es in diesem Winter einige gute Gelegenheiten, Pelz zu tragen. Da die Einflüsse, wie bereits vorgestellt, vor allem aus den 40er und 80er Jahren stammen, sollte die weibliche Attitüde vom Luxusgedanken getragen sein. Pelze gibt es als Puffärmelbolero, als fransige Pelzcapes, locker über die Schultern geworfen, als Kragenbesatz oder Stola. Besonders häufig: die farbliche Vermählung zwischen Grau und Braun, quasi in einer Melange. Im Zweifel tut es auch ein täuschend echter Fake, da ist es zu verschmerzen, wenn Ei- oder Tomatenreste eines Pelzgegners darauf landen.

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