Frauen und Männer : Nackig? Muss nicht sein

Alexander Fehling gilt seit dem Film „Goethe“ als neuer Star. Nun spielt er Andreas Baader. Ein Gespräch über die BMX-Bande und das Paradies West-Berlin

Interview: Ulf Lippitz
Alexander Fehling (Mitte) als Andreas Baader im neuen Kinofilm "Wer wenn nicht wir".
Alexander Fehling (Mitte) als Andreas Baader im neuen Kinofilm "Wer wenn nicht wir".Foto: Senator Filmverleih

Alexander Fehling, 29, spielte einen Zivildienstleistenden in „Am Ende kommen Touristen“ und einen deutschen Oberfeldwebel in „Inglourious Basterds“. Ab Donnerstag ist er als RAF-Terrorist Andreas Baader im Kinofilm „Wer wenn nicht wir“ zu sehen.

Herr Fehling, das kann ja heiter werden.

Wieso?

In Interviews werden Sie gern mit Sätzen zitiert wie: „Ich will gar nichts erzählen.“

Ich habe keine Lust, Fakten aufzuzählen, die mein Privatleben betreffen.

Der „Süddeutschen“ haben Sie gesagt: „Ich habe nie an Networking gedacht.“

Ich glaube einfach nicht daran, dass ich mehr Arbeit bekomme, wenn ich ständig auf Filmpartys oder Autohauseröffnungen gehe. Meine Filme sollen überzeugen, mein Spiel, meine Rollen. Wenn ein Regisseur oder Produzent die dann gut findet, kommt man auch zusammen.

Muss man andere nicht erst auf die eigene Arbeit aufmerksam machen?

Man muss Geduld haben, klar. Man kann nicht immer den Arm hochreißen und schreien: Hier, ich! Ich kämpfe mit mir, diese Geduld aufzubringen. Mir wurden inzwischen Rollen angeboten, bei denen hatte ich nur ein schlechtes Gefühl.

Was hat Sie daran gestört?

Das waren Film- und Fernsehformate, bei denen ich spürte, die wollen mich, weil ich ganz nett aussehe. Aber damit wäre ich unglücklich geworden. Scheitern, Konflikte, Ehrlichkeit – wenn ein Film all das nicht hat, ist das ein Verrat am Leben. Das interessiert mich nicht. Soll aber nicht heißen: Oh, ich bin Schauspieler, ich will nur schwierige Rollen ... Ich liebe Unterhaltung. Am Ende eines Drehs will ich das Gefühl haben, ich nehme einen Mehrwert mit nach Hause, ich habe irgendwie was gelernt.

Was ist der Mehrwert bei der Figur Andreas Baader?

Der bestand erst einmal darin, dass ich am Anfang nicht wusste, wie ich die Rolle spielen sollte. Ich war ratlos. Der Film hatte einen ganz besonderen Ansatz, er erzählt die Vorgeschichte der Gewalt bis 1969, damit fallen ikonografische Bilder aus den 70er Jahren völlig weg. Und Baader ist nicht die Hauptfigur, sondern die dritte Person des Films, es geht um Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Da habe ich gar nicht so viel Platz zum Spielen. Der Baader taucht erst nach der Hälfte des Films auf. Er steht für Wut, Konsequenz und Haltlosigkeit.

Er mag schnelle Autos, Zigarren, hat Erfolg bei Frauen ...

Er hat Virilität. Ich habe mich gefragt, was ist denn hinter dem Macho? Er kommt in einen Raum, die Brust raus, und baut sofort einen unsichtbaren Zaun um sich auf. Links, rechts, peng, peng. Ist der dann der Macho oder will er sich schützen? Diesen Grat zu finden, das war meine Aufgabe.

Moritz Bleibtreu hat Baader in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ gespielt. Er sagte, Baader habe „so viel Murks“ geredet. Ging Ihnen das ähnlich?

Ja, aber was habe ich davon? An diesen Bewertungen muss ich vorbeischauen. Ich bin Verbündeter der Figur, ich trage nicht meine Meinung vor mir her.

Baader wurde auch schon von Ulrich Tukur und Frank Giering gespielt.

