Frauen und Männer : Schweizer Männer wehren sich

Lange durften eidgenössische Frauen nicht wählen, nun emanzipieren sich dort die Mannsbilder. Besuch bei einem einzigartigen Magazin.

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Schweizer Männer pflegen urtümliche Sportarten - Zum Beispiel das Steinestoßen.
Schweizer Männer pflegen urtümliche Sportarten - Zum Beispiel das Steinestoßen.Foto: mauritius images

Man fragt sich ja schon, warum es so etwas wie die „Männerzeitung“ ausgerechnet in der Schweiz gibt. Also kein Herrenmagazin, sondern eine Zeitschrift, die sich mit Männerrechten befasst, die „Emma“ für Männer gewissermaßen. In der Schweiz, wo Frauen erst seit 1990 überall wählen dürfen. Wo Mütter „das Mami“ heißen und eine Frau in einem Gesuch „achtenswerte Gründe“ vorbringen muss, wenn ihr Name nach der Hochzeit Familienname werden soll. Wo sich jedes Frühjahr folgendes Bild bietet: Das Sechseläuten, der wichtigste Feiertag in Zürich. Die Zünfte feiern sich, Männer in mittelalterlichen Kostümen ziehen zu Pferd oder zu Fuß durch die Stadt, Frauen dürfen nicht mitmarschieren, die stehen am Straßenrand und reichen den Männern Blumen.

Oder jetzt wieder, rund um den Schweizer Nationalfeiertag am 1. August. Im ganzen Land treten die Steinstoßer und Schwinger gegeneinander an. Das Schwingen ist die Schweizer Form des Sumoringens, ein Nationalsport. Auf Sägemehl stehen sich die Kämpfer gegenüber, beide tragen einen Schurz aus Jute. An den müssen sie sich fassen, bis einer zu Boden geht. Frauen sind beim wichtigsten Wettbewerb, der alle drei Jahre stattfindet, nicht vorgesehen. Mit einem Wort: In der Schweiz könnte man vieles gründen, Frauenparteien, Frauenzünfte, Schwingerclubs für Frauen. Aber eine Männerzeitung?

Burgdorf im Emmental, Sitz der Redaktion der „Männerzeitung“. Ein Ort mit engen Gassen und alten Häuschen, eingebettet in eine Landschaft aus grünen Hügeln und schroffen Felsen. Das Emmental ist berühmt für seinen Käse und den Dichter Jeremias Gotthelf, der Mitte des 19. Jahrhunderts düstere Geschichten über das Leben hier geschrieben hat. Es geht um Bauern und den Teufel, um eine mordende Spinne, und immer wieder heißt es, die Männer würden von den Frauen „gemeistert“. Die Angst der Männer, von den Frauen unterdrückt zu werden, scheint alt zu sein in Burgdorf im Emmental.

Ivo Knill, Herausgeber der „Männerzeitung“, hat keine Angst vor Frauen. Knill, beiges Kurzarmhemd, verwuscheltes dunkles Haar, öffnet die knarzende Holztür eines alten Häuschens mit grünen Fensterläden, das einmal eine Gerberei war. Oben wohnt Knill mit seiner Frau und den erwachsenen Kindern, wenn sie denn mal zu Hause sind. Im Erdgeschoss produziert er vier Mal im Jahr die Zeitung. Ein Computer steht da, ein Schreibtisch, ein schöner alter Schrank als Archiv, mehr braucht es nicht. Fünf Journalisten arbeiten mit, dazu dreißig Autoren. Ende 2010 feierte man die 40. Ausgabe.

Knill ist 47, er fragt fast so viel, wie er selbst erzählt, vielleicht, weil er von Beruf Lehrer ist. Er unterrichtet Deutsch und Geschichte an einer Berufsmaturitätsschule, oft sagt er das Wort „spannend“. Ansonsten ist er ein Zeitungsmacher wie jeder andere. Auf der Suche nach den Themen der Zeit und guten Covern. Die da wären: „Der potente Mann“, „Der neue Mann“, „Der fremde Mann“. Oder: „Männer lieben“, „Männer bauen“, „Männer altern“.

Der „Männerzeitung“ gehe es „um die Versöhnung mit dem Männlichen“, sagt Knill. Darum, „wie eine positive Männlichkeit ausschauen kann“. Da sind Artikel über Jugendliche und ihre Rollenvorbilder oder über Männer, die Väter werden. Und über Sex im Internet (schöne Überschrift: „On- oder offline mit dem Phallus?“). Jedes Heft ist schwarz-weiß, mit viel Weißraum und einem großen Foto auf dem Cover. Eine Reportage erzählt von Männern, die in Frauenberufen arbeiten, eine andere von einem Mann, der sich als Bikiniverkäufer durchschlägt.

Ein anderes Thema, das Knill unter den Nägeln brennt: Dass männliche Sexualität gerne unter Generalverdacht gestellt werde. „Unser Geschlecht hat den Stempel: potenziell gefährlich, das ist ein totaler Krampf.“ Gerade macht er die Schlussredaktion der September-Nummer: „Die wirklichen Geheimnisse rund um Sex“ lautet sie. Wobei sie, als sie vor zehn Jahren mit der „Männerzeitung“ anfingen, mehr auf „Psycho-Groove“ gemacht hätten, so sieht das Knill im Rückblick. Was ein Mann sei und wie er sich fühle, solche Dinge. Jetzt sei man sachlicher, beschäftige sich mit aktuellen Diskussionen wie Väterurlaub oder Teilzeitarbeit für Männer. Ein paar Dinge seien allerdings konstant, sagt Knill: Etwas über Sex muss drin sein und über Gesundheit. Ein Sportheft würde er hingegen nie machen und schon gar nicht so etwas wie: Was muss ich tun, damit meine Frau einen Orgasmus hat?