Ich habe „Der Baader-Meinhof-Komplex“ nie gesehen und den Giering-Film nur bruchstückhaft, nachts im Fernsehen. Ich habe auch mit Moritz nicht über die Figur gesprochen. Ich muss doch meinen eigenen Weg finden. Für den Film habe ich mich wegen des Drehbuchs entschieden und wegen Andres Veiel. Er hat als Regisseur ein Anliegen, er weiß so viel. Darauf konnte ich mich verlassen.

Haben Sie Stefan Austs „Baader-Meinhof-Komplex“ gelesen?

Nein, es gab nur ein Buch, das mir geholfen hat: die Baader-Biografie von Klaus Stern und Jörg Herrmann. Ich habe zwar noch andere Sachen gelesen, aber ich merkte: Wissen ist eine heikle Sache.

Wie meinen Sie das?

Manchmal ist es gut, viel zu wissen. Doch manchmal kann man die Fakten nicht verarbeiten. Laufend hat man die Bilder im Kopf, wie das damals wirklich war. Wenn ich am nächsten Morgen eine Szene spielen soll, hilft mir das nicht. Wichtig ist, dass die Situation und der Typ glaubhaft sind, dass man die sinnliche Ebene begreift.

In „Wer wenn nicht wir“ hat jeder der drei Hauptdarsteller Nacktszenen – August Diehl als Vesper, Lena Lauzemis als Gudrun Ensslin und Sie.

Lena und ich wussten, es muss zarte erotische Szenen geben und harte. Mit der Nacktheit, das muss jeder für sich mit dem Regisseur verhandeln, ob man das braucht.

Clint Eastwood soll regelrecht Angst vor Nacktszenen gehabt haben.

Ich habe normalerweise auch keinen großen Drang, mich nackig zu machen.

Was hat Sie in diesem Fall überzeugt?

Wenn Ensslin und Baader sich nach dem Knast wiedersehen, ziehen sie sich voreinander aus, sie sind aufgelöst. Am nächsten Morgen telefoniert sie mit ihrer anderen Welt, mit dem Vesper in Berlin, da steht der Baader auf, geht nackt zu ihr hin und haut ihr in die Fresse. Das ist ein starkes Bild und erzählt viel über die Beziehung, die Gewalt, die Verwundbarkeit.

Wenn Sie das spielen, sind Ihnen die Figuren historisch fern?

Die haben nichts mit meiner Lebenswelt zu tun. Die RAF-Geschichte war nie so präsent bei mir.

Sie haben Abitur gemacht. War die RAF-Zeit nicht Teil Ihres Geschichtsunterrichts?

Bestimmt, es ist mir aber nicht mehr präsent.

Für die 68er waren die Studentenproteste einschneidend, für Ihre Eltern die Wende. Und für Sie – der 11. September?

Nein. Das war schrecklich und hat das Bild der sicheren westlichen Welt zerstört, aber ich kann das nicht vergleichen mit dem Mauerfall für meine Eltern oder den Krieg für meine Großeltern. Würden wir in New York leben, wäre das anders.

Als die Mauer fiel, waren Sie erst acht.

Trotzdem kann ich mich gut an die Gerüche erinnern, als wir zum ersten Mal über die Grenze nach West-Berlin gefahren sind. Es roch nach viel mehr verschiedenen Dingen – nach dem Obst beim türkischen Händler, nach dem Eis aus der Tiefkühltruhe, selbst der Dreck roch facettenreicher.

Sind Sie gleich am ersten Tag rüber?

Überhaupt nicht. Ich war einer der Letzten aus der Schule. Die anderen kamen schon mit Gummibärchen und Bonbons in die Klasse, ich dachte, die kommen direkt aus dem Kinderparadies. Wir waren erst nach zwei, drei Wochen drüben.

Was haben Sie sich zuerst im Westen gekauft?

Ein Calippo-Eis, so ein Eis zum Rausdrücken, mit Kirschgeschmack. Wahnsinn war das für mich! Und die kleinen Kaugummi- und Bonbonautomaten an den Wänden! Ich dachte: Mensch, was ist denn hier los? Das ist wie für mich gemacht. Die Straßen sahen anders aus, voller, bunter und weiter.

Sie haben damals in Marzahn gewohnt.

Im Plattenbau in der Otto-Winzer-Straße, benannt nach dem ersten Außenminister der DDR. Jetzt heißt sie Mehrauer Allee.

Ihre Eltern waren Journalisten bei der „Jungen Welt“, der auflagenstärksten DDR-Tageszeitung. Wie haben Sie die Brüche der Nachwendezeit in Ihrer Familie erlebt?

Mein Vater hat noch lange als Journalist gearbeitet. Meine Mutter begann dann auch viele andere Sachen zu machen. Als ich so jung war, habe ich mich geärgert, dass ich nicht alles verstehe, was passiert. Heute bin ich heilfroh, dass ich so jung war. Für mich war die Wende kein biografischer Bruch, meine Großeltern hingegen haben ihr ganzes Leben in der DDR verbracht. Mit einem Mal änderte sich alles, die Sachen, an die sie geglaubt haben, gab es fast nicht mehr. Für mich war die Öffnung der Mauer positiv, nur wenn man gerade in der Mitte des Lebens steht und die historische Entwicklung walzt dich platt, das ist schon heftig.

Empfinden Sie sich als Berliner oder eher als Ost-Berliner?

Ich komme aus Berlin. Ich kenne den Osten wie meine Westentasche, aber deshalb fühle ich mich im Westen nicht unwohl. Allerdings merke ich, dass ich bei Ost-Themen sensibler bin.

Können Sie sich an Ihre erste Auslandsreise in den Westen erinnern?

Sommer 1990, nach Griechenland, das war der Wahnsinn. Zuerst sind wir nach Athen geflogen, dann mit einem Riesenschiff acht Stunden nach Naxos. Zum ersten Mal ein richtig salziges Meer, ich habe gedacht: Das ist nicht wie meine Ostsee.

Als Kind war „Die BMX-Bande“ mit der jungen Nicole Kidman Ihr Lieblingsfilm.

Wie die über die Autos springen, der eine liegt im Grab, Nicole Kidman küsst ihn, das fand ich toll.

Deshalb wollten Sie Schauspieler werden?

Nein. Selbst als ich mit 14 Off-Theater gespielt habe, gab es nicht das Bedürfnis, auf die Leinwand zu kommen. Ich wusste nur, ich will auf die Schauspielschule.

Das hat Ihnen keiner ausgeredet?

Natürlich wurde auch gesagt, mach doch erst mal was Vernünftiges. Eine Weile habe ich darunter gelitten, dass mein Wunsch nicht sofort ernst genommen wurde. Die Freiheit im Spiel war mir aber wichtiger, ich merkte, das hat immer etwas mit meinem Leben zu tun. Ob ich gemocht werde, ob ich auf die Fresse falle – das kam alles auch im Spiel vor. Ich erinnere mich, als ich mich das erste Mal mit 19 Jahren an der Ernst-Busch-Schauspielschule beworben habe, mit stolzgeschwellter Brust – da dachte ich, hey, ich weiß Bescheid. Doch ich wurde damals nicht genommen.

Sie dachten, Sie waren gut?

Tatsächlich habe ich es nicht verstanden. Ich habe mich ein Jahr lang an anderen Schulen beworben, hat auch nicht funktioniert. Ich musste erst lernen, anderen Menschen besser zuzuhören und Kritik anzunehmen. Ein Jahr später, 2003, hat es dann an der Busch-Schule geklappt.

Sie haben gesagt, den Beruf des Schauspielers lerne man auf der Schule nicht kennen.

Zum Beispiel die Wechsel zwischen Theater und Film. Ich probe gerade für das Maxim-Gorki-Theater, „Madame Bovary“, die Theaterfassung einer jungen Autorin, ich spiele den Charles Bovary. Das ist wieder Neuland für mich. Ich muss plötzlich den Raum füllen.

Haben Sie Angst vor der Kritik? August Diehl hat gesagt, schlechte Kritiken im Theater seien schlimmer als beim Film, weil man das Stück noch ein paarmal spielen muss und der Film bereits vor Monaten abgedreht und fast vergessen ist.

Das stimmt, da hat man das Stück am Samstag gespielt, und am Montag kommt die Keule. Ist aber gut für mich, das mal wieder zu erleben. Sonst macht man es sich zu gemütlich.

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