Männer scheinen ein guter Markt zu sein. Jedenfalls entstehen überall Ableger von Frauenzeitschriften, die um männliche Käufer buhlen, ob „Instyle Men“ oder „Gala Men“. Furchtbar, findet Ivo Knill. „Das Bild, das da vermittelt wird: Ein Mann muss hip sein, potent, viele Freunde haben. Das ist masochistisch, das zu lesen.“ Die „Männerzeitung“ hat eine Auflage von 5000 Stück, das ist viel für die kleine Schweiz. Früher, sagt Knill, hätten sie noch solche Briefe gekriegt: „Eine Männerzeitung, seid ihr schwul, oder was?“ Jetzt nicht mehr. Der typische Leser sei „der ernsthafte Mann mit Familie“. Danach kommt der junge Mann, der sich frage, was es heißt, heute ein Mann zu sein. Und die dritte Gruppe der Männerzeitungsleser, das sind die Frauen.

Wenn man mit dem Herausgeber am Küchentisch sitzt, kommt man irgendwann auf die Geschlechterdebatte zu sprechen. Theoriehefte wie „Alles Gender oder was?“ liefen schlecht, so Knill. Weil es als unmännlich gilt, sich in Genderfragen zu äußern. Oder weil viele „lieber die leichte Muse hätten“, meint Knill. So oder so: „Es reicht nicht zu sagen: Ich bin kein typischer Mann. Man muss eine Idee haben, was man als Mann ist.“

Das Ziel sei eine egalitäre Gesellschaft, eben auch für Männer. Eine Gesellschaft, in der auch Männer bei der Familie sein dürfen, Teilzeit arbeiten. Gerade tüftelt Knill an einer Variante der Elternzeit, mit der die wirtschaftsliberale Schweiz leben könnte. Ein Ansparmodell, ähnlich wie die Altersvorsorge, das den Staat nicht belasten würde.

Knill kommt aus der Männerbewegung der 80er Jahre, aus dieser Zeit stammen auch Projekte wie das Hamburger „Switchboard“, eine Zeitschrift für Männer- und Jungenarbeit, die wiederum aus dem Umfeld der Berliner Männerzeitung „HerrMann“ hervorging. Knill lief damals mit violetten Hosen durch die Gegend, das Ziel: Bloß nicht so werden wie die Schweizer Väter mit ihrem Militärfimmel und „dem Mami“ am Herd. Knill sagt, es sei immer dasselbe: Als junger Mann hat man das Gefühl, dass alles geht, alle gleich sind. Dann hat man eine Familie und merkt plötzlich, wie die alten Rollenbilder ins Spiel kommen. Das sei dann der Punkt, an dem Männer auf das Männerthema stoßen.

Als Frau denkt man: Das sind ja die gleichen Sätze, die Frauen sagen. Dass man Ungleichheit erst wahrnimmt, wenn Kinder da sind und es darum geht, wer wie viel arbeitet. Dass man mit Mitte 30 fast nicht umhin kann, Feministin zu werden, wenn man merkt, dass die Welt nicht so egalitär ist, wie man mit 20 dachte.

Ivo Knill stammt aus dem Appenzell, im Osten des Landes. Dort gehen die Uhren noch langsamer als anderswo, hier hieß es früher: Was sollen Frauen wählen dürfen, die sagen den Männern doch ohnehin, wofür sie stimmen sollen. Die Panik der Männer, „gemeistert“ zu werden, war nirgendwo in der Schweiz so groß wie im Appenzell. Ivo Knill kann sich noch genau erinnern, wie das war, als im Appenzell das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. 1990 stimmte man darüber ab, fast 20 Jahre nachdem die Frauen im Rest der Schweiz das Wahlrecht erhalten hatten.

Knill, 25 Jahre alt, stapfte mit seinem Vater über Berg und Tal. In der Hand hielten sie ein Bajonett. Das galt als Waffenrechtsausweis, denn zur Abstimmung berechtigt war nur der waffenfähige Mann. So gingen sie hinab zum Landsgemeindeplatz, überall standen Männer. Abgestimmt wurde öffentlich, durch Heben der Waffe. Als es darum ging, ob es ein Frauenwahlrecht geben soll, stimmte Knills Vater dagegen. Ivo Knill stimmte dafür. „Ich kann also mit Fug und Recht behaupten, ich habe mit der Waffe in der Hand für das Frauenstimmrecht gekämpft“, sagt Knill, zum ersten Mal diesen Nachmittag zum Scherzen aufgelegt.

Überhaupt trifft man selten jemanden, dem so viel an der Gleichstellung der Frau liegt wie dem Herausgeber der „Männerzeitung“. Einen Mann wie Knill muss Familienministerin Kristina Schröder im Auge gehabt haben, als sie unlängst fand: Wer über Gleichberechtigung redet, muss auch von den Männern reden. Manchen Lesern der „Männerzeitung“ ist das fast ein bisschen zu viel. Jedenfalls lautet die häufigste Beschwerde an die Redaktion: Ihr Frauenversteher. Das erfolgreichste Heft war dann auch die Nummer, in der es darum ging, ein ganzer Mann zu sein. Der Titel: „Macho.“

